Schwalbe, Trabant und mein eigenes Leben.
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Früher™ gab es in und an Fahrzeugen noch einen Benzinhahn. Mit dem wurde einfach der Zuflauf des Kraftstoffes zum Vergaser (Fallstromvergaser) unterbrochen oder geöffnet. Erinnert ihr euch auch noch daran? Drei Stellungen am Hahn: Zu, Auf, Reserve. Da begann der Motor zu stottern, wenn das Benzin alle war. Obwohl da im Tank noch eine Reserve war. Ich mußte den Benzinhahn nur umstellen und hatte im Trabant zum Beispiel noch Kraftstoff für etwa 50 km, bei sparsamer Fahrweise. Auch am Moped und am Motorrad war das so, an der Schwalbe, dem S 50 oder der ETS 175. Nun, das „Erreichen” der Reserve war ein wesentlich deutlicherer Hinweis auf das nötige Tanken als es (für mich) jede Füllstandsanzeige im Armaturenbrett je sein konnte und kann.
Wie weit wir Menschen uns vom Bereithalten einer Reserve im Alltag entfernt haben, das macht mir Sorgen. Dabei denke ich weniger an die materiellen Dinge. Denn Kaffe und Klopapier und so einiges Andere habe ich immer in solchen Mengen zuhause, daß ich mit den Vorräten (den Reserven) mindestens drei Wochen hinkommen werde. Mehr Sorgen mache ich mir um meine eigenen Reserven, die physischen und psychischen, die ich als Mensch haben sollte, die aber die Menschen nur noch sehr selten haben und haben können. Es wird doch überall gefordert, 100 % und sogar noch darüberhinaus Leistung zu bringen. Wenn eine Ärztin oder Kassiererin aber schon im Beruf mehr als 100 % dessen leistet, was sie zu leisten vermag, dann ist doch im Beruf jegliche Reserve mit aufgebraucht. Für das private Leben außerhalb des Berufes ist nichts mehr oder – im besten Falle – äußerst wenig übrig. Und dann? Dann beginnt jeder neue Tag nicht mit einem vollen Tank; da steht der Kraftstoffhahn schon auf Reserve.
Auch meine Depression fühlt sich so an: In der beginne ich den Tag nur noch mit einem Rest an Reserve. Und zu gewissen Zeiten müßte ich den Trabant oder die Schwalbe eben sogar schieben in der Depression, wenn ich denn noch die Kraft dazu hätte …
Am Ende dieses Textes darf ich alle Leser:innen beruhigen. Es geht mir zur Zeit recht gut, die Depression ist zwar da wie immer, aber nicht akut.
Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.
P.S.: Gut fand ich am 22.09.2022 die gepackten Utensilien, der Rest Linseneintopf mit Käsebockwurst, ein in einem Rutsch durchgelesenes Buch.
Für morgen zog ich die Tageskarte Sieben der Stäbe.
© 2022 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


So ganz kann ich der Rechnung nicht folgen. Natürlich bin ich im Job mehr oder weniger mit 100% dabei, aber er gibt mir ja auch was zurück. Und in meiner Freizeit mache ich doch so einiges. Vieles auch, um die Akkus wieder aufzuladen. Da mir das aber vor allem in der Natur und beim Photografieren gelingt, ist es ein schöner und erfüllender Ausgleich. Als ich noch unter Depressionen gelitten habe, war auch dieser Ausgleich kaum möglich. Insofern geht es mir heute deutlich besser, auch wenn ich manchmal gerne mehr Zeit für anderes hätte.
Ach, die Rechnung.
Für mich sind 100 % eben 100 % und danach ist nichts, wirklich nichts mehr übrig. Wiederaufladen ist natürlich Bestandteil des Lebens außerhalb der Arbeit – aber auch außerhalb der Arbeit muß „Leistung erbracht” werden; und für die war/ist bei mir, wenn ich mehr als die 100 % verausgaben mußte, nichts mehr übrig.
Lieber Emil, Deine Rechnung kann ich sehr gut nachvollziehen.
Vor ein paar Wochen ging dann plötzlich nichts mehr. Lange, viel zu lange fühlte ich mich so, als würden die 100%, die ich in allen Bereichen meines Lebens gegeben habe, zu wenig sein. Es war ein viel zu langer Zeitraum, in dem ich funktioniert habe, immerhin mehrere Jahre. Dann, ja, ich muss es rückwirkend so sagen, „endlich“ ein mehrwöchiger Krankenstand, den ich akzeptierte habe und der mich sehr tief nachdenken ließ. Und dann folgte die Trennung von einigen Lebensumständen, die mich einfach dauerhaft und zutiefst erschöpft haben. So bin ich nun dabei, meinen eigenen Weg zu finden …
Ganz liebe Grüße!
Wenn Du magst und es zulassen kannst, stell Dir bitte jetzt eine vorsichtige, herzliche Umarmung/Umärmelung vor.
Und danach setzen wir uns an ein Lagerfeuer, reden und schweigen und trinken und atmen und schauen den auffliegenden Funken zu.
Über so eine ähnliche Szene, die Feuerstelle betreffend, schreibe ich gerade. Ich danke Dir, so eine herzliche Umarmung nehme ich gerne an.
Es geht aufwärts, aber es wird immer deutlicher, dass ich meinen eigenen Weg gehen muss / darf. Endlich meine Fähigkeiten so einsetzen, dass sie nicht mehr in längst überholten Systemen sinnlos verpuffen … Ich glaube, wir sind nicht die einzigen, die gerne am Lagerfeuer sitzen … Schön hast Du dieses Lagerfeuer beschrieben!