086.2026: Das leise Dong

Ein bis jetzt noch ungehörtes, unerhörtes Geheimnis.

 

 

Sehr früh am Morgen steige ich hinauf, die Dämmerung ist noch nicht ganz in den Tag übergegangen. Unter den Glocken im Turm der schon lange nicht mehr genutzten Kirche herrscht Stille; nur der Wind läßt seine Stimme ab und zu hören, und die Balken ächzen hin und wieder unter der Last der Bronze. Der Weg so hoch hinauf führt über viele steinerne Stufen und eine nicht mehr ganz stabil wirkende Leiter. Jede kann ihn gehen, jede, die mutig oder verzweifelt genug ist und den Schlüssel findet in seinem Versteck. Aber wer würde nicht in den direkt neben der Turmtür hängenden klapprigen Briefkasten mit der nicht mehr ganz schließenden Klappe sehen, wenn die Abenteuerlust ausbricht?

Gerade stelle ich mir den Lärm vor, der hier früher geherrscht haben muß, brauste und sich an den Wänden brach, durch die Schallöcher hinausdröhnte, verursacht von den drei läutenden, geläuteten Glocken. Könnte ich ihn ertragen? Wäre er dröhnender als die Stille, die ich hier oben suche und finde? Heute bin ich mutig wie selten. Ich greife nach dem Klöppel der mittleren Glocke, den ich mit den Fingerspitzen greade so erreichen kann. Staunend sehe ich, wie schon eine kleine Berührung ihn in Bewegung setzt. Ob ich es durch wiederholtes Anstupsen schaffe? Immer weiter nähert sich Metall an Metall an. Ich springe hoch, um etwas mehr Schwung zu geben, einmal, zweimal – und beim dritten Hüpfer geschieht es: Ein erstaunlich leises, aber sattes, mich umhüllendes »Dong« ertönt. Ob es außer mir jemand hörte? Der Klang, der für diesen Raum hier früher täglich, sogar stündlich normal war, der bestimmt vielen Menschen für längere Zeit fehlte, als das ganze Geläut verstummte vor Jahren. Ein einziges, leises »Dong« …

Ich steige hinab. Schließe die Tür, drehe den Schlüssel im Schloß und lege ihn in sein Versteck. Wer, so frage ich mich, kümmert sich eigentlich seit Jahren um die Tür und das Schloß? Da ist nämlich kein Quietschen, kein Klemmen oder Haken, alles ist gut geölt – und mir fällt das zum ersten Mal auf. Kann es sein, daß es der besondere, reine Klang dieses Tons war, der meine Sinne schärfte? Ich beschließe, bei meinem nächsten Aufstieg hoch hinauf zu den Glocken irgendetwas mitzunehmen, mit dem sich die Klöppel in Schwingung versetzen lassen: eine Latte oder einen ausgedienten Besen vielleicht. Denn nun, da ich den einen Ton vernahm, nun möchte ich auch die beiden anderen kennenlernen.

Und ihr verratet mich doch sicher nicht, behaltet mein Geheimnis der verlassenen Kirche doch für euch, nicht wahr? Lauscht ihm nach, stellt es euch vor, dieses leise »Dong«, erfreut euch daran. Aber: Pssssssst …

 

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil


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Über Der Emil

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4 Kommentare zu 086.2026: Das leise Dong

  1. Hiraeth sagt:

    Das hat gut getan. Danke lieber Emil, ich höre es …

  2. Sonja sagt:

    Zuerst geheimnisvoll, dann nur noch gut geölt und wunderbar!

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