Der Mantel des Vergessens in der Abstellkammer der Erinnerung (Nº 187 #oneaday)

Die Vergangenheit wird gerade zu einer möglichen Zukunft …

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Das hab ich als Kommentar zu einem Kommentar in meinem Erwachen geschrieben.

Aus falscher Rücksichtnahme habe ich vor vielen Jahren einmal gekniffen, den Schwanz eingezogen, einen Rückzieher gemacht, mich falsch (so glaube ich heute) entschieden.

Weil ich aber die Geschehnisse und alles damit Verbundene weit, sehr weit verdrängt habe, sie sozusagen in eine Ecke im Abstellraum meines Gedächtnisses packte und dann den Mantel des Vergessens drüberdeckte und die Tür des lichtlosen Abstellraumes wieder fest verschloß, waren sie nicht mehr sichtbar. Noch da, ja, aber irgendwann bildete sich eine soooo dicke Staubschicht darauf, daß der Mantel mit dem Häufchen darunter sich nicht mehr unterschied von irgendeinem anderen Haufen Staub. Außerdem stand ja noch das Schild «Nicht anrühren!» davor.

Jetzt wurde die Tür zum Abstellraum überraschend geöffnet, dieser Mantel des Vergessens aufgehoben und ausgeschüttelt. Alles, was darunter lag, ist noch da. War nie ganz weg. Die Staubwolken allerdings, die beim Aufdecken entstanden, und die Staubschicht, die unter den Mantel kroch, die verhindern (noch) einen klaren Blick. (Außerdem machen mir Dinge, die soooo lange keine Rolle spielten in meinem Leben, auch ein wenig Angst. Ihr wißt ja, daß ich heftig unter und an Selbstzweifeln leide.)

Aber: In dem Haufen befand eine starke Lichtquelle. Dieses Licht sehe ich jetzt schon durch die Staubwolken hindurch leuchten und es nimmt mir ein wenig die Angst. Im Abstellraum ist es nicht mehr ganz so finster. Und ich beginne, einiges des achtlos (?) in die Ecke Geräumten zu säubern und wieder in die Hand zu nehmen. Schade nur, daß sich manchmal gleich wieder viel Staub darauf festsetzt und der alte Glanz so einfach nicht wiederherzustellen ist, sondern daß es Mühe dazu braucht und Achtsamkeit und wahrscheinlich auch etwas Geduld, vielleicht ein wenig Politur und daß ich noch nicht so richtig sicher sein kann, wohin damit.

Es ist Zeit, zumindest in dieser Ecke einmal ganz gründlich aufzuräumen. Vielleicht – nein, hoffentlich zeigt sich, daß das jahrelang Verborgene noch immer funktioniert, wieder funktioniert. Als erstes habe ich jetzt das «Nicht anrühren!»-Schild zerbrochen, kleingehackt, geschreddert, seine Reste verbrannt und die Asche entsorgt.

Erst mußte ich heftig husten wegen des Staubs, der aufgewirbelt wurde. Jetzt habe ich eine Atemschutzmaske auf und mache mich an die Arbeit. Es ist zwar noch immer vieles verschwommen und undeutlich, aber ich glaube, der Staubsauger ist schon unterwegs hierher.

Nein, es wird keinen “Rundumschlag” geben, nur in dieser einen Ecke wird erstmal ordentlich aufgeräumt. Was währenddessen und danach geschieht? Das kommt auch darauf an, wieviel davon noch nutzbar ist, wieviel davon seine Schönheit erhalten hat und wiedererlangt. Und wieviel davon aus der Abstellkammer heraus ins (tägliche?) Leben zurückkehrt.

Am liebsten würde ich ja alles aus der Abstellkammer rausholen – aber für einiges finde ich in meinem Leben kein Platz mehr. Also beginne ich mit eben dieser einen Ecke. Das «Betreten Verboten!»-Schild ist von der Tür der Abstellkammer verschwunden und steht jetzt selbst darinnen. Der Mantel des Vergessens ist gerade in der Reinigung. Selbst durch die Staubwolken hindurch weist mir die Lampe aus dieser Ecke den Weg.

Hoffentlich halten deren Batterien lange genug. Vielleicht bringt man mir neben dem Staubsauger auch eine neue Lampe mit und geht mit mir gemeinsam daran, die Sachen wieder in Ordnung zu bringen.

Hoffnung. Daß das Positive aus der Vergangenheit nicht nur eine mögliche Zukunft wird und bleibt. Und daß ich den Mantel des Vergessens nicht so schnell aus der Reinigung abholen muß …

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 5. Juli 2011 war, daß ich meine Küche & den Flur komplett fertig geputzt habe.

© 2011 – Der Emil CC by-nc-nd der_emil(at)arcor(dot)de

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Der Mantel des Vergessens in der Abstellkammer der Erinnerung (Nº 187 #oneaday)

  1. gisi sagt:

    Manchmal, wenn jemand etwas ganz Kleines sagt, dann passt es genau in die leere Stelle in Deinem Herzen…und manchmal sind es gerade die Dinge die verstaubt in dieser Ecke lagen,
    die eigentlich immer “ Geleuchtet “ oder “ Geschlummert “ haben!
    Möge der Mantel des “ Vergessen“ niemals mehr angezogen werden müssen, ich wünsche dir eine
    Zukunft die Diese kleine Ecke füllt, in deinem Herzen!

  2. Follygirl sagt:

    Das liest sich gut und auch mutig…
    Wünsche Dir Glück…
    LG, Petra

  3. Hm. mich macht dieser Blogeintrag traurig. Weil er klingt wie eine Therapie. Und eine Therapie braucht nur, wer Seelenleid hat. Und Seelenleid anderer Menschen macht mich traurig.
    Aber das ist mein ganz persönliches Empfinden, meine ganz persönliche Interpretation dieses Textes.
    Ich wünsch Dir einen schönen Tag und dass Du in der Abstellkammer mehr Positives als Negatives findest, nichts Unvollendetes, und wenn doch, dass sich dieses als harmlos erweist, als etwas, dass in der Erinnerung größer erschien und über das Du jetzt lächeln kannst.

  4. sucherin sagt:

    Ab und zu ist es wohl einfach notwendig sich der Vergangenheit zu stellen, sie zu verstehen und zu sortieren. Solche Prozesse können nicht ohne Schmerzen abgehen, aber letztlich ermöglichen wahrscheinlich gerade diese Konfrontationen mit der Vergangenheit eine „klare“ und von Staubwolken befreite Zukunft. Eine solche wünsche ich Dir von ganzem Herzen.

  5. Ilona Form sagt:

    Moin Emil, freue mich für Dich, das Du den Mut hast in der Vergangenheit zu „wühlen“.
    Pass mal auf wieviel Positives dabei vorkommt oder Sachen aus denen Du Positives
    machen kannst. Ja Du schaffst es, ich weiss es !!!!!
    Grüsse von Illo.*****

  6. freidenkerin sagt:

    Ganz, ganz großartig! Ich bin sicher, dass du in dieser Abstellkammer des ehemaligen Vergessens auch viel Wertvolles finden wirst…
    Herzliche Grüße!

  7. Bei vielen Dingen in meiner Schmuddelecke habe ich festgestellt, dass es sich mit vielem wie mit dem Zeug verhält, das sich in meinem Keller angesammelt hatte. Viel Zeug, das überflüssig geworden war, ein paar Sachen, die vielleicht jemand anders gebrauchen kann, drei vier Sachen, die ich nicht missen wollen würde. In Keller und Kopf gabs eine Ecke vor der mir recht grauste. Die war die am einfach zu entsorgen. Gut ich habe mich geschnitten und bin dreckig geworden, aber jetzt ist Platz. ich glaube um das Da-Nicht-Hingehen-Schild herumlaufen kostet mehr Kraft, als dahinter sauber zu machen.

  8. Du hast alleine in diese Kammer gefunden, darauf kommt es an. Niemand hat Dich hineingeschubst oder gezwungen, dort mal ordentlich aufzuräumen. Du alleine hast Dich dafür entschieden und fängst im kleinen an. Das ist das Großartige!
    An dieser Stelle möchte ich Dir sagen, dass ich Deinen Schreibstil sehr mag. Deine Texte lesen sich flüssig und sind dennoch tiefgründig. Respekt!
    Liebe Grüße
    Elvira

    • der_emil sagt:

      Stimmt nicht ganz. Die Kammer mußte ich nicht finden – und beim Türeöffnen wurde mir sehr geholfen.

      Danke für das Lob, zeigt es mir doch, daß meine Arbeit (am Text) nicht umsonst ist.

  9. Veit Keller sagt:

    Alles sehr Kryptisch… aber konsequent!

    Interessanter Text, auf der einen Seite weiß man nicht warum er entstand, auf der Anderen geht er in seiner Metapher ins absolute. Schriftstellerisch sehr gut gelungen – wahrlich ein nichterfundener Text, der vom Herzen kam! Andererseits bin ich durchaus Neugierig was die Kraft dir gab nun umso mehr Mühe auf verdrängte Dinge zu legen!

  10. ja. dazu brauchts Mühe Achtsamkeit und Geduld. und viel Hoffnung. dass sichs auch lohnt. 😉

  11. zeitreisen sagt:

    Ich wünsche dir, dass du den Mantes des Vergessens nach dem Abstauben der Erinnerungen nicht mehr brauchen wirst.
    Liebe Grüße,
    Monika

  12. mayarosa sagt:

    Lieber Emil, das hast du wunderbar beschrieben. Einfach großartig.
    Und wie es so ist, wenn man im Keller oder in der Abstellkammer aufräumt, da findet man Dinge, die man vergessen hat. Manche gehören sofort zurück in die Wohnung des Lebens. Andere gehören auf den Müll, weil sie nur Platz wegnehmen. Und wieder andere gehören geputzt und ordentlich eingeräumt, damit man darauf zugreifen kann, wenn man sie mal braucht.
    Es ist klug, sich zunächst auf nur eine Ecke zu konzentrieren, sonst erschlägt man sich selbst und gibt auf, weil es zu viel auf einmal ist.
    Ich wünsche dir alles Gute dabei und hoffe, du hast jetzt – Sonntag morgen – ein sehr gutes Gefühl damit, wo es hingeht, mit diesem Teil in dir.

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  15. Xeniana sagt:

    Ein berührender Blogbeitrag. Wer hat schon den Mut sich in seine Abstellkammer zu begeben? Ein schönes Bild.LG Xeniana

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