Das Gute an der Traurigkeit
To get a Google translation use this link.
“The blues”: diese melancholisch-endzeitlich-hoffende Seelenfarbe, die teilweise mit der gleichnamigen Musik zusammengeht. Wenn die Tränen Oberkante Unterlid stehen und eine winzige Erschütterung dieses äußerst labile Gleichgewicht dazu bringen kann, daß plötzlich doch alle Dämme brechen und Rotz und Wasser ins ungehemmte Fließen geraten. Dunkelbunte Träume und tiefschattige Phantasien wirbeln und wabern und pendeln vor dem inneren Auge umher, vermischen sich mit Unerlebtem und gerne Vergessenem.
Es gibt Gelegenheiten, Lebenssituationen, Jahreszeiten, da gebe ich mich dem hin. Wenn ich alte “Zettel” (das kann alles mögliche und unmögliche Papier sein, von einer Kladde über Notizzettel bis zu Zeitungsausrissen, Eintritts- und Fahrkarten, Photographien) sortiere oder wenigstens zu sortieren versuche. Wenn ich unverhofft alte, lange nicht mehr gesehene und gelesene Bücher in die Hand bekomme und darin alte Visitenkarten und ähnliches als Lesezeichen entdecke. Wenn ich dazu noch Nachrichten von/über (ehemalig) bekannte Menschen bekomme und ich mich an diese vielleicht schon nicht mehr lebende Menschen erinnere, dann, ja, dann sind das solche Gelegenheiten. Die ich aber auch nicht ungenutzt verstreichen lassen kann. Die ich nutzen muß, um dem Schmerz, der Abneigung, dem Nichtverstehen, dem (verlorengegangenen) Vertrauen und allen schönen Momenten nachzuspüren, die ich nutzen will, um mehr über die Bedeutung von Menschen und meinen Beziehungen zu ihnen für mein Leben, seinen Verlauf, sein Stolpern zu erfahren.
Dann pflege ich den Blues, den ich habe. Von irgendwoher tönt die Musik, oft sind es Country- oder echte American Folk Songs. Oft dudeln schnulzige Schlager und volkstümliche Lieder. Dann wieder muß es echte Volks- oder VolXmusik sein oder echte (!) Grufti-Mugge (“Bittersweet” von Apocalyptica feat. Ville Vallo von H.I.M. & Lauri Ylonen von Rasmus), oder eben auch: Blues. Und ich verliere mich in Rhythmen und Melodien und Texten und bin so in der Lage, längst Vergangenem, nie Passiertem und viel zu früh Gestorbenen endlich den Raum für die Trauer zu geben, die ich mir in der Depression jahrelang verkneifen/verdrängen mußte.
Gerade kann ich es zugeben: I got the blues. I celebrate the blues. I am the blues.
Und das ist unabhängig vom Gespräch, das ich am Wochenende mit meinen Eltern führte. Oder: nicht nur abhängig von jenem Gespräch, jener Gegend, den von daher aufgestiegenen Erinnerungen. Es ist vielmehr viel mehr, das mich in meine (positive!) Melancholie versetzte und diese ungeheure Trauer und Traurigkeit möglich machte. Und die tun gut, helfen, reinigen, lassen zu und lassen vergehen.
All das brauche ich gerade. Neben dem Schreiben für meinen noch immer traurigen, weil noch immer unverheirateten Prinzen Hans.
Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.
P.S.: Positiv am 9. November 2015 waren fließende Tränen.
Tageskarte 2015-11-10: Die Fünf der Münzen.
© 2015 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


Vielleicht muss Prinz Hans ja gar nicht heiraten, um glücklich zu werden?
Heißt: Vielleicht tun wir den Begriff en mit unserer Interpretation unrecht, von Glück ebenso wie von Blues?
Gutes Blauen dir!
(Ich ahne, was du meinst.)
Es ist weit weg von der Depression. Wie beim Abschied aus dem Urlaub vielleicht …
Sich der Trauer hinzugeben ist für mich eine der grössten Künste, mit ihr dann auch noch nach draussen zu gehen ist mutig- beides transormiert- andereseits bleiben manche Geschehnisse schlichtweg das was sie sind: traurig!
danke Emil
Ja. Und ja. Und ja, ja. Ja! — Und denen dann Raum zu geben, die endlich als die traurigen annehmen zu können. als unabdingbaren Bestandteil des eigenen Lebens zu „genießen“, das tu ich in meinem Blues …
Ich bezeichne diese Momente gerne als bittersüß.
😉
„Bittersweet“. (Eines der Lieder mit hohem heulpotential.)
Bittersweet Symphonie?
Hör es Dir mal bei youtube an. Apocalyptica bittersweet …
Oh, ja! Und dann auch noch die Celli. Wunderbar! Ich kannte das Stück nicht. Mir gefällt auch das Musikvideo dazu.
Hey, das freut mich jetzt wirklich. Apocalyptica sind für manche Stimmung einfach die passendste Musik.
Pingback: Vielerlei Sehnen | Sofasophien, Fallmaschen & Herzgespinste
Jetzt hab ich ihn, den Blues…
Aber der, der ist doch nicht schlimm …