2021,241: Nachbarschaftsnachmittag

Genießer, Geschichtentauscher, rasender Reporter, Fremder, Mensch.

To get a Google translation use this link.

 

Ich möchte heute über meinen Sonntag erzählen. Ich fürchte aber, ich erzähle mehr über gestern:

 

Der Sonntag. Seit langer Zeit war ich endlich mal wieder bereits um neun Uhr wach. Ich hoffe, das kann ich in die Woche und überhaupt in die Zukunft retten. Denn mein derzeitiger Schlafrhythmus gefällt mir nicht. Überhaupt nicht. Aber wach um Neun, das war bis zum Beginn der Corona-Pandemie normal für mich und auch ganz angenehm. Sonntags nahm ich mir früher ziemlich genau anderthalb Stunden Zeit, um in den Tag zu starten. Heute tat ich es wieder. Und danach?

Danach saß ich über meiner Kladde. Denn mein Besuch gestern im ältesten Haus Giebichensteins hatte einen Grund und einen Nebeneffekt. Bevor ich mich nämlich dem Hof- und Nachbarschaftsfest und seinen Attraktionen und Besuchern widmete, nahm ich mir Zeit für BURG2. Das ist ein Kunstort, ein Ort, an dem Kunst sichtbar, erlebbar und oft sogar mit den Künstler:innen diskutierbar ist: Studentischer Ausstellungsraum der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. Viel Platz ist darinnen nicht. Umso mehr Platz lassen die dort ausgestellten Kunstwerke für eigenes Denken. (Ich mag es nicht, wenn davon gesprochen oder geschrieben wird, daß ein Kunstwerk viel Raum für Interpretationen lasse. Zu dieser Phrase kommen immer wieder unangenehme Erinnerungen hoch an die Interpretation von Kunstwerken [Gedichten!] in meiner Schulzeit.) Jedenfalls notierte ich mir, vor der kleinen Galerie stehend, ein paar Gedanken zu dem, was zur Zeit dort ausgestellt ist. Ja, ich kam darüber mit der ebenfalls Notizen machenden einen Künstlerin ins Gespräch. Und ja, ich sprach dann sogar mit den beiden zur Zeit dort ausstellenden Künstlerinnen über ihre Werke und meine und ihre Gedanken dazu. Und nochmal ja, ich versuchte heute, aus den Notizen herzeigbaren Text zu generieren. Der ist noch nicht fertig, aber er ist angefangen und entwickelte sich bis zum Nachmittag durchaus erfreulich. Es wird daraus ganz sicher noch in dieser Woche ein Blogbeitrag entstehen.

Es sind noch mehr eigenständige, kurze Texte gestern entstanden. Und an all denen dachte ich heute herum und schrieb Ergänzendes dazu auf.

Gestern. Ein Nachbarschafts- und Hoffest. Das Wetter spielte zum Glück mit. Die Nachbarn aus drei Häusern an dieser Straße veranstalteten zum Beispiel einen »Trödelmarkt der Träume« (das ist ein Buch von Michael Ende), auf dem man die dort angebotenen Dinge gegen eigene Geschichten eintauschen konnte. Dort lag ein DIN A4 großes Notizbuch aus DDR-Zeiten, in seinem kleinkariert grauen Design, dessen viele leere Seiten mich lockten. Ja, in dieses Notizbuch schrieb ich eine kurze Geschichte über Dinge und damit verbundene Erinnerungen. Und die tauschte ich ein gegen ein schwarzes Plüschpony mit Blesse und weißen Fesseln, das seit gestern mit mir zusammenwohnt. Es gab in einem der Höfe – es waren urspünglich drei durch mittlerweile eingestürzte Hofmauern zu einem einzigen großen und abenteuerlichem Innenhof verwachsene Hinterhöfe – sehr, sehr leckere vor Ort gebackene Pizza, die Möglichkeit zu Tischgesprächen im Format »Schwatzen und Schmatzen«, selbstgebackene Kuchen und Kaffee aus dem Küchenfenster einer Nachbarin, Musik vom Plattenteller hier und mit Akkordeon und Laute live gespielter Musik in einem andern Hinterhof. Da war eine Ausstellung in einem Fahrradkeller (Das runde Ding), eine Geruchsstation, mir völlig unbekannte frittierte Leckereien. Und es waren jede Menge Nachbarmenschen anwesend, die miteinander sprachen, philosophierten, plauderten, lauschten, die Nachbarschaft feierten. Eine wilde, freundliche, zum Teil von morbiden Gemäuern und wildem Grün umgebene, sehr ge- und belebte, äußerst angenehme Nachbarschaft. Bunt. Kreativ. Mit Kindern, Künstlern, Idealen und Ideen und gemeinsamem Anpacken. Hach, wie aus einer anderen Zeit stammend …

Ich habe gestern genau hingesehen. Und hingehört. Selbst als Wildfremder fühlte ich mich willkommen, einbezogen, ja, zum Mitmachen und Mitreden durchaus aufgefordert. Ich fühlte mich wohl zwischen all den Fremden. Und selbst die Tatsache, daß wir – Jan und ich – mit einem Reportagegerät Gespräche und Antworten für eine Radiosendung zum Thema «Nachbarschaft« aufnahmen, wurde nirgends und von niemandem als störend empfunden.

»Aus vielen Baustellen werden Gebäude und Mauern. Viele Gebäude und Mauern stürzen irgendwann ein, werden zu Ruinen. Wenn auf einer Baustelle ein Grundstein gelegt wird, dann wird der also oft auch schon für die späteren Ruinen gelegt. Aber eine Ruine ist meiner Erfahrunf nach nur in Ausnahmefällen das Ende. Denn aus Ruinen kann, wenn es nur gewollt wird und in Angriff genommen wird, Neues, Schönes entstehen. Wer genau hinsieht, kann das immer wieder entdecken.« (Aus der Kladde abgeschrieben.)

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Am 29.08.2021 waren positiv Aufstehen um Neun (wie ich es am liebsten täglich hätte, aber in den letzten Monaten nur selten konnte), Pasta Carbonara (ohne Sahne, ja), zwei Hanf-Radler zum Tagesabschluß.
 
Die Tageskarte für morgen ist XI – Die Gerechtigkeit.

© 2021 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
Dieser Beitrag wurde unter 2021, Erlebtes, Geschriebenes, One Post a Day abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu 2021,241: Nachbarschaftsnachmittag

  1. Elvira Volckmann sagt:

    Solche Berichte kannte ich bisher nur aus dem Wendland. Persönlich habe ich das noch nie erlebt. Mich würde in solchen Fällen meine alte Schüchternheit einholen, auch die Angst, etwas Falsches zu sagen, mich lächerlich zu machen. Je älter ich werde, desto mehr verlässt mich meine so mühsam erworbene Selbstsicherheit. Bei Kaffee und Kuchen oder anderen Leckereien mit anderen, auch fremden Menschen, über dies und das zu plaudern, das hingegen würde mir auch heute noch gefallen. Schön, dass du einen so erfüllenden Tag hattest und ihn mit uns teilst. Danke!
    Liebe Grüße,
    Elvira

  2. Bess sagt:

    Scheint eine fruchtbare Aufstehzeit für dich zu sein!
    Gelesen und eigene Erinnerungen dazu gemischt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.