Abends auf dem Marktplatz
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Jetzt, nach Jahren der Abwesenheit wieder auf dem Markt sitzend am Abend mit einem Bier, schreibend, von einem gleichaltrigen Mann mit Puhdys-Musik aus einem echten Ghetto-Blaster von dem einem Stizplatz zum nächsten vertrieben, an dem mir aber ein Dampfplauderer irgendeiner Kundgebung ins Ohr plärrt. Karl-Eduard von Schnitzler hätte seine wahre Freude an ihm gehabt, an dem Redner, dessen Stimme sich überschlägt bei der Forderung, daß “die Linken und die Antifa” doch bitte nicht so pauschalisieren sollen bei “den Muselmanen und Flüchtlingen”. Jedenfalls sitzen noch immer Menschen hier auf dem Markt mit ihren Getränken, schwätzen und schwatzen und diskutieren noch immer über Gott und die Welt und die Nachbarn und den süßen Typen aus der Kneipe letztens. Nur sind es nicht mehr “das schwarze Gemüse” und Punks, die hier sitzen, sondern kleine Grüppchen unterschiedlichster Art und Zusammensetzung.
Noch immer stehen Marktkirche und Roter Turm hier und blicken gelangweilt, unbeeindruckt, höchstens kopfschüttelnd auf das Sammelsurium mehr oder weniger gescheiterter Existenzen herab. Alle zwanzig Minuten belebt sich die Szenerie. Nach und nach treffen acht Straßenbahnzüge ein, verharren für drei bis sechs Minuten an den Haltestellen, während die Menschen aus ihnen herausquellen und zwischen ihnen hin- und herhasten. Dabei ist diese mir aufgesetzt erscheinende Eile nicht notwendig – es bleiben jedem und jeder drei Minuten für die maximal 50 Meter Weg von einer Bahn zur nächsten.
Noch immer ist der Marktplatz sehr, sehr hell erleuchtet am Abend. Doch der Brunnen, der an hellen Sommerabenden sprudelt und (möglicherweise wegen seines Namens “Goldsole”) mit gelbem Licht illuminiert wird, was wegen der sommerlichen Helligeit aber nur sehr schwer erkennbar ist, wurde pünktlich zum 1. Oktober abgestellt. Auf seinen Begrenzungssteinen sitzen zwei Mädchen (miteinander lachend und biertrinkend), zwei Männer (portugiesisch oder spanisch, eher spanisch – ganz sicher spanisch miteinander sprechend und biertrinkend) und ich (summend und schreibend und biertrinkend). Im Hintergrund sind zu hören: das Surren des Stadtlebens, klackernde Absätze, der schlurfende Schritt eines alten Menschen hinter einem Rollator, Musikfetzen aus viel zu laut aufgedrehten Kopfhörern, Rollbrettrollen, Kichern, Schluchzen, Rülpser. Es riecht nach Zigarre, Haschisch und Maggi, in manchen Ecken bestimmt auch nach Urin. Dann neue, lautstarke Begrüßungen und die wutschreienden gegenseitigen Diffamierungen eines (Ehe-)-Paares.
Die Straßenbahnen verlassen soeben die Haltestellen. Ich packe zusammen und werde auf der Suche nach Pfandflaschen noch eine Rund über den Marktplatz dieser Stadt drehen. Noch drei Bierflaschen oder ein Einwegpfand, dann habe ich zwei Euro zusammen. Und schon in fünfzehn Minuten sitze ich auch in einer Straßenbahn und fahre durch eine ganz normale Nacht heimwärts.
Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.
P.S.: Positiv am 6. August 2015 war die sichere Zusage des Besuches.
Tageskarte 2015-10-07: Die Zwei der Schwerter.
P.P.S.: Die DDR würde heute ihren 66. Jahrestag feiern. Ein kleines Prösterchen kann ich mir nicht verkneifen.
© 2015 – Der Emil. Text & Bild unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).



(Positiv am 6. August?! Jetzt musste ich gucken, ob ich im
falschen Blog bin, ist aber wohl sonst alles oke und vertippen ist menschlich.)
Feiner Nachttext.
Wars denn bei euch noch soo warm, dass noch immer so viele Menschen draußen herumwuselten? Bei uns hats abgekühlt und war regnerisch. Und stiller als bei dir.
Natürlich 6. Oktember. Es ist nicht kalt, aber seit heut regnet es. Und der Markt eier kleinen Großstadt ist der Treffpunkt für Menschen …
Hier auf dem Dorfe alles anders. Weinmachsachen laufen aus manchen Höfen, es riecht nach Hefe und Angegorenem. Am Nachmittag laufen Kicherschüler vom Schulbus kommend durch die Straße. Sonst fast niemand. Manchmal noch der alte Stonesfan im langen Mantel – und wenn der Mantel schwarz ist, hat er grad ein melancholisches Tief.
So verschieden sind die Lebensumstände hier und da … Doch glaube ich, daß die sicht-, hör- und riechbaren Unterschiede die größten sind, andere gibt es vielleich nicht (Sehnsüchte, Träume und Hoffnungen der Menschen).
Lieber Emil, solche Abende in Gemeinschaft haben ja was.
Nur wenn die Gemeinschaft dann keine mehr ist, das ist dann meist nicht mehr so gut.
Dein Bild von der Marktkirche ist echt gut.
Nachtbegegnungen sind von besonderem Gewicht.
Hm. Wann ist Gemeinschaft? Wenn etwas Gleiches gleichzietig, aber dennoch unabhängig voneinander und doch abgestimmt aufeinander zelebriert wird, ist da Gemeinschaft?
All diese Menschen … Das Gemeinsame ist das Menschsein im Scheitern. Und der Durst. Auf Bier und nach Leben.
Mir hat diese vereinzelte Gemeinsamkeit gefehlt.
Dann hattest du sie nun endlich mal wieder
Ja.