Strittmatters Schuld (Nº 295 #oneaday)

Schuld. Vergessen. Erinnern.

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Schuld

Eva Stritmatter
 

Ach, wieviel Schuld in meinem Leben.
Wer trägt gerecht die eigne Schuld?
Wie schnell hat man sich selbst vergeben.
Doch das Gedächtnis hat Geduld,
Wenn andre uns mit Gram geschlagen.
Wir wissen noch nach tausend Tagen
Gewicht und Preis der fremden Schuld.

 

Eva Strittmatter: Ich mach ein Lied aus Stille. Gedichte.
Edition Neue Texte. Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 6. Auflage 1983. S. 39
Printed in the German Democratic Republic. L.N. 301. 120/73/83
 
 
 

Jeden Tag muß ich mir zu ganz bestimmten Geschehnissen aus meiner Vergangenheit sagen: “Du bist nicht Schuld!” Denn seltsamerweise kann ich mich an diese Dinge sehr gut erinnern.

An andere Ereignisse fehlt mir jede Erinnerung. Ich ahne vielleicht noch, daß sie stattgefunden haben müssen. Von einigen Vorfällen erzähle ich seit Jahren “angepaßte” Geschichten, die mein Verstand und meine Seele erfanden / veränderten, um nicht daran zu zerbrechen.

Jetzt, in den Tagen, da ich krank zuhause im Bett lag, kramte ich auch ein paar olle Kamellen wieder hervor. Nur die, die mich wirklich interessierten, die blieben vor mir verschlossen. Ich möchte zunächst die letzten zwei Jahre vor meiner Neuerfindung wiederhaben.

Schön wäre es auch, wenn ich wieder von all den Dingen weiß, die ich mit meiner Liebsten damals unternahm. Wie ging ich mit meinen Kindern um? Was erlebte ich mit ihnen? Wie war mein Leben? Gab es glückliche Momente? Vielleicht finde ich auch Momente meiner Schuld?

Keine Angst; ich weiß, daß es Nichts zu erzwingen gilt. Daß es Zeit braucht, Geduld. Und zur Ergänzung mancher Erinnerungslücke tragen Menschen bei, die an den Geschehnissen beteiligt waren.

Gestern zum Beispiel half mir – zwar unbeabsichtigt, aber wirkungsvoll – die Liebste beim finden eines (wichtigen) Namens, nach dem ich schon seit Monaten suchte. Und mit dem Namen tauchten auch ganz viele andere Stücke der Vergangenheit wieder auf in meinem Kopf.

Aber eine Schuld, eine fremde Schuld war nicht dabei. Es sind ja schon mehr als tausend Tage vergangen. Und Gram kann ich mit diesem Namen auch nicht verbinden, deshalb war er mir so wichtig. Viele angenehme Momente haben jetzt wieder ein Gesicht.

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 21. Oktober 2011 waren die erhaltene Fahrtkostenerstattung, der erledigte Einkauf, die wiedergefundenen Erinnerungsteile, der Fortschritt in den Texten.

P.P.S.: Mit “Strittmatters Schuld” meinte ich nur, daß ich (Eva) Strittmatters “Schuld” zitiere.

© 2011 – Der Emil CC by-nc-nd der_emil(at)arcor(dot)de

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Strittmatters Schuld (Nº 295 #oneaday)

  1. anniefee sagt:

    Hm, das ist wohl tatsächlich recht verschieden, ob mensch eher die Schuld bei anderen sucht und sich selbige länger merkt oder eben sehr selbstkritisch ist und sich lange nicht verzeiht.
    In Betrachtung der Strittmatterverse möchte man meinen, die erste Gruppe wär zahlenmäßig stärker.

  2. „An andere Ereignisse fehlt mir jede Erinnerung. Ich ahne vielleicht noch, daß sie stattgefunden haben müssen. Von einigen Vorfällen erzähle ich seit Jahren “angepaßte” Geschichten, die mein Verstand und meine Seele erfanden / veränderten, um nicht daran zu zerbrechen. “
    Ich denke, das geht uns allen so. Und wenn Verstand und Seele Geschichten erfinden, um nicht zu zerbrechen, hat das auch eine Legitimation, solange es anderen Menschen, die damit verbunden sind, nicht schadet. Es entfaltet eine gewisse Heilkraft. Nur schade, dass man später, wenn man gerne den Tatsachen wieder ins Auge schauen möchte und es vielleicht auch könnte, sie nur sehr schwer wiederfindet.
    Ich grüße dich

  3. Follygirl sagt:

    Wünsch Dir ein schönes Wochenende, Petra

  4. frizztext sagt:

    zur Heilkraft des Vergessens – und vorsichtigen, gefilterten Wiederfindens ….

  5. Himmelhoch sagt:

    Deine Worte erinnern mich an Filme, wo über Leute erzählt wird, die durch ein gravierendes traumatisches Ereignis ihr Gedächtnis verloren haben.
    Ich wünsche dir, dass du das wiederfindest, was du zu einem lebenswerten Dasein brauchst.

    • der_emil sagt:

      Ich selbst habe aktiv vergessen, als ich „Der Emil“ schuf. Hab mir jede Erinnerung verboten. Die Unterlagen zum großen Teil verbrannt.

      Jetzt muß ich wieder umlernen. Das kann dauern. Aber es hat schon begonnen …

  6. Hallo Emil, das klingt ja ganz schön gefährlich.
    Danke für das schöne Gedicht.

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