357 im Advent 2025: 23. Türchen

 
Das ist mein 16. Blog-Adventskalender. Beim Schreiben denke ich oft an die, die krank sind oder Unterstüt­zung benötigen, an alle, die einsam oder allein sind. Möge allen Menschen eine im wahrsten Sinne des Wortes wunder­volle Weihnachtszeit beschieden sein. Meine Kerzen brennen auch in diesem Jahr für alle Menschen und Tiere, vor allem für die, die Hoffnung und Trost brauchen, und für die, die Freude an dieser Zeit haben.

 

Ich tat's lange nicht – doch ich tu wieder, wovon gesungen wird.

 

Einmal mehr ist ein Musiker gestorben, an dem man auch hierzulande kaum vorbei­kam. Denn eines seiner Lieder wird seit nunmehr 39 Jahren in der Weihnachtszeit mehr oder weniger oft gespielt im Radio. Chris Rea (geboren 1951) starb gestern. „Drivin' Home For Christmas” spiel ich euch jetzt aber nicht vor. Denn er hatte sehr viele andere Hits, die jetzt plötzlich keine Rolle mehr spielen …

Zu Weihnachten nach Hause fahren. So oft mußte ich das gar nicht, und zweimal durfte ich es nicht (es gab nur wenige NVA-Angehörige, die zu der Zeit Urlaub bekamen). Die längste Zeit meines Lebens wohnte ich ja im Haus meiner Eltern. Und dann tat ich es zehn Jahre nicht, wollte es nicht, hatte ich doch jeden Kontakt abgebrochen. Aber: Ich fahre seit Jahren schon wieder nach Hause, hin zu dem, was ich noch immer und aller political correctness zum Trotz Heimat nenne. Ja, ins Erzgebirge, ins Dorf meiner Kindheit, in den Ort von 3/5 meines Lebens. Ich weiß noch wie heute: Im Haus nebenan wohnten Österrreicher, echte Österreicher – keine Ahnung, wie das in der DDR hat möglich sein können. Die blieben jedenfalls zu Weihnachten im Ort, zuhause, sind nicht zum Fest in die Heimat gefahren. Und irgendwann waren sie doch alle drei weg. Auch mein Vater blieb, fuhr nicht zum Fest nach Hause, reiste nicht nach Mecklenburg zu seinen Eltern, oder besser: Ich kann mich nur an ein einziges Weihnachtsfest auf dem ehemaligen Neubauernhof erinnern.

An was ich mich nicht erinnern kann: Streß und Streit an den Feiertagen. In der Familie halfen alle bei den Vorbereitungen und der Gestaltung des Festes. Zum Beispiel hab ich auch als Erwachsener noch beim Mandeln-Schnappen mitgemacht und die dann auch durch den Fleischwolf gedreht. Und natürlich: Die rohen Kartoffeln für die Grünen Klöße hab ich schon als Kind mit der KM-8 gerieben, und oft auch den Kaffee mit eben dieser KM-8 gemahlen. Bei so viel Beschäftigung hatte niemand Zeit dazu, mit irgendwelchem Zoff zu beginnen. Das hat sich irgendwann – leider – geändert. Und dann, ein oder zwei Jahre, bevor ich verschwand, gab es böse Worte und Streit. (Mittlerweile weiß ich, daß es damals weder meiner Mutter noch mir psychisch wirklich gut ging, wir kämpften beide mit der Depression.)

Nur ich, ich werde es nicht erleben, daß jemand zu mir nach Hause gefahren kommt zur Weihnacht. Unschuldig bin ich daran nicht, wirklich nicht. Dennoch hat es mich gestern traurig gemacht, mir genau das so ehrlich und offen einzugestehen. Ich bin kein Zuhause, zu dem zur Weihnacht jemand heimfahren will. (Ich werde mich echt freuen, wenn ich einen meiner Söhne und seine Familie treffe zu diesem Weih­nachts­fest, wirklich sehr freuen.) Ja, kurz vorm Fest der Freude war ich sogar tieftraurig deswegen. Als ich gestern nämlich doch dieses Lied hörte, das in einem Sampler erklang. Nicht im Original, nein, eine deutsche Version Dirk Michaelis (Suchbegriff „Dirk Michaelis Ich fahr Weihnachten nach Hause”). An die konnte ich mich echt nicht erinnern. Und ich weiß: Manche werden diesen Sänger nicht kennen. Aber Chris Rea, Chris Rea werden viele gekannt haben. Zur Weihnacht nach Hause fahren – Driving home for christmas.

All jenen, die es tun, wünsche ich einen guten Weg und eine gute Zeit.

 

Erinnerung des gestrigen Tages:
Die Weihnachtsberge ganz oben im Museum für Bergmännische Volkskunst …

 

Ich schleiche mich davon und wünsche eine schöne Advents- und Weihnachtszeit.

Der Emil

 

P. S.: Gestern, am 22. Dezember 2025 war ich zufrieden mit Weggeräumtem, mit Eingepacktem, mit gehöter Musik.


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Über Der Emil

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4 Kommentare zu 357 im Advent 2025: 23. Türchen

  1. Gudrun sagt:

    Es ist schön, dass du deinen Sohn triffst und seine Familie. Ich freue mich für dich.
    Hab eine schöne und auch ein bissel aufregende Zeit, lieber Emil.

  2. Karin sagt:

    Schöner Text, Emil. Ich habe seit über 10 Jahren keinen Kontakt mehr zu meinen Eltern, fahre also auch nicht mehr zu Weihnachten „nach Hause“. Aber zu Hause ist jetzt ohnehin woanders, da wo Menschen sich mögen und gut zueinander sind. Vielleicht, wahrscheinlich ist das bei Dir ja ähnlich? Liebe Grüße und ein schönes Fest wünsche ich Dir!

  3. Franci sagt:

    Ich habe kein (Eltern)Zuhause mehr und bin leider (ohne Kinder) auch keins – so kann es gehen.
    Ein wunder“volles“ Weihnachten für Dich, Emil.

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