Ein Interview ist keine Therapie.
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Das hatte ich nicht bedacht.
Gestern vormittag war ich unterwegs fürs Radio und sprach mit einem sehr angesehenen Fachpsychologen der Medizin über das Thema “Wer hilft den Helfern”. Nachdem die Fragen abgearbeitet und das Aufnahmegerät abgeschaltet waren, plauderten wir allerdings noch weiter. Der nette Herr wollte nämlich wissen, wie wir auf diese Thema kamen. Natürlich spielte dann auch eine Rolle, welche Beziehung ich selbst zum Thema habe.
Ganz plötzlich, wie aus dem Nichts heraus waren meine Depression und ihr möglicher Auslöser Gesprächsstoff. Und ehe wir uns versahen, wurde aus dem Befragtem der Therapeut und aus dem Befrager – also aus mir – der Patient. Wir wechselten in unsere gewohnteren Rollen.
Für mich kann ich es erklären: Mein Therapiedruck, mein Therapiebedürfnis (Bedürfnisse waren mein Thema in der Tagesklinik) ist ziemlich stark. Aber bisher fand ich noch keinen Therapeuten: Wartezeiten von zwölf Monaten sind normal bei den über achzig niedergelassenen Therapeuten und/oder Psychologen nur in der Stadt Halle (Saale). Und warum wechselte mein Gegenüber die Rolle? Habe ich ihn gedrängt, eingeladen, mein Bedürfnis so dringlich mitgeteilt? Das glaube ich nicht …
Allerdings merkte ich selbst im weiteren Gesprächsverlauf, nach etwa 15 Minuten, daß ich mich in einer mir nicht angenehmen Therapiesituation befand. Das konnte ich mitteilen und auch mein Unbehagen über die entstandene Konstellation ausdrücken.
Für mich war das ein wirklich guter Schritt, den ich machte. Und mit dieser. von uns beiden übereinstimmend als positiv beurteilten Feststellung beendeten wir meinen Besuch und ein sehr interessantes Gspräch.
Wie ich schon sagte: Ein Interview ist keine Therapie und sollte auch nicht als solche genutzt oder fortgeführt werden.
Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.
P.S.: Positiv am 26. Juli 2012 war meine klare Mitteilung von Unbehagen und Bedürfnis.
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Ich glaube Emil, die Frage, warum Dein Gegenüber die Rolle wechselte, kann ich Dir einigermaßen unprofessionell beantworten. Ich hatte nämlich zwei Psychologen bzw Therapeuten in meinem, sogar engen Freundeskreis. Wir haben keinen Kontakt mehr, weil die immer therapierten, auch wenn wir einfach nur bei einem Bier zusammensitzen wollten. Das ist sozusagen eine Berufskrankheit
Hm, Ich weiß es nicht, Dieser Mann hat 50 Jahre Berufserfahrung. Er sollte lang genug therapiert haben 😉
Das ist natürlich ein Argument. Schließlich arbeiten meine Bekannten gerade mal knapp 30 Jahre im Beruf 😉
Nee, ernsthaft, ich glaube, dass wird immer schlimmer, je älter die werden
Ich finde das doch in deinem Fall gar nicht schlimm, sondern u.U.auch wirklich hilfreich für dich. Egal, welchen Beruf man hat, wenn im privaten Bereich das Thema darauf kommt, äußert man sich doch gerne mal „fachlich“, oder?
LG von Rana
Nur: Ich habe mich wirklich nicht wohlgefühlt dabei, weil ich eben als „Mitarbeiter“ vom Radio dort war. Ich wollte diesen Rollenwechsel nicht.
Das scheint eine Form der Übertragung gewesen zu sein – gut, dass ihr das durchbrechen konntet. Zu dem Thema Helfers Helfer gibt es zwei sehr gute Bücher. „Hilflose Helfer“ von Wolfgang Schmidbauer, von Eva Jaeggi „Und wer therapiert die Therapeuten?“ – beide wirklich lesenswert.
Danke für die Buchtips – da haben wir was für die langen Winterabende 😉
ja, ich denk, das hängt vllt auch an diesem seltsamen Helfersyndrom. oder ein schlechtes Gefühl? wer weiß? aber grad habsch @ SPON gelesen, dass sich Iggy Pop in die Interview-Therapie (begibt), um über Angst, Sucht und Scham zu sprechen.
http://www.spiegel.de/kultur/tv/iggy-pop-arte-doku-call-me-iggy-ueber-den-paten-des-punk-a-843764.html
ich bin aber auch nur ein armer und oft hilfloser Sozialarbeiter …
hehe, dieses Ideal läßt sich auch zuweilen gut pflegen. eija, wünsch dir was.lg claus
Ich verkneif mir jetzt den Pitbull-Spruch 😉
Wegen des Helfersyndroms hab ich mir eine Ausbildung in diesem Bereich verkniffen.
oke 😉
Lieber Emil,
ich finde es toll, dass Du uns an dieser Begebenheit teilhaben lässt.
Dass Du uns berichtest, wie Du Dein Unbehagen zum Ausdruck gebracht hast.
Wieviel einfacher wäre das Miteinander, wenn wir frühzeitiger zum Ausdruck bringen würden, wenn eine Situation uns Unbehaben verursacht.
Liebe Grüße,
Ulf
Ich kann Deine Sicht aus meiner eigenen langen Krankheitserfahrung gut verstehen. Sowohl das Bedürfnis, als auch das sich dann doch nicht wohl fühlen.
Der Therapeutenmangel ist überall ein Riesen-Problem. Ich hatte damals echt Glück.
>Das konnte ich mitteilen und auch mein Unbehagen über die entstandene Konstellation ausdrücken.<
Ich gratuliere Dir zu dieser Leistung. Mir fällt es sehr oft sehr schwer in einer mir Unbehagen erzeugenden Situation dies auch zu äußern. Und einen Zustand (wieder)herzustellen, in dem ich mich wohl fühle.
Ich finde es auch eine tolle Leistung, dass Du Dein Unbehagen kund getan hast. Nicht jeder hätte den Mut dazu.
LG Gabi