2021,240: Trennung

Teil eines längeren Entwurfs, den ich wohl nie beende.

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Lange Zeit sehnsuchtete ich einer unerfüllten, unerfüllbaren Liebe hinterher, die ich einst selbst unmöglich gemacht hatte. Solche Fehler sind und bleiben unkorrigierbar. Wenn es in einer realen Beziehung wirklich schwierig wurde und Arbeit darin und daran notwendig war, konnte ich mich ganz bequem zurück­lehnen und mir einreden, daß die ja sowieso nicht auf Dauer angelegt war. Schließlich wartete und hoffte ich auf diese eine Liebe. In der würde ich ja endlich mein vollkom­menes Glück erleben. Ich übersah dabei all die kleinen Glücke, die ich erlebte, all die guten und wunderbaren Momente tat ich als unwichtig oder nebensächlich ab. So machte ich mich – rückblickend erkannt – durch die eine Hoffnung richtig unglücklich. Wir wurden irgendwann tatsächlich ein Paar, in einer Fernbeziehung, später in einer Wohnung. Ich schien zu schweben vor Glück. Ich vernachlässigte alles andere noch mehr als sowieso schon. Ich wollte dieses Paarsein unbedingt und ich wollte es unbedingt für immer und ewig. Viel zu spät erst merkte ich, daß das eben nicht dem entsprach, was mein Leben sein sollte. Denn da fehlte mir plötzlich etwas. Und ich war noch unglücklicher. Noch weniger zufrieden. Mir fehlte zu vieles, vor allem meine Freundinnen und Freunde. Das unbeschwerte Zusammensein, das in dieser Beziehung nicht möglich war: Denn ich versuchte alles zu tun, um die bis an mein Lebensende zu erhalten. Es brauchte nur einen einzigen heftigen Anstoß, um das zu erkennen.

Denn denen, die mich kannten, fiel diese Veränderung auf. Jede winzige Entscheidung wurde lange abgewogen, und oft verzichtete ich auf eine gute Zeit, weil das Mißtrauen hätte erregen können, überhaupt hätte mißfallen können. Bis mich eine Freundin eines Tages direkt darauf ansprach. Ich wäre ein vertrockneter Spaßbefürchter geworden. Obwohl ich nicht den Spaß, sondern seine hypothetischen Folgen fürchtete. Aber deswegen vermied ich so vieles, das zu meinem Leben immer dazugehört hatte. Diese eine Freundin hielt mir in einem langen Gespräch den Spiegel vors Gesicht und zwang mich hinzusehen. Genau hinzusehen. Mit ihrer Hilfe tat ich das bis weit über den Sonnenaufgang hinaus … Nach dieser Nacht, in der ich nicht “nach Hause” kam, fand ich alles, was ich in die Wohnung gebracht hatte, in Koffern, Kartons und Säcken vor die Tür gestellt. Wenn ich nicht bei ihr schlafen will, brauche ich auch nicht mehr in ihre Wohnung zu kommen, stand auf einem Zettel. Ich war geschockt und erleichtert zugleich. Aber ich schämte mich auch, weil ich lange Zeit nicht den Mut gefunden hatte, die Wahrheit zu erkennen und die Wirklichkeit danach zu gestalten. Ich, der Feigling. Ich, der Dulder. Ich. Hätte. Schon. Längst. Gehen. Sollen. Und nun: Das Notwendige, das ich nicht zu tun vermochte, wurde mir abgenommen. Mein Versagen wurde einmal mehr deutlich. Ich war am Boden zerstört. Es dauerte eine Woche, bis ich mich wieder aufgerappelt hatte. Bis ich wieder lebte. Wenn ich heute in den Tagebüchern von damals blättere, erschrecke ich über die Verblendung, mit der ich mich selbst betrog.

 

 

Seit mittlerweile 14 Jahren existieren die ungefähr 60 eng beschriebenen DIN-A5-Seiten eines wirren, für mich anscheinend nicht fertigzustellenden Textes. Er ist nicht, wirklich nicht autobiografisch; ich habe mir viel Mühe gegeben, vier handelnde Personen zu erschaffen. Aber ich entfernte und entferne mich immer wieder und jedesmal mehr von ihnen, wenn ich daran arbeiten wollte und will. Zur Zeit denke ich erstmals ernsthaft darüber nach, ihn und alle Kopien davon einfach zu vernichten, zu löschen. Allein: So viel Arbeit einfach wegzuwerfen widerstrebt mir heftig. Ich gebe mir noch eine Woche Zeit, dann bin ich entweder weitergekommen mit der Bearbeitung oder ich schmeiß ihn endgültig weg. Versprochen.

Nachsatz, in einem Anfall von schmerzhafter Selbsterkenntnis angefügt:
Auch sonst gibt es in meinem Leben vieles, mit dem ich ebenso rigoros umgehen sollte.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Am 28.08.2021 waren positiv der Mut zum Zeigen und Gestehen, ein Nachmittag im ältesten Haus Giebichensteins, ein alter DEFA-Film am Rechner.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Acht der Stäbe.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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3 Antworten zu 2021,240: Trennung

  1. Elvira Volckmann sagt:

    Ich kann nur für mich sprechen, natürlich. Ich würde es nicht wegwerfen! Vielleicht würde es dich befreien, vielleicht wäre der Verlust aber auch sehr schmerzhaft. Wenn du es außer Reichweite aufbewahren würdest? Einem Menschen anvertrauen, der es für dich aufbewahrt? Quasi ein Abschied mit Sicherheitsleine? Ich trauere meinem gelöschten Blog manchmal nach. Auch wenn nicht alles eins zu eins autobiographisch war, so enthielt er viele meiner Träume und Sehnsüchte. Aber das ist es nicht, dem ich nachtrauere. Es ist eher die Arbeit, die darin steckte. Die Auswahl der Musik und vieles mehr. Weg ist nicht gleich weg! Denn im Kopf werden wir es behalten und weiter bewegen.
    Liebe Grüße,
    Elvira

  2. Roswitha sagt:

    ich denke, die arbeit war damals notwendig, und dieses besinnen auf das vergangene vielleicht auch. aber ein vergraben in diese texte führt nach meiner meinung nicht weiter, sondern blockiert. das erlebte ich in dir und geht ja auch mit löschen nicht verloren. und wem nutzen details? so erlebe ich den umgang mit alten texten, wenn es mir wichtig ist, beginne ich neu…

  3. Der Emil sagt:

    Ach Elvira und Roswitha, ihr beschreibt genau die beiden Ideen, die in meinem Kopf miteinender streiten.

    Der alte Text ist viel getane Arbeit und er ist mittlerweile wie die große Stahlkugel am Bein. Ich weiß, wenn ich ihn wieder nur beiseitelege, nehm ich ihn mir irgendwann wieder vor, wieder vergeblich. Deshalb habe ich mir jetzt dieses endgültige Ultimatum gestellt …

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