[Wende-{Poesie]-Wende}
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Beim Räumen in den Schränken fand ich gestern eine meiner alten Kladden, in die ich immer mal das Eine oder Andere hineinnotiert hatte. (Ich notier heute noch, nebenbei bemerkt. Und es ist noch immer kein Tagebuch, sondern weiterhin eine Kladde – welchselbiger Begriff mir erstmalig 1982 bei der NVA in Form der «Schieß-Kladde», der Bezeichnung für das Heft zur Aufzeichnung der Munitionsausgabe / des Munitionsverbrauchs auf dem Truppenschießplatz, begegnete.)
Fein säuberlich habe ich am 11. März 1994 – deshalb schreibe ich heute hier darüber – sogar die Quellenangabe notiert:
Prinzip Hoffnung
Genagelt
ans Kreuz der Vergangenheit
Jede Bewegung
treibt
die Nägel
ins Fleisch.Christa Wolf: Nagelprobe. In: Günther Uecker. Aufbruch. Werke 1986-1991.
St. Gallen 1992, S. 36
So kurz. So hoffnungslos. Der Schmerz der Veränderung und der Erinnerung.
Soweit ich mich erinnere, entstand das Gedicht 1990 (oder sogar noch Ende 1989). Ja, Christa Wolf hat darin gewarnt davor, daß Erinnerung schmerzvoll sein wird.
Sie hat die Ostalgie vorausgesagt (?), voausgeahnt aber zumindest. Wenn ich das Gedicht jetzt wirklich nur auf die Wendezeit in der DDR anwende …
Ich kann das Gedicht auf mein Leben anwenden. Jeder kann es auf sein Leben anwenden. Mit seiner Hilfe das eigene Leben betrachten.
Das ist doch auch eine Aufgabe der Poesie: Ein Werkzeug zu sein zur / bei der Betrachtung der eigenen Existenz?
Und wer ist nicht an das Kreuz seiner Vergangenheit genagelt? Jedes Nachdenken über meine Vergangenheit reißt Wunden wieder auf. Die ich mühsam notdürftig wieder schließen muß, um nicht daran zu sterben.
Und es schmerzt auch, wenn ich liebgewordene Marotten wieder ablegen soll, Gewohnheiten aufgeben muß, erwachsen und vernünftig sein muß.
Deshalb nehme ich meine Kladde mit Christa Wolfs «Prinzip Hoffnung», schließe sie und räume sie auch wieder in den Schrank. Und vorher hab ich sie noch beschriftet mit:
Erinnerungen. Nur in homöopathischen Dosen erträglich.
Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.
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„Erinnerungen. Nur in homöopathischen Dosen erträglich.“
Wäre ein guter Buchtitel.
Lieber Emil, danke fuer Erinnerungen, ich hab neulich auch in ein altes Tagebuch geschaut & war ganz erstaunt,mir liefen fast kalte Schauer uebr den Ruecken. Jetzt sitze ich & schreibe handschriftlich Erinnerungen auf,das ist z.Zt. befreiend
Liebe Gruesse
anne-marie
Liebe Anne-Marie,
vielleicht glaubt es mir fas niemand, aber so ziemlich alles, was hier an Texten erscheint, entsteht am Tag vorher handschriftlich. Ich hatte ja schon im Adventskalender geklagt, daß das Schreiben mit der Hand, also mit Stift und Papier aus der Mode kommt.
Hoffentlich hast Du daran auch ein wenig Freude 😉
Liebe Grüße!
Ich glaube dir, ich schreibe oft meine Sachen, weniger die Blogeinträge, handschriftlich in mein Moleskinbuch (neudeutsch für Kladde) bevor ich sie in den Computer eingebe. Was sehr persönlich für mich ist, bleibt handgeschrieben.
Mein Kalenderchen muß seit Jahren ein Moleskin sein, die Kladden reichen von Schulheften bis zu den in einen Timer eingehefteten, rückseitenleeren Probedruckblättern. Und bei mir wandert nach und nach alles in den PC.
Ich schreibe allerdings seit etwa zwei Jahren fast ausschließlich Kurrent (alte, deutsche Schreibschrift, die nichtvereinheitlichte Form aus der Zeit vor Sütterlin).
Ich kann nur hoffen, dass das Gedicht (nur) einer temporären Stimmung der Autorin entsprungen ist und nicht für ihr gesamtes Leben charakteristisch ist. Sicherlich hat jeder (ich auch) negative Erfahrungen gemacht und die Erinnerung daran tut weh. Aber es gibt doch (hoffentlich!) auch schöne Momente, die der Erinnerung wert sind. Und davon kann ich dann gar nicht genug bekommen!
Sicher gibt es auch schöne Momente, an die sich jeder erinnert. ’s ist eine Frage des Blickwinkels, oder?