Auf einem Dorf in einer Scheune (Nº 045/2018) – #Schattenklänge

Zweimal 40 Watt.

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Mittwoch Abend. Da sitzen sie alle. Naja, beinahe alle, denn manche trauen sich nie wieder aus ihren Verstecken. Aber die meisten sind hier. Sie sitzen miteinander hier und tauschen sich über ihre Geschichten aus. Wie sie Singles wurden, aus ihrer angestammten Umgebung sich zurückzogen. Wie sie es satthatten, immer und immer wieder nur benutzt und nicht wenigstens ab und an einmal geschätzt und geachtet zu werden. Sie hören einander zu. Sie trösten einander in den erlitte­nen Schmähungen und Verlusten. Sie sprechen sich Mut zu. Doch nur wenige von ihnen ziehen eine Rückkehr in Betracht. Viele haben auch keine Vorstellung davon, wie sie das schaffen könnten.

Mittwoch Abend. So stelle ich mir ihren Stammtisch vor. Und da sehe ich den Tupperdeckel, den linken Socken, die Hälfte einer Wäsche­klammer, ein Zwei-Cent-Stück, die Lesebrille, das Handy (dessen Akku mittlerweile leer ist) und eine Oberkiefergebißprothese, ein Spitzen­taschentuch, die rechte Badesandale, einen Nachbarn, den Fahrschein und den Stockschirm, eine Pudelmütze, eine Sandkastenschippe und den Handschuh, den Einkaufszettel und ein einzelnes Hörgerät, einen Schal, das Bild vom kranken Großvater und ein angerostetes Fahrrad. Sie alle treffen sich am Mittwoch Abend zum Stammtisch der verges­se­nen Dinge. Nein, nicht im Fundbüro. Sondern irgendwo am Rande der Stadt, nein, auf einem Dorf in einer Scheune. Und zwischen ihnen im trüben Lichte zweier nackter 40-Watt-Glühbirnen so viele hoffnungs­volle Träume so vieler Menschen …

 

 

Ja, ich habe den Text zu einem Beitrag für die Schattenklänge gemacht.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 14.02.2018 waren die Verschonung vorm Kommerztag, Mittagsschlaf, gebratene Leber mit Zwiebeln.
 
Die Tageskarte für morgen ist IV – Der Herrscher.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Auf einem Dorf in einer Scheune (Nº 045/2018) – #Schattenklänge

  1. sabeth47 sagt:

    und zwischen den verlassenen, vergessenen Dingen ein Mensch, ein Nachbar. Hoffentlich findet ihn – oder ersteigert ihn – doch noch einer. Ich habe Mitleid.


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  2. Sofasophia sagt:

    Ooooh, klasse Text. (Schattenklang?)


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