2021,075: Was bleibt

Sowas läßt mich schlaflos bleiben.

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Was bringt es mir, wenn ich für mich allein Wissen (im weitesten Sinne) anhäufe, ansammle, das ich weder anwenden noch weitergeben kann? Natürlich ist es zumeist ein wohliges Gefühl, wenn meine Neugier gestillt ist. Aber was dann?

 

Früh, fünf Uhr irgendwas. Ich wurde nach 30 Minuten Schlummer aus einem Traum wach, der mich heftig beschäftigt. Es bleibt aus ihm die Idee, der Auftrag, noch so viel als möglich von meinen Eltern zu erfragen, mir so viel als möglich erzählen zu lassen. Auch von meinem Vater. Um selbst zu wissen. Und dann? Dann wird das nach mir wohl niemanden mehr interessieren und all die Fragerei war … umsonst? Ich werde es keinem meiner Kinder erzählen, es wird mir auch keins von ihnen zuhören (das ist so und es hat Gründe). Vielleicht … Vielleicht, wenn ich es aufschreibe, was mir erzählt wird, in eine Kladde schreibe, dann kommt das so festgehaltene Wissen, die Erinnerung (hoffentlich wie vorgesehen) in ein Archiv und wird irgendwann aufgearbeitet.

Apropos Erinnerungen. Ich bemerke, daß schon meine Erinnerungen an meine Kinder- und Jugendzeit, ja selbst an große Teile meines Erwachsenenlebens verblaßt oder schlicht verschwunden sind. Da ist nichts oder nicht viel übriggeblieben. Ich habe auch nie wirklich Tagebuch geschrieben zur Dokumentation meines alltäglichen Lebens. Geschrieben habe ich, ja, aber nicht über den Alltag. Manchmal bedauere ich diese Tatsache heute, eben weil ich mir aus meinen Notizen nicht für mich ausreichende Informationen entnehmen kann. Erst nach 1998 begann ich, zeitweise, zehn Jahre später regelmäßig und beinahe täglich dies und jenes Alltagsgeschehen festzuhalten.

Für die Welt, für die Menschheit aber sind meine Erinnerungen und mein Wissen eher uninteressant, unwesentlich, glaube ich. Oder vielleicht doch nicht? Wieviel Arbeit und Aufwand ist es mir wert, Dinge von meinen Eltern, Großeltern, Tanten und Onkeln und von mir zu erfahren und festzuhalten? Selbst auf die Gefahr hin, daß dieses Wissen mit mir verschwindet für alle Ewigkeit? Nun, wenn alles »seinen sozialistischen Gang« geht, bleiben meine Kladden länger als ich (vielleicht sogar als Digitalisate). Aber das kann ich nur hoffen, das werde ich nie erfahren.

 

Dieses Nachdenken über das, was bleibt, gehört das zu diesem Altern dazu?

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Am 16.03.2021 waren positiv der spät gefundene Schlaf, ein Anfang nach einer Draufrumdenkerei, Tomatensalat.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Acht der Kelche.

© 2021 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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28 Kommentare zu 2021,075: Was bleibt

  1. Stefan Kraus sagt:

    Die Antwort ist ja.

    (Danke für’s Aufschreiben.)

  2. Nati sagt:

    Zumindest bringt es dich weiter, im Denken und Fühlen.
    Manches lichtet sich, wird verständlicher. Anderes wird aufgefrischt oder bekommt ein ganz anderes Licht. Letztendlich ist es nur wichtig und wertvoll für dich.

    • Der Emil sagt:

      Und das ist – nein, scheint mir nicht zu genügen. Sonderbar.

      • Nati sagt:

        Ich denke damit wirst du dich abfinden müssen Emil.
        Wenn man bedenkt dass alles, nach unser Ableben, nur noch für den Sperrmüll ist.
        Für uns hat es einen Wert, für unsere Nachkommen ist es zumeist nicht emotional gebunden und somit nicht wertvoll oder Erinnerungswert.
        Etwas womit wir lernen müssen umzugehen.

        • Der Emil sagt:

          Ich bin anders aufgewachsen und sozialisiert. Ach, diese Jugend!

          • Nati sagt:

            Es ist in jeder Generation so.
            Ich habe es zu oft gesehen wie das ganze Leben einfach vor die Tür gestellt wird, als sei nichts gewesen. Es macht einen traurig irgendwie.
            Da lebt jemand, sammelt über Jahre Dinge an, mal Geldmässig wertvoll, mal emotional wertvoll. Und dann, nach deren Tod, wird alles der Müllkippe übergeben als sei das Leben nie dagewesen. Einfach weg, ausgelöscht. Und die Welt dreht sich weiter.
            Ich glaube ich schreibe darüber mal einen Beitrag.

  3. Ulli sagt:

    Ich bin froh, dass ich noch einige Tanten und einen Onkel befragt habe und auch meine Mutter, ich finde Familiengeschichte gut zu wissen, manches wird vor ihrem Hintergrund für mich klarer für mein eigenes Leben, meine Reaktionen und manche Gefühle.
    Es ist schade, wenn es später niemanden interessieren würde, aber wer will das schon so genau wissen, ob oder ob nicht?
    Und ja, diese Fragen haben etwas mit dem Älterwerden zu tun.

  4. Stefan Kraus sagt:

    Mein Onkel hatte einiges aufgeschrieben vor seinem Tod, meine Mutter einiges erzählt. Zumindest ich bin dankbar dafür (Kann es aber auch niemanden weitergeben. Doch, eines habe ich weitergegeben, in meinem damaligen Blog. Und einige haben es vielleicht mitgenommen.)

  5. Sofasophia sagt:

    Ich denke oft: Wozu dieser Chronistinnenzwang? Wen interessiert das schon. Alles eh vergänglich. Dann die „Erkenntnis“, dass es reicht, wenn ich um meinetwillen aufschreibe, für jetzt, für die Gegenwart. Gerade jetzt, wo wir nicht wissen, ob die Menschheit all die Krisen überlebt und in 20, 30 Jahren noch existiert. Das Jetzt muss genügen. So what?!!

  6. Karsten Seel sagt:

    Weitergeben … Das ist wohl der Wunsch, der uns alle umtreibt. Meine Kinder hören vielleicht zu, aber doch wieder nur in der Intensität, mit der ich selbst meinen Altvorderen lauschte. Also wenig bis gar nicht.
    Familiengeschichte ist interessant, aber dem ist, glaube ich, wohl eher von der schnöden Ahnenforschung beizukommen. Mich jedenfalls hat das zu völlig neuen Wegen und Erkenntnissen geführt!

  7. Elvira sagt:

    Ja, Emil, das bringt das Älterwerden mit sich, diese Gedanken der Vergänglichkeit. Auch wenn ich Kinder und Enkel habe, ist mir bewusst, dass ich einige Generationen später nur noch ein Name im Stammbaum bin. Keines meiner Kinder, schon gar nicht der Enkel, kennt meine geliebte Tante Emma oder weiß etwas von meinem noch mehr geliebten Opa oder meiner Oma. Treffen wir uns heute geht um das Hier und Jetzt. Abende, wie ich sie noch erlebt habe, an denen Geschichten von früher erzählt wurden, gibt es nicht mehr.
    Ich liebe ja Besuche in Museen und ganz besonders in der Gemäldegalerie. Und immer, wirklich jedes Mal, sitze oder stehe ich vor einem Objekt, manches viele Hundert Jahre alt, und mir wird ganz warm und ich denke, dass ich hier stehe, jetzt, in einer völlig anderen Welt als der des Künstlers, und ich bestaune ein Werk, das unter seinen Händen entstand, das immer noch existiert und mir von seiner Welt, von ihm (oder ihr) erzählt. Ich stelle mir vor, wie der Maler in seinem Atelier oder in der Natur vor seiner Staffelei stand, sehe seine Hand den Pinsel führen, sehe seine Gedanken und folge seinem Blick. So ähnlich ist es mit dem geschriebenen Wort. Bücher wird es immer geben und mit ihnen lebt der Schreibende weiter. Wobei es im Museum gerade das Original ist, das mich zu solchen Gedanken bewegt. Das Wissen darum, dass der Künstler genau diesen Gegenstand in seinen Händen hielt, macht ihn lebendig für mich.
    Da hast du ja mal wieder Gedankenstoff bei mir in Bewegung gebracht.
    Liebe Grüße,
    Elvira

  8. frauholle52 sagt:

    Wenn Du Dir Wissen aneignest und es Dich interessiert und erfreut, ist es niemals umsonst. Je älter wir werden, umso mehr können wir wissen und erkennen. Ist doch super, oder?

    Ich habe übrigens die meisten meiner vielen Tagebücher entsorgt, weil ich dachte, das geht keinen etwas an. Auf der anderen Seite habe ich mich vor vielen Jahren so gefreut, die Feldpostbriefe meines Vaters lesen zu können. Also, Du siehst, ich bin da nicht so eindeutig. Vieles, was meiner Familie (zwei Generationen zurück) passiert ist, konnte ich übrigens in den Familienaufstellungen erfahren. Diese Methode erklärt meinen Werdegang und das, was ich heute bin.

    Jetzt, wo ich so wenig erlebe, werden meine Erinnerungen intensiver. Die peinlichen will ich vergessen, die anderen baue ich aus. Meine Kinder braucht das nicht zu interessieren, denn sie haben genug mit ihrem eigenen Leben zu tun. Ich freue mich natürlich sehr, wenn es ab und zu doch zu tieferen Gesprächen kommt. Ich bin noch unsicher, wie weit ich in ihr Leben eindringen darf. Zum Glück lernen wir alle, uns besser abzugrenzen. Damit wird das Miteinander leichter und ich bin mir sicher, dass ich vieles weitergegeben habe, was mir wichtig war.
    Danke für Deinen heutigen Denkanstoß und liebe Grüße! Regine (bald 69)

  9. Myriade sagt:

    Mich würde interessieren wie das ist wenn alles »seinen sozialistischen Gang« geht ?

  10. Nati sagt:

    Hallo Emil.
    Ich schreibe gerade an einen Beitrag zu deinem Thema.
    Es hat die gleiche Überschrift wie dein Text.
    Darf ich dich dafür verlinken?
    LG, Nati

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