Der Abwärtsspirale Einhalt gebieten
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Diesmal merke ich es, ehe es zu spät ist: Die Luft ist raus. Ich laufe Gefahr, erneut in die Losigkeit wegzudriften, mich hinaustreiben zu lassen auf die weite See des Nichts. In die Spirale nach unten zu geraten und mich einfach abrutschen zu lassen. Trotz aller Versuche, eine Struktur beizubehalten, eine Tagesstruktur, flacht diese immer weiter ab. Einfach zusammenreißen und weitermachen geht nicht mehr richtig. Zeit, jetzt dagegen anzugehen.
Was mir fehlt? Seit Dezember vorigen Jahres war ich gut eingespannt, wurde ich von mir auf Trab gehalten. Hier hatte ich zu tun und dort. Ich hab die Liebste besucht, hab Familienleben ausprobiert und fand es gut. Doch diese Besuche sind seit acht Wochen, seit Mitte März einfach ausgeblieben. Wir trafen uns in Leipzig, sie war auch hier. Aber ich war nicht dort. Wieso? Viele Gründe gibt es dafür. Ganz sicher. Aber mir fallen nur zwei ein. Und die gefallen mir nicht. (Und die verrate ich auch nicht, weder hier, noch am Telefon.)
Zurück zur Tagesstruktur. Vor einiger Zeit war ich wirklich krank mit dieser dämlichen Mandelentzündung. Und seitdem schlafe ich wieder schlecht. Werde nachts wach. Werde morgens nicht munter. Das muß ich wieder ändern. Noch halte ich mich von gewissen Dingen fern, doch es fällt schon schwerer.
Nicht abzurutschen, nicht wieder nur das Schlechte zu sehen, nicht wieder alle unangenehmen Gedanken und Gefühle sofort zu verbieten: Eine verdammt schwere Arbeit. Die ich jetzt tun muß, ohne Widerrede. Keine Ausrede, keine Entschuldigung.
Den Tag planen. Im Februar habe ich es noch getan:
Um 8.30 Uhr Frühstück. Ab 9.15 Uhr genau eine Stunde lang Morgenrunde durch das Netz. Hausarbeit und/oder Schreibkram bis 12.30 Uhr. Essen zubereiten, 13.00 Uhr Essen. Danach Pause bis 14 Uhr. Spätestens 14.30 Uhr das Haus verlassen. Unterwegssein, schreiben, erleben, lauschen, be-lauschen, notieren. Heimkommen, zweite Netzrunde. Abendessen um 19.30 Uhr, allerspätestens 20.00 Uhr. Blog schreiben. Telefonieren. Zubettgehen um 23 Uhr.
Regelmäßigkeit muß sein, gerade in den Selbstverständlichkeiten. Und wenn ich Termine habe, bei Radio Corax oder andere, dann werden die integriert. Morgen zum Beispiel das Interview für die nächste Sendung. Wie die Organisation meines Alltags jetzt war, das war kein (wünschenswerter) Zustand (mehr).
Ach. Einer der Gäste vom Mai hat das Studiogespräch auf seiner Webseite verlinkt. Wer also jetzt möchte, kann dort die Radio-Corax-Sendung nachhören zum Thema «Jeder Künstler muß verrückt sein. Nur Verrückte können Kunst». Danke, Joachim! (Ja, das ist Werbung für ihn, den Trümmermann, dem ich mehr Leser wünsche.)
Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.
P.S.: Positiv am 21. Mai 2012 war, daß ich mich aufraffen konnte und an der Junisendung mitgearbeitet habe.
© 2012 – Der Emil. Text & Bilder stehen unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).
über diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse können in meinem Blog erfragt werden.
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Ich wünsche Dir sehr, daß Du Deinen Weg nicht verlierst.
LG, P.
Danke. Gleichfalls. (Ich trau mich das zu schreiben, ja. 🙂 )
Manchmal ist es hilfreich, wenn man sich einen durchstrukturierten Tagesplan macht, das gibt einem sowas wie ein Stützkorsett.
Emil, nur nicht aufgeben!!
Grüßle
SK
Aufgeben? Nein, nicht mehr.
Wie wichtig so ein “fester” Tagesablauf ist, fiel mir leider erst wieder sehr spät – glücklicherweise nicht zu spät – auf; und jetzt kann ich damit wietermachen.
Lieber Emil,
bitte keine Sprachlosigkeit. Dein Blog ist für Dich und für uns – Deine Leser – wichtig!
LG Amelie
Ich glaube, das wäre dann ein Zeichen für eine eingetretene Katastrophe: Wenn ich ohne Ankündigung zwei oder drei Tage keinen Beitrag verfaßte (Konjunktiv).
Die Nichtzustände sind auch wichtig. Sicher brauchen wir Gerüste mit Sicherheitsleinen, die uns vor Abstürzen bewahren. Aber ab und an sollte man ausprobieren, wie es ist, diese etwas zu lockern. Sonst kann es geschehen, dass dieses Gerüst zum Käfig wird, uns dominiert und einengt. Werde morgen beim Trümmermann reinschauen. Heute reicht es nur für eine morgendliche Blogrunde.
Liebe Grüße,
Elvira
Es fühlte sich fast so an, als fehle mir mein Skelett – und ohne ein solches wird das Leben schwer. Ich hatte wohl zu sehr gelockert …
Viel Kraft wünsche ich Dir – für alles.
Emil, ich bin gleich mal auf die verlinkte Seite gegangen und habe kurz reingelesen. Ich glaube, es lohnt sich, dort länger zu lesen.
Ich kann dich so, so gut verstehen – ich habe es auch immer wieder versucht, Struktur reinzubringen – und habe es dennoch nur geschafft, mich durch schreiben, fotografieren, bearbeiten von Fotos, Kinderbetreuung und ähnliches abzulenken, nicht zu strukturieren. Ich betreibe in gewisser Weise Raubbau an meiner Gesundheit, aber nicht mit Drogen, sondern mit zu wenig Bewegung.
In den letzten Wochen vermisste ich schon deine glücklichen Worte über die „zwei kleinen Zicken“ (ich glaube, so waren deine Worte) und mir schwante nicht unbedingt Gutes.
Versuche, deinen Weg zu gehen – ich halte dir die Daumen.
Liebe Grüße von Clara
Ja, aber mir ist es genug der Ablenkerei. Ich möchte das anders machen.
Und Zimtzicke und Mäkelhexe und ihre Mutter gehören noch immer zu meinem Leben. Nur besucht hab ich sie lange nicht.
Schööööööööööööön, dass mit dem „Dazu gehören“
lieber emil,
wie ich das kenne, aus zeiten, in denen ich arbeitslos war! ich habe immer zu tun, weil ich schreibe, weil ich bilder mache etc., aber diese eigene struktur… puh ja, die braucht so unendlich viel disziplin und die habe ich immer nur für eine weile- ich wünsche dir sehr, dass dich der sog nicht wirklich erfasst. halte den kopf oben und lasse dir sagen, dass du ein wunderbarer bist! danke für deine offenheit.
ich sende dir ein bißchen goldregen
Die Disziplin ist es auch bei mir, die nicht gut genug ausgebildet ist.
Daß ich hier darüber schreibe, ist für mich schon ein gutes Zeichen: Nein, weiter runter mag ich nicht, jetzt tu ich was. Und übermorgen kann ich bestimmt schon sagen, daß mir meine Hausmittel (Plan und dessen Einhaltung) helfen.
jaaa… genau so! ist doch hilfreich, wenn man im laufe des lebens die abfahrt nach unten gelernt hat wahrzunehmen und die werkzeuge hat, um gegenzusteuern- wünsche dir von herzen ein gutes gelingen Li Ssi
Eine gewisse Struktur ist wichtig, ja. Manchmal helfen Routinen oder regelmäßige Aufgaben, die man übernimmt. Weiß nicht, ob das was für dich ist, aber in Halle gibt es bestimmt jede Menge soziale Projekte, die jemanden wie dich gut brauchen können und die dir wiederum dabei helfen, im strukturierten Tag zu bleiben, weil du ja eine Verpflichtung eingegangen bist (alten Menschen Gesellschaft leisten, für junge Sport anbieten, Kunst, Öko… etc.)
Das eine ist ja schon das Radio. Dann hab ich meine Ziehkinder. Und meinen Blog (nein, mehrere).
Dieses Leben zwischen den Möglichkeiten, das ich in den letzten Wochen führte, das entscheidungslose Leben hat mich gebeutelt. Gestern habe ich wieder eine Entscheidung getroffen (nach einem kleinen Schubs) – und schon geht es mir besser.
Freut mich, dass es dir besser geht. Ja, nicht getroffene Entscheidungen können einen ganz schön runterziehen. Wenn entschieden ist, ist wieder gut, weil klar. 🙂
Es mag Dir altklug oder abgeschmackt erscheinen, doch ist es völlig normal, was Du schreibst. Du bist jetzt wieder in Deiner Realität angekommen, bis jetzt hat Dich vieles abgefedert, was rund um Deinen Kliniksaufentlhalt an Positivem war. Stationäre Therapien haben immer einen puschenden Effekt, der nach einer gewissen Zeit halt verflogen ist. Bei Dir hat es erstaunlich lange gehalten, wohl auch die neue Liebe hat viel dazu beigetragen. Indes, ist in Deiner Realität Liebe nun mal nicht alles und ‚Eine neue Liebe ist nun mal nicht immer auch gleich ein neues Leben‘. Ohne Details zu wissen, nur aus der virtuellen Ferne beobachtet, wäre mein Rat, jetzt nach einer guten ambulanten Therapeutin zu suchen. Vielleicht auch ein männlicher Therapeut. Irgendwann merkt man, dass die Frage des Geschlechtes nicht mehr wichtig ist, aber anfangs ist sie es auf jeden Fall. Frag Dich, was Du brauchst, brauchst Du momentan mehr mütterliche oder väterliche Fürsorge. Es wird wieder werden, jetzt ist erst mal Selbstsorge angesagt … Lieben Gruß von hier aus … Renate
Danke Renate. (Das Therapeutenproblem ist größer als gut ist: Wartezeiten von sechs bis acht Monaten ohne eine entsprechende Empfehlung … Vielleicht sollte ich doch nochmal studieren und selbst Therapeut werden 😉 )
Ich weiß, lieber Emil. Ich habe ja schon vor Deiner stationären Therapie versucht, Dir zu sagen, Dir schon vorsorglich jemand zu suchen.
Ich denke, es gibt für Dich auch noch die Möglichkeit, in der Klinik Nachsorgegesprächstermine zu vereinbaren. Die haben doch bestimmt auch eine Notfallambulanz. Informiere Dich doch auch mal in der Psychiatrischen Klinik nach einer Notfallambulanz. Das klingt schlimmer, als es ist. Ich kenne das aus vielen Städten, wo man dort hingehen kann und einige Gespräche mit einem Therapeuten haben kann. Das ist besser als gar nichts und Du solltest Dich nicht schämen, das in Anspruch zu nehmen.
Jeder Therapeut kann unproblematisch fünf Sitzungen mit der Kasse abrechnen. Das sind ja die sogenannten probatorischen Sitzungen, die man hat, damit sich Therapeut und Patient kennenlernen und entscheiden, ob sie miteinander arbeiten wollen.
Ich drücke Dir die Daumen, dass Du schnell eine Erste Hilfe findest.
Nur mal auf die Schnelle, denn ich muss gleich wieder in die neue Wohnung:
Lieber Emil, die „Phasen“ kenne ich von einer nahen Verwandten. Ich hatte immer Angst, dass sie sich wieder „verliert“ und bin so auf die Dauer zu einem guten Beobahter geworden. Sie hat gelernt, Zeichen zu erkennen, zu reden (was am Anfang gar nicht ging) und gegenzusteuern. Das muss wahrscheinlich jeder für sich ausprobieren. (Sie läuft durch den Park in ihrer Nähe.) Die Phasen kommen immer mal wieder, aber sie bringen sie nicht mehr um.
Du wirst die verdammt schwere Arbeit schaffen. Ich fühle das einfach.
So und jetzt sause ich in meine Wohnung. Ich glaube, ich muss den Fußboden im Bad fliesen. Keine Ahnung, wo ich anfangen soll, aber das werden die mir auf dem Baumarkt schon erzählen.
Gruß von der Gudrun
Lieber Emil, solange du noch erkennst, dass du Gefahr läufst, in den circulus virtuosus abzugleiten, sehe ich noch lange nicht schwarz für dich.
Meine guten Wünsche begleiten dich. Mandy
Ja, Struktur – das ist so eine Sache. Darin verhangel ich mich zeitweise auch ordentlich, in der Strukturlosigkeit meine ich. Dann muss ich mich wieder liebevoll verwarnen. Stundenplan hervorkramen. Der Schritt darüber zu schreiben ist ein ganz wichtiger Aspekt dazu. So verpflichtet man sich selbst dazu.
Als ich noch sehr krank war, nicht arbeiten konnte, war die tägliche Strukturlosigkeit auch mit mein größtes Problem. Heute gibt mir die Arbeit Struktur und ich kann völlig strukturlose Tage dann auch mal genießen. Aber ich kenn den Abwärtssog nur zu gut. Ich war lange in einer Klinik mit einer sehr engen Tagesstruktur, danach kam zuhause das große Loch. Ich denke, Du wirst es schaffen, Du bist achtsam Dir selber gegenüber und erkennst, wenn Du zu sehr abgleitest. Einfach ist das trotzdem nicht und ohne meine Arbeit hätte ich da auch arge Probleme.
„Losigkeit“ ist ein großes. treffendes Wort. (Zum Inhalt wurde ja schon viel geschrieben, der Artikel ist ja auch nicht mehr brandaktuell.) Dein eigener Neologismus ? Oder ist das womöglich schon ein fester Begriff, den ich nur bisher übersah ?
Ich habe es gelesen in einem Buch zur Depression … Und es stimmt ja auch.
Ja eben. Losigkeit bringt es auf den Punkt.
Ein durchstrukturierter Plan klingt gut. Sowas hab ich noch nicht geschafft.
Ich wünsche dir das allerbeste.
LG Gabi