Am anderen Ende der Wahrheit V (Nº 090)

Grenzen des Wissens, Grenzen der Wahrheit

To get a Google translation use this link.

Es war mein nicht ganz so gesunder Menschenverstand, der zwar die tiefste Tiefe der Depression überwunden hat, aber dadurch sich auch klarwurde über seinen kreativen Umgang mit der Wahrheit, mit dem Wissen und dem Glauben. Und noch immer arbeitet der Halbsatz «Am anderen Ende der Wahrheit» in mir, begleitet mich z.T. in Form erfundener Lebensgeschichte, die für mich tatsächlich erlebt und somit wahr schien, Wissen über Menschen und Situationen in mir schuf, welches sich oft als Lüge eines kranken Denkapparates erwies und erweist.

Ich habe vor längerer Zeit Texte dazu geschrieben, vier bisher, die sich dort finden lassen. Immer wieder war und bin ich damit beschäftigt. Als ich nach weiteren Anstößen suchte, war dann plötzlich dieser Text da:

 

» Wissen findet seine Grenzen einerseits am Fassungsvermögen des Kurzzeitgedächtnisses (Arbeitsspeicher), andererseits an der durch ausgesparte Kategorien [beobachtbaren] Relativität des Wahrheitsgehaltes einer wissenschaftlichen Aussage.

Jenseits der Wissensgrenze beginnt der Bereich des Glaubens. «

Aus dem Artikel “Nicht überschreitbare Grenzen des Wissens” zitiert
mit bestem Dank an Prof. Dr. habil. W. Schmid, Autor des Begriffskalenders.
Ebenfalls lesenswert: die Website von Prof. Schmid, Hinter dem Horizont.

 

 

Jetzt verallgemeinere ich einmal – unzulässig? – und betrachte den Wahrheitsgehalt einer allgemeinen Aussage, nicht nur einer wissenschaftlichen. Zum Beispiel wußte ich einiges über mein Verhältnis zu meiner Ursprungsfamilie – und das ließ mich den Kontakt zu ihr abbrechen. Eine ganze Zeit lang war meine Aussage “Mein Verhältbis zu meiner Ursprungsfamile war so gespannt, so unerfreulich für mich, daß ich jedweden Kontakt zu ihnen abbrech.” für mich eine wahre Aussage. In meinem Gehirn war das genau so gespeichert. Genau so hatte ich es doch erlebt.

Pustekuchen.

Denn ich glaubte das nur, hatte mir zu irgendeinem Zweck ein ganzes Glaubensgebäude geschaffen in meinem Hirn. Ich mußte feststellen, was auch Polizisten, Journalisten, Richter usw. immer wieder feststellen, wenn Zeugenaussagen gemacht werden: Vieles von dem, was wegen der begrenzten Speicherapazität vom Kuzzeitgedächtnis in andere Gedächtnisbereiche umgelagert wurde, hat die Wissensgrenze bereits weit überschritten. Erinnerungen sind individuell, durch Ersetzungsmechanismen (die aus individueller Erfahrung gebildet werden) verändert, zum Teil in ihr Gegenteil verkehrt. Nicht Wissen, sondern Glauben ist es hinter dieser Kurzzeitgedächtniskapazitätsgrenze; ich glaube nämlich nur, daß mein Gedächtnis mich nicht trügt?

Findet sich «Am anderen Ende der Wahrheit» also die Erinnerung, meine, die persönliche Erinnerung? Ist mein Gedächtnis «Am anderen Ende der Wahrheit»? Schon das Wort “Gedächtnis” könnte einen Hinweis liefern: Es ist Gedachtes, das es enthält, sogar Aus-Gedachtes (also auch ganz frei Erfundenes). Zumindest aber dachte ich über das nach, was mein Gedächtnis enthält, sonst könnte ich mich nicht daran erinnern?! Und was beim Nachdenken wirklich mit dem geschieht, was ich erlebt, gesehen, gehört habe: Wer weiß das schon? Ist es also prinzipiell unmöglich, Wahrheiten zu wissen oder sie im Gedächtnis zu speichern? Ist im Gedächtnis, in der Erinnerung “nur noch” Glauben enthalten? Wird aus jedem Wissen durch das Einarbeiten in mein Gedächtnis Glauben, zwangsläufig?

Wenn ich eine (objektive, um nicht zu sagen: absolute) Wahrheit kenne, so ist aber auch die nur begrenzt wahr, nur unter ganz bestimmten Bedingungen wirklich Wahrheit. Objektiv wahr ist doch zum Beispiel: “Ein Apfel, den ich aus meiner Hand fallen lasse, fällt senkrecht hinab auf die Erde.” Dafür sorgt der physikalische Effekt der Gravitation mit hinreichender Genauigkeit. Wie fällt der Apfel, wenn ich ihn in meiner Hand während der Fahrt aus einem Autofenster halte und dann fallenlasse? Ah, da hat sich eine Bedingung geändert: Jetzt addieren sich zwei physikalische Effekte, die Gravitation und der Impulserhaltungssatz, so daß der Apfel in einer parabelförmigen Kurve zu Boden fällt.

Oder ist «Am anderen Ende der Wahrheit» nur mindestens eine nicht erfüllte Bedingung, eine nicht beachtete Bedingung?

Oder ist «Am anderen Ende der Wahrheit» das Glauben?

Ich kenne nur eine mit ziemlicher Sicherheit absolute Wahrheit: Es gibt keine absolute Wahrheit. Aber ich bin mir jetzt sicher, daß Wahrheit (mindestens) ein Ende hat. Aber was ist «Am anderen Ende der Wahrheit»?

(t.b.c. – wird fortgesetzt)

 

Der Emil

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

 

P.S.: Positiv am 31. März 2013 war der Film “Im Netz”, den ich um die Mittagszeit vollständig ansehen konnte.

P.P.S.: Gedankenspielerei, ohne den Anspruch auf (wissenschaftliche) Korrektkeit. Sozusagen lautes Nachdenken, nicht mehr und nicht weniger.

© 2013 – Der Emil. Eigener Text (nicht das Zitat!) steht unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

090 / 365 (WP-count: 736 words)

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
Dieser Beitrag wurde unter Am anderen Ende der Wahrheit, Gedachtes, Geglaubtes, Geschriebenes, One Post a Day, postaday2013 #oneaday abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

0 Kommentare zu Am anderen Ende der Wahrheit V (Nº 090)

  1. Emil, ich grüße dich und wünsche dir einen HERR-lichen Ostermontag!
    Interessant was du hier schreibst.
    Ganz spontan ist mir dazu in den Sinn gekommen:
    Vielleicht sind am anderen Ende der Wahrheit Gefühle, Emotionen, Empfindungen…
    Dann fällt mir noch was ein:
    Kennst du das:
    Die vier Fragen aus: *The Work* von Byron Katie:
    1. lst das wahr?
    2. Kannst du absolut sicher sein, dass das wahr ist?
    3. Wie reagierst du, wenn du diesen Gedanken glaubst?
    4. Wer wärest du ohne diesen Gedanken?
    Kehre ihn um!
    (Finde Beispiele für jede Umkehrung, die genauso wahr oder wahrer sind.)

    Mit Herz & Segen!
    M.M.

  2. leonieloewin sagt:

    Hallo Emil, das ist wirklich sehr interessant was Du schreibst. Und es ist sehr viel zum Nachdenken – habe selber noch nicht alles erfasst und muss in einer ruhigen Minute noch einmal genauer lesen.

    Zur absoluten Wahrheit fällt mir ein, dass es die vielleicht nur für jeden einzelnen Menschen in jeder einzelnen Sekunde gibt. Und das ist dann seine/ihre absolute Wahrheit.
    Ich wünsche Dir einen schönen Ostermontag. Liebe Grüsse Leonie

  3. Anne-Marie Peters-Tipton sagt:

    Danke Emil, z.Zt. bin ich dabei ueber „meine“ Wahrheiten zu meditieren,gar nicht so einfach. Ich glaube zu „glauben“? Immer wieder anregend „Deine“ Schreibereien,viel Stoff zum „Nach“denken oder einfach sinnieren,spinnen,traeumen.

  4. mayarosa sagt:

    Am anderen Ende der Wahrheit ist die Wahrheit, denn am Ende beißt sie sich vielleicht in den eigenen Schwanz.
    Okay: H2O ist die chemische Bezeichnung für Wasser, O2 die für Sauerstoff. Beides brauchen Lebewesen, um die Zellteilung zu vollbringen und zu leben. Das müsste zumindest nach heutigem Stand des Wissens eine objektive Wahrheit sein.
    Bei der Farbe, die dieser Zaun, Stuhl, Baum hat … ist es mit der Objektivität schon schwieriger. Den Farbensehen ist abhängig von unserem individuellen Sehorgan und den momentanen Lichtverhältnis. Ich weiß also nicht, was du siehst, nur was ich sehe.
    Und wenn wir uns erinnern, ist unser Gehirn der Märchenonkel aus 1001 Nacht. Es legt sich die Erinnerung so zurecht, wie es ihm genehm ist und baut sie im Laufe des Lebens auch immer wieder mal um. Quarks & Co hat sich mal eine ganze Sendung lang damit beschäftigt:
    http://www.ardmediathek.de/wdr-fernsehen/quarks-und-co?documentId=8332164

  5. Sofasophia sagt:

    nun nochmals gelesen und gedacht: ich erschrecke über die für mich übertragbaren inhalte in bezug auf „nette und weniger nette mibringsel“ (wahrheiten) aus meiner ursprungsfamilie.
    ob subjektiv oder objektiv: was du da schreibst, ist so was von wahr und „hochexplosiv“, dass ich, wie gesagt, erschrecke.
    danke für diese inputs!!!

  6. Pingback: Am anderen Ende der Wahrheit VIII | Gedacht | Geschrieben | Erlebt | Gesehen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert