165.2026: Sommerloch

Was ich so in der ereignisarmen Zeit erlebe.

 

Heute in der Bahn sah ich ihn. Er war für knapp sechs Jahre mein Stiefsohn, bis seine Mutter und ich uns 2006 endgültig trennten. Ein Sonderling war er immer schon. Ab und an hab ich ihn getroffen, manchmal sogar ein Wort mit ihm gewechselt; heute aber …

Er sieht abgerissen aus, sehr ungepflegt, ja: schmutzig. Wie so ein klischeehafter, drogen­süchtiger Mensch ohne festen Wohnsitz. Er riecht unangenehm. Er brabbelte die ganze Zeit vor sich hin, kann sein, daß er sich mit seinen Fingern unterhielt. Hat mich nicht wahrgenommen, selbst dann nicht, als ich ihn grüßte und ihn nach seinem Befinden fragte. Scheint in seine eigene Welt abgetaucht zu sein.

Uff. Danach war ich unterwegs in einem alten Industriegebiet der Stadt. Ich suchte nach einer Möglichkeit, in die längst verlassenen Gebäude hineinzukommen, fand aber keine. Ich war so darauf fixiert, daß ich kein einziges Foto gemacht habe in jenen zwei Stunden. Es zog sich dann zu, ein Wind kam auf, da machte ich mich auf den Heimweg. Am Marktplatz sah ich jenen Kerl noch einmal, sitzend an der Haltestelle, der Mund und die Lippen bewegten sich unentwegt. In der Funken­kutsche konnte ich allerdings nicht hören, ob er wieder oder immernoch brabbelte.

Ich habe wirklich meine Gründe, nicht intensiver nach einem Gespräch mit ihm zu suchen. Aber erschrocken bin ich schon über den Grad und die Art seiner Veränderungen. Ich hoffe, er hat irgendwoher Unterstützung; ich kann sie ihm nicht gewähren.

 

Erinnerung des Tages:
Um die Lost Places strich ich vor Jahren schon einmal, das fiel mir wieder ein, als ich ein ganz bestimmtes Gebäudedetail sah.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden machten mich am 26.07.2026 Toast mit Nudossi, das Unterwegssein ohne „Ergebnis”, Bratwurst und Bier.


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Über Der Emil

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2 Kommentare zu 165.2026: Sommerloch

  1. Nati sagt:

    Fällt aber schon schwer, wenn man jemanden näher kannte, oder?

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