Aber ich habe doch nur … (2017: 302)

Papier sortiert.

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Heute Abend saß ich völlig erschöpft eine ganze Weile vor dem leeren Blatt. Das Uhren­umstellen war nicht für die Erschöpfung verantwortlich. Eher die beiden großen Haufen Papier: Eine Klappbox und zwei der Großeinkaufstaschen vom Discounter voll Altpapier blieben und ein streichholzschachtelhoher Stapel zu scannender und teilweise nicht wegzuwerfender Zettel, Fahrkarten, Briefe – und da sind drei Photographien dabei. Doch die beiden Haufen sind weg.

Aber …

Aber dieses “bißchen” Papier zu sortieren, das war anstrengend, Schwerstarbeit. Denn jedes einzelne Stück hatte (und hat) seine Geschichte, seine Bedeutung. Da war eine Fährkarte aus Koblenz. Eine aus Pillnitz. Eine Zeltplatzrechnung vom Ostseecamp Suhrendorf auf Ummanz. Eintrittskarten, Zeitungsartikel, handgeschriebene Programm­listings in Turbo-Pascal. Kassenbons von einstmals wichtigen Erwerbungen. Konzert­pro­spekte. Alte Entwürfe für irgendwelche Projekte, an denen ich beruflich (oh ja, ich hatte auch Berufe) beteiligt war. Briefumschläge von Absendern, die ich seit Jahren aus meinen Adreßbüchern gestrichen habe. Unabgeschickte Briefe. Ansichtskarten.

Alles, wirklich jedes einzelne Stückchen hatte ich in den Händen. Jedes sah ich mir an und spürte in mir seiner Bedeutung für mich nach. Und sehr, sehr oft bemerkte ich, daß all das seinen Wert als Erinnerungshilfe verloren hat, die Erinnerungen aber waren und sind in mir, viele sehr schöne Erinnerungen, einige unschöne, tiefe Verletzungen hinter­las­sende aber auch. Jetzt bleibt mir nur noch, all das in den Altpapiercontainer zu bringen. Doch ich weiß, damit ist nichts davon auf dem Müllhaufen meiner Vergangenheit gelandet, es ist nur in die entsprechenden Kartons einsortiert, die in den Regalen in meinem Gedächtnis stehen.

Ich bin für heute am Ende. Ich bin erschöpft. Ich bin unendlich müde. Ich möchte heute Abend auf meiner Couch liegen, das Stapelchen Papier nocheinmal ansehen und die drei Bilder, und über den angenehmen Erinnerungen einschlafen. Vielleicht, vielleicht träume ich dann ja auch von meiner nie gehabten Vergangenheit mit ihr …

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Das Gute am 29.10.2017 waren die endlich wieder geltende, für hier richtige MEZ, die geschaffte Arbeit, Loslassen und Behalten.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Neun der Stäbe.

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Über Der Emil

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0 Kommentare zu Aber ich habe doch nur … (2017: 302)

  1. Pit sagt:

    Ich bin jetzt im Alter manchmal etwas traurig, dass ich frueher den Wert der „gedruckten Erinnerung“ nicht richtig geschaetzt und daher zu viel weggeworfen habe – teilweise auch meinen Umzuegen, insbesondere dem nach hier in die USA, geschuldet.

  2. Zu viel Balast ist aber auch nicht gut.

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