Nº 056 (2019): Mittelalterliches Treiben

Ein Gebäude aus dem 16. Jahrhundert und mein Kopfkino.

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Nach dem Behördengang, der heute notwendig war, gondelte ich noch etwas durch die Innenstadt. Unter anderem wollte ich nach einem neuen freien WLAN sehen (hab's gefunden, ist ziemlich gut). Und stand wieder vor einem Gebäude, besser im Innenhof eines Gebäudekomplexes aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, an welchem mich seine Fachwerkgalerie und deren kleinscheibige, aber große Fenster darinnen faszinieren. (Wer es wissen mag, kann über das Stadtpalais Kühler Brunnen bei Wikipedia mehr lesen und auch Bilder davon sehen.) Diese Fenster am Saalbau des regen immer wieder meine Phantasie an. Gut, das mag vielleicht auch daran liegen, daß vor dem Palast dort ein “Tittenklapp” genanntes Freudenhaus gestanden haben soll – und doch sind so große Fensterflächen oberhalb eines Erdgeschosses in meinen Augen ungewöhnlich. Sie flankieren den über ihnen rund werdenden Treppenturm und bieten (bzw. boten) den aus gegenüberliegenden Fenstern Sehenden sicher auch Einblicke in das Geschenen der Festivitäten in den Sälen dahinter.

Und schwups! ist mein Kopfkino eingeschaltet. Mittelalterliche Verlustierungen, die an der Stelle stattfinden, an denen sich einst, vor nicht allzu langer Zeit, das Dirnenhaus befand. Beleuchtet durch unzählige Kerzen in den Lüstern und Leuchtern. Vom gemeinen Volk, das damals nichteinmal so einfach in den Innenhof des Gebäudekomplexes kam, sowieso nicht einzusehen. Aber von den gegenüberliegenden Fenstern aus beobachtbar. Was hätte man da alles erspähen können? Und deshalb saß ich heute ein Weilchen dort im ehemaligen Innenhof (heute Freisitz des Halleschen Brauhauses) und skizzierte einige nicht ganz jugendfreie Bilder mit wenigen Worten. Es sind wirklich nur Skizzen, zum Teil in Halbsätzen und Stichworten. Und die beschreiben nicht nur das Interieur, sondern auch die Musiker und ihre Stücke (worüber ich noch einiges recherchieren muß). Und natürlich entwarf ich die eben nicht jugendfreien Szenen, die sich damals gewiß genauso abspielten hinter verschloßnen Türen wie heute noch (nur, daß heute in den entspre­chen­den Etablissements die Fenster blickdicht verschlossen sind – was ich als bekennender Gernezuschauer bedaure). Denn so asketisch-züchtig, wie häufig geglaubt wird, war das Leben sicher nicht, jedenfalls nicht immer und überall. So denke nicht nur ich. Und an die Ausschweifungen, die es an (einigen) Höfen gab, mag ich da noch gar nicht erinnern. Allerdings: Die konkreten Einzelheiten kann ich nur phantasieren …

Jetzt, also vor wenigen Minuten und gleich nachher wieder, sitze ich neben dem Stapel meiner Augias-Kladden, über die Notizen und eine andere Kladde gebeugt. Ich kaue am Ende eines Stiftes herum und versuche, meine Phantasie soweit zu beherrschen, daß ich aus den Skizzen plausible Szenen machen kann. Einfach ist diese Beherrschung nicht. Aber notwendig. Und deshalb kehre ich jetzt an den Schreibplatz zurück. Was aus den Ideen wird, das weiß ich ja selbst auch noch nicht. Und euch lasse ich mit euren Phantasien über meine Phantasien allein.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Am 25.02.2019 waren positiv der erledigte Behördengang, die Zeit in der Stadt, ein wenig in die Kladdenstapel gebrachte Ordnung.
 
Die Tageskarte für morgen ist III – Die Herrscherin.

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Über Der Emil

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0 Kommentare zu Nº 056 (2019): Mittelalterliches Treiben

  1. wildgans sagt:

    „Tittenklapp“ – wow. Dolles Wort. Mir geht gleich eh die Phantasie durch und zwar nicht in die brave Richtung.

  2. mir fallen gerade drei Szenen ein, die ich zufällig zu Gesicht bekam.
    Eine davon vor langer Zeit, als ein Mädchen fast alles ablegte und und wieder ins Auto stieg.

    • Der Emil sagt:

      Nun, von den heutigen Szenen kenne ich einige. (Auch welche der deftigeren Sorte.) Aber wie waren die damals, wie sah das damals aus weiblicher Sicht aus? Und nicht nur in der Rolle als Gesinde/Leibeigene, sondern in vielen Rollen?

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