Nº 031 (2016): Verplempert.

Einen Tag lang »Nichts« getan

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Manchmal dauert das Ankommen zuhause länger, als mir lieb ist. Diesmal mußte ich sogar einen Umweg nehmen. Über zwei “verplemperte” Tage.

Hä?

Ganz plötzlich wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen am Donnerstag, mußte Bett und Schrank in nur wenigen Minuten räumen. Die allerallerallerbeste Freundin holte mich ab und brachte mich heim. Dort schaffte ich es, die Taschen auszupacken, mir einen Überblick über Fehlendes zu verschaffen. Dann lag ich mit Eisbeutel, den es den ganzen Vormittag nicht gab, eine Weile auf der Couch. Am Nachmittag war wiederum die allerallerallerbeste Freundin für mich da, fuhr mit mir zum Hausarzt (der leider erst am Montag wieder Sprechstunde haben wird), zur Apotheke. Auch neue Kühlgelkissen besorgte ich mir noch. Und dann? Duschen, essen, kühlen. Notwendig wäre so vieles gewesen, das ich einfach nicht schaffte. Am Entlassungstag sowieso nicht, doch auch nicht am Freitag oder Sonnabend, nein, ich konnte mich zur Hausarbeit nicht aufraffen. Den Freitag und den Sonnabend habe ich komplett verplempert (okay, einkaufen war ich).

Diese OP, über die ich hier schrieb, die hat doch mehr in mir getan. Mir gezeigt, wie schnell alle Pläne das Papier nicht mehr wert sein könnten, auf das ich sie schreibe. Irgendwie war ich an den Tod erinnert, an das Vergangene, an meine manchmal verzweifelten Lebensversuche. Nein, da war nichts, was ich hätte aufschreiben können. Da war nur der Wille, in Einnerungen zu weilen. Das aber ist bei mir zuhause wirklich einfach. Als bekennender Haufenbilder gebe ich zu: hier liegen mehrere Stapel/Haufen mit altem Papier jeglicher Couleur, meist bunt gemischt, oft viel zu groß und durch viel zu viel Unbedeutendes auf diese Übergröße gebracht. Also nahm ich mir am Freitag und Sonnabend je einen dieser Stapel vor.

Da saß ich. Jeden Schnipsel drehte ich um, jeden Brief sah ich mir an. Da waren Zeitungsseiten mit Artiklen, deren Information ich vielleicht einmal zu einem Blogtext hätte brauchen können. Doch was will ich heute mit vier Jahre alten Zeitungsseiten? Ab auf den Stapel Altpapier. Da waren Briefe, die mich schmerzlich an meine Vergangenheit erinnerten. Ab auf den Stapel Weiterbearbeiten. Ansichtskarten und Prospekte, mit denen sich nichts mehr verband: Altpapier. Fahrscheine, Eintrittskarten, Notizen: Je nachdem. Die Fahrscheine landten alle und die Eintrittskarten zu einem großen Teil im Altpapier. Die Notizen wurden überprüft: Bereits verwendete gingen zum Altpapier, nicht genutzte zur Weiterbearbeitung (ach so, Notizen sind Zettel, auf denen eindeutig Anfänge, Bruchstücke und anderes Material für die Verwendung im Schreiben zu finden sind). Und Schmierzettel fand ich, schon längst erledigte Mahnungen: Ab in den Beutel Schredder. Zwischendurch aß ich an beiden Tagen auch, trank Kaffee und viel, sehr viel Wasser (am Ende um die sieben bzw. vier Liter) und kühlte. Dann war ich wieder am Haufen. Manchmal brauchte ich Pausen und las und twitterte.

Die meiste Zeit verwandte ich sowohl am Freitag als auch am Sonnabend auf das Nachdenken: Welche Erinnerungen habe ich an dieses oder jenes Papier, was hatte ich damit vor und wann hatte sich das erledigt, brauch ich das wirklich oder will ich es nur aus … nur aus … nur “aus Gründen” aufheben? Was davon ist auch in Zukunft notwendig (“Gehaltsabrechnungen” vom BFD, alte, teilweise sehr alte Liebesbriefe, Visitenkarten, deren Daten ich noch benötigen werde)? Kann das weg (Zeitungsausriß von 2012, 2013er Werbung vom Energieversorger, Aufladebons für ein Prepaid-Telefon, das ich schon längst nicht mehr besitze)? Was mache ich mit den alten Vordrucken aus Zeiten meiner eingenen Freiberuflichkeit (zerschneiden und als Schmierzettel nutzen, was sonst)? Manche dieser Entscheidungen dauerte länger als nur fünf Minuten. Aber so, wie ich in der Klinik auch schon sehr in meiner (Beziehungs-)Vergangenheit unterwegs war, um den Mustern weiter nachzuforschen, so war ich es auch am Freitag und am Sonnabend zuhause, weil eben vieles von dem Papier mit meinen Beziehungen zu tun hatte! Am Abend jedenfalls, am späten Abend war jeweils ein Haufen komplett sortiert in Altpapier (75%), Schredder (10%), Schmierzettel (10%) und Weiterbearbeitung (ja, nur ein Zwanzigstel des Haufens, aber noch immer nicht so geordnet, daß das Zeug endgültig wegsortiert werden kann/ist).

 

So sieht es im Außen aus. Sieht es in mir auch so aus, daß 85% zum Altpapier bzw in den Schredder sollen oder gar müssen? Diese Gedanken kommen mir immer, wenn ich solche Arbeit erledigt habe und deren Ergebnis sehe. Bei den Prozenten mag ich mich irren, aber prinzipiell? Prinzipiell lasse ich wohl noch immer viel zu wenig vondannen ziehen; nein, nicht nur prizipiell. Merke ich gerade, während ich noch ganz verwundert darüber bin, daß ich mich durch den am Ende doch eher harmlosen Klinikaufenthalt so heftig “aus der Bahn werfen” ließ. Wieso? Weil ich dadurch an die Endlichkeit meines Seins erinnert wurde? An all das, was noch unsortiert und unerledigt herumliegt/-steht auf den Haufen, in den Schränken, in meinem Leben? Weil ich Angst davor habe, die Fehler aus der Vergangenheit treu und brav meinen Mustern gehorchend zu wiederholen?

Oh halt. Stop.

 

Aus den beiden Stapeln habe ich 85% für erledigt erklären können. Darauf will ich sehen, auf das Geschaffte, Erledigte, Überwundene. Nicht auf das Manko … — Hab ich gestern, also am Sonnabend, dann auch geschafft und weiter Papier sortiert. Mit Kühlbeutel.

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Positiv am 30. Januar 2016 waren Klarheit, Wechsel der Blickrichtung, Vergangenheitsbewältigung.
 
Tageskarte 2016-01-31: Die Neun der Schwerter.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Nº 031 (2016): Verplempert.

  1. petra sagt:

    Das liest sich aber überhaupt nicht verplempert – das sieht sehr nach Aufräumen aus. Erst einmal äußerlich, aber wahrscheinlich auch in dir drin wird Ballast abgeworfen.

    Schlaflose Grüße aus der Kindheitsstadt

  2. eckisoap sagt:

    also verplempern würde ich das jetzt keinesfalls nennen, was du da gemacht hast. sehr wichtige arbeit ist das. und wenn geschätzte 85% am ende als erledigt gelten, dann warst du sogar sehr erfolgreich.

  3. Gabryon sagt:

    Es ist nichts „Verplempert“. Es sind neue Erkenntnisse entstanden.

  4. Sofasophia sagt:

    Nichts tun und verplempern gehen bei mir anders.
    Deins klingt nach intensiver Vergangenheitsbewältigung!

    Und ja, es klingt nach Neuanfang und nach der Bereitschaft für andere Spuren und Muster.

    • Der Emil sagt:

      Nur was ich tun wollte, das habe ich nicht vermocht.

      Du kannst noch so viel gemalt, gezeichnet haben: Hast Du die Hausordnung nicht gemacht, meckert der Nachbar …

  5. Elvira sagt:

    Es werden neue Haufen entstehen. Und die brauchen Platz. Was Du weggeschafft hast, ist physischer Ballast. Dabei kommst Du nicht umhin, auch nach der innerlichen Befindlichkeit zu fragen. Nur ist das Aufräumen dort bedeutend schwieriger. Dafür müsste es auch Eisbeutel geben.
    Gute Besserung!

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