Oh ja, auch das ist Kunst, leider verschwindende. Oder?
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Die schöne Literatur [ … ] ist Sache der aufmerksamen, unzufriedenen, aber freundlichen Menschen, deren Neugier auf das Leben in allen seinen Erscheinungsformen niemals zu befriedigen ist. Und die glauben, daß sie nicht wirklich existieren, wenn sie es nicht auf dem Papier beweisen. Die das Leben nicht freut, wenn sie es sich in der Kunst nicht größer und fühlbarer machen können.
Eva Strittmatter: Briefe aus Schulzenhof. S. 5 f.
2. Auflage 1979 © Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1977.
Lizenz-Nr. 301. 120/51/79 Bestellnr. 611 938 1
Das paßt doch tatsächlich zu meinem gestrigen Text. Wegen der Unzufriedenheit. Nun brauche ich ja nur noch herauszufinden, ob ich freundlich und neugierig bin (Quatsch, ich weiß, daß ich beides bin, überwiegend). Wenn ich mir meinen Zwang anschaue, noch immer jeden Tag einen neuen Beitrag zu veröffentlichen, dann ist mein Blog wohl auch eine Art Papier, auf dem ich meine Existenz täglich beweisen muß. Aber dann. Dann kommt wieder diese Frage der Kunst. Kann ich es verantworten, meine Schreibereien als Kunst zu bezeichnen? Wie hat das Beuys gemacht? Der hat sich doch auch einfach hingestellt und gesagt: “Was ich hier geschaffen habe, das ist Kunst.” War das ein Akt grenzenloser Selbstüberschätzung, ein Akt der Anmaßung, oder ein Etikettenschwindel – was war das? Oh, ich hatte für mich auch schonmal entscheiden, daß das, was ich schreibe, einfach Kunst ist. Vielleicht nicht alles, was hier im Blog/in den Blogs auftaucht, und auch nicht alles, was ich in meine Kladden schreibe. Doch, es ist Kunst. Aber mit der Unzufriedenheit habe ich vermehrt Zweifel daran, wieder Zweifel daran. Heftige Zweifel daran.
Jedenfalls begann ich heute dieses Buch zu lesen. Es ist eines, bei dem ich jeden zweiten Satz unterstreichen oder herausschreiben möchte. Dabei sind das “nur” Antworten auf Briefe, die Menschen vorwiegend an Erwin Strittmatter schrieben. In denen sie fragten, lobten, kritisierten, nach Einordnung suchten. Und seine Frau Eva Strittmatter war eben nicht nur Ehefrau, Poetin, Mutter – sie übernahm es auch, im Namen ihres Mannes und in ihrem eigenen Namen diese Briefe zu beantworten. Zum Teil mit drei Jahren Abstand zum Brief. Und in jeder dieser Antworten glaube ich ihre Ernsthaftigkeit zu entdecken, ihre Traurigkeit angesichts der schematisierenden und schematisierten Behandlung von Erwin Strittmatters Büchern im Schulunterricht der 9. Klassen (“Tinko”) zum Beispiel, und ihre Angefaßtheit vom Leben da draußen. Ja, Eva kritisierte so manche Briefschreiber auch, zum Beispiel für eine große Faulheit (eine Studentin, der die Arbeit mit Sekundärliteratur einfach nicht zumutbar erschien, und die deswegen beim Schriftsteller so einige Dinge nachfragte, vom Autor ihre Arbeit gemacht haben wollte). Und so seltsam es klingt: Ich halte die meisten dieser Antwortbriefe für Kunst. Es ist nicht nur der sprachliche, schriftstellerische Wert, den ich (für mich?) feststelle. Da ist auch etwas von der Kunst der Kommunikation zu erkennen. Ja, ich halte gute Antwortbriefe oder einfach nur gute Briefe, überlegt und gut formuliert und geschrieben, ganz sicher für eine Kunst. Eine aussterbende Kunst. Da fehlt mir heute nicht nur das Papier und das Schriftbild (auch von Schreibmaschinen, denn die haben im Gegensatz zu Druckern jeglicher Art jede ihre unverwechselbaren Eigenheiten). Wenn nämlich heutzutage bei irgendeinem E-Mail-Anbieter eine Datenbank abkackt, sind alle meine Mails weg. Oft unwiederbringlich verloren. (Es sei denn, man speichert alles auch lokal.) Brände, die Briefe vernichten, sind meiner Meinung nach seltener als IT-Katastrophen, bei denen Daten einfach so verlorengehen.
Wozu jetzt diese vielen Worte über Briefe, die ich für eine legitime und unverzichtbare Art von Kunst halte? Ich habe mich in diesem Absatz eben einfach nochmal motiviert! Jawohl! Für mich sind meine veröffentlichten Texte und noch einige mehr und auch einige andere Werke (Stricheleien zum Beispiel) ab heute wieder Kunst. Ist doch ganz einfach; und es ist auch mein Recht, meine MachwWerke als Kunst zu bezeichnen. Weil ich etwas schaffe, kreativ werde, um genau das zu schaffen, zu er-schaffen. Ganz im Sinne von Beuys' erweitertem Kunstbegriff, ganz im Sinne von van Gogh, Brecht, Benn usw. usf. Jedenfalls behaupte ich von meinen Schreibereien, daß sie zumeist mindestens ebenso Kunst sind wie viele der Nullachtfuffzn-“Hits” aus den heutigen “Hitparaden”. Selbst wenn sie nur Schreib-Punk sind …
Ich habe meinen Status geändert. In meinem Sinne. Vorrangig, eher noch ausschließlich für mich. Ich habe meinen Selbstwert, meine Selbstachtung wiedergefunden, neu festgelegt, angehoben. Und ganz ehrlich: Ich bin sehr zufrieden mit meiner Entscheidung. (Und entschuldigt bitte meinen verwirrten Text.) Das Buch jedenfalls, das bleibt bei mir. Da will ich immer wieder hineinschauen und mich von den Worten der Eva Strittmatter aufbauen lassen. WIeder und wieder und immer wieder.
Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.
P.S.: Am 08.10.2021 waren positiv ein erledigter Einkauf, 10.39 € Pfandgeld, sehr viele bemerkenswerte Sätze.
Die Tageskarte für morgen ist die Neun der Stäbe (übertriebene Angst vor Neuem wegen schlechter Erfahrungen in der Vergangenheit).
© 2021 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


Du hast deinen Status geändert – Gratulation, deinen Selbstwert, deine Achtung wieder gefunden. Sehr, sehr schön! Ich wünschte, ich könnte meinen Selbstwert gegen andere verteidigen, denn ich kenne ihn – nur ich setze mich immer noch nicht dafür selbst ein!
Genau deswegen freie ich mich mit dir und hoffe sehr, dass du dich immer erinnerst, was du wert bist!
Ich würde DIr, wenn es möglich wäre, gerne etwas (ganz viel) Kraft schicken, damit auch Du etwas in dieser Art tun könntest. Außerdem lese ich immer wieder bei Dir und … und bewundere Dich für Deine Kraft, Dein Durchhaltevermögen, Deine Liebe und einfach alles, was Du schaffst.
Danke
Ich habe da auch einen eher erweiterten Kunstbegriff. Oder so: Es ist eine Frage der Seele, ob jemand Künstler:in ist (Wertesystem, Weltanschauung) und wenn ja, ist das von diesem Menschen erschaffene Kunst. Geboren aus der Künstler:inseele.
Und dann gibts es noch den Aspekt der Fertigkeit, des Knowhow. Wie meine Thera neulich sagte: Ihre Kunst ist das Schreiben, Sie können nicht nicht gut schreiben. (Sinngemäß.)
Insofern sind Eva Strittmatters Briefe auf jeden Fall Kunst.
(Was bedeutet Statut geändert? Hab ich wo was verpasst?)
Ja, ja und ja.
Status geändert insofern, als daß ich jetzt wieder selbst anerkenne: Das Schreiben ist Kunst.