Ganz nebenbei entdeckt.
To get a Google translation use this link.
Früher war ich abends gern und regelmäßig unterwegs. Nicht in Kneipen, Cafés oder Bars, nicht im Kino oder Theater. Manchmal nur auf und um den Marktplatz herum, oft richtig unterwegs. Ich setzte mich in einen Bus oder eine Straßenbahn und fuhr mit, bei manchen von Endstation zu Endstation, bei anderen nur kleine Teilstrecken. In der Hand immer eine Kladde und einen Stift, griffbereit in einer Außentasche des Rucksacks meine kleine Digitalkamera. Oft sah ich Interessantes, das ich in Text oder Bild oder beidem mitnehmen konnte; doch war ich öfter noch in mein Nachdenken und Schreiben versunken: manchmal so sehr, daß ich das Aussteigen vergaß, manchmal stieg ich sogar in die völlig falsche Linie und bemerkte meinen Irrtum erst viel zu spät. Das wurde mir glücklicherweise nie zum Verhängnis.
Ich weiß nicht mehr, wie oft ich damals ohne den notwendigen Fahrschein (eine Monatskarte für die Stadt habe ich immer gehabt und habe ich noch) auf Dörfer fuhr, wo ich doch am Stadtrand den Bus verlassen wollte. Doch nie geriet ich dabei in eine der lästigen Fahrscheinkontrollen. Ein einziges Mal – aber da war ich von der Stadt und ihrem Nahverkehr nicht weit entfernt – gab es keinen in vertretbarer Zeit zurückfahrenden Bus; dieses eine Mal ging ich etwa 20 Minuten zu Fuß bis zur Straßenbahn. Fast immer habe ich in den Verkehrsmitteln etwas geschrieben. Das auf andere Menschen einschläfernd wirkende Geschaukel förderte (und fördert noch heute) meine Kreativität. Das Geräusch, das mehrere Menschen in einem Raum machen, inspiriert(e) mich. Auch wenn die Gerüche ab und zu seltsam bis unerträglich sind.
Noch heute schreibe ich beim Unterwegssein, aber nicht mehr spät abends, sondern eher am Nachmittag. Und es entstehen auch ziemlich viele Texte, die nicht veröffentlicht werden können. Aus der Vorliebe für das Schreiben in Bewegung kommt u.a. meine Macke, immer mal wieder einfach zum Bahnhof zu fahren und die Atmosphäre dort zum Arbeiten zu nutzen oder wildfremden Menschen bei der Abfahrt zuzuwinken. Zuhause bin ich oft nur zu Tagebucheinträgen fähig, selten zu kreativem Schreiben für meine Blogs. Keine Ahnung, warum und wann das so wurde, aber ich weiß darum und lebe und schreibe damit. Auf Papier übrigens, zu über 90 % auf Papier. Weil Handgeschriebenes mehrere Generationen überdauern kann, dann immernoch gelesen werden kann – im Gegensatz zu Dateien in einem Computer (ich ärgere mich gerade mit sehr alten StarOffice-Dateien herum). Es ist nicht so, daß ich meine Texte für besonders aufhebenswert erachte, aber ich möchte die grundsätzliche Möglichkeit erhalten, daß irgendwann, in ferner Zukunft, Blatt für Blatt gelesen wird und irgendjemand dadurch Einblick in ein kleines, global und kosmisch betrachtet unwichtiges Menschenleben gewinnen kann.
Ein wenig größenwahnsinnig zu sein kann doch nicht schaden, oder?
Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.
P.S.: Positiv am 15.Februar 2016 waren neue Informationen, ein zufriedener Urologe, eine rosabunte und vielfältig linierte Kladde für mich, ein unerwarteter Geldsegen.
Tageskarte 2016-02-16: Der König der Schwerter.
© 2016 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


Das klingt nach einem erfreulichen Tag!
Erinnerungen an erfreuliche und beschissene Tage. Positiv war gestern trotzdem.
Hmmm. Ich hab meistens auch die besten Ideen wenn ich unterwegs bin , bin aber nicht unterwegs zum schreiben , sondern in der Bewegung und in der Natur kommen mir einfach ungeplant Ideen. L.g.Anja
Ich habe das auch mal mit Sprachaufzeichnung am MP3-Player bzw. Telefon versucht, dieses Ideen festzuhalten. Klappt bei mir nicht.
Doch daß unterwegs Ideen kommen, scheint oft so zu sein (siehe auch http://europenner.de — dort geht es bald wieder los).
Lieber Emil, Dein Satz
„Es ist nicht so, daß ich meine Texte für besonders aufhebenswert erachte, aber ich möchte die grundsätzliche Möglichkeit erhalten, daß irgendwann, in ferner Zukunft, Blatt für Blatt gelesen wird und irgendjemand dadurch Einblick in ein kleines, global und kosmisch betrachtet unwichtiges Menschenleben gewinnen kann.“
gefällt mir sehr gut. Ich denke auch, dass es wichtig ist, ein Archiv alltäglicher Gedanken zu bewahren. Du könntest bestimmen, dass die Unterlagen testamentarisch in einigen Jahrzehnten an die „Stiftung Deutsches Tagebucharchiv“ gehen (http://tagebucharchiv.de/)
Grüße
Kai
Das habe ich schon so festgelegt. Uns wenn sie wollen, bekommen Sie die Latex-Dateien dazu.
Ein bisschen Größenwahn darf gerne sein!
Eben 😉
Das Verkehrsmittel-fahr-Hobby teilen wir, nur ich bin dann ausschließlich aufs Hinausschauen programmiert, schreiben mache ich zu Haus – und leider fast nur noch in den Computer, mit der Hand habe ich es fast verlernt.
Hinschauen kann ich manchmal auch (ab und zu bei Achtsamkeitsübungen). Und die Handschrift … Naja, die mochte ich schon immer, trotz Schreibmaschine und PC. Schade, daß die in der Schule nicht mehr gelehrt wird, da fehlt den Kindern eine ganz große Portion Feinmotorik.
Du meinst jetzt Sütterlin, was die Kinder in der Schule nicht mehr lernen – denn mit der Hand zu schreiben, lernen sie ja wohl noch, denn in der Schulzeit haben sie doch nichts anderes als ihre Hefte und ein Schreibgerät.
Nein. Sie lernen keine Schreibschrift mehr, eher so eine Art Druckbuchstaben. Nicht Sütterlin (was dennoch meine Handschrift ist), sondern die Schreibschrift, die sintemalen als Schulausgangsschrift bezeichnet wurde …
Machen die Berliner Kinder eine Ausnahme? Na gut, die Schreibschrift wurde von einigen überflüssigen Schnörkeln – z.B. beim großen G oder beim H – befreit, aber ich halte es immer noch für Schreibschrift – Anna schrieb wunderschön.
Es ähnelt kaum noch einer Schreibschrift. Die neuesten Dinge sind wohl auch landesunterschiedlich geregelt …