177–2024: Unbeantwortbar

Auf blaßblauem Papier geschrieben.

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Mein Lieber,

Du fragtest in Deinem letzten Brief viele sonderbare Fragen. Und ich weiß nicht, welche davon ich als erstes beantworten kann, welche Dir die dringendste ist, die ich vielleicht zuerst beantworten soll. Außerdem muß ich Dir gestehen, daß ich auf so manche Deiner Fragen noch keine Antwort weiß, daß mir die eine oder andere davon sogar als unbe­antwortbar scheint. Verzeih meiner Jugend! Ich suche jedenfalls nach einem Beginn. Wissen möchte ich, wo alle Deine Fragen herkommen, was Du in meinen Antworten zu finden hoffst.

Die schwierigste Fragen sind nicht die nach meinen geheimen Spielen, die zu meinen Entdeckungen an und mit mir. Nein. Es würde mir wahrscheinlich sogar leichtfallen, sie Dir tätig zu beantworten, sie Dir nicht nur in den blumigsten aller trockenen Worte zu beschreiben. Doch dazu müßten wir uns sehen, Du müßtest Deine Zeit mit mir verschwen­den. Das nur, um Deine Neugier zu befriedigen, von der ich Arme doch so wenig wissen kann wie ein Grashalm von weiten Reisen. Die schwie­rigste Frage in Deinem Brief ist die nach meinen Träumen. Denn ich weiß nicht: Fragst Du nach dem, was mir in den Nächten im Schlaf begegnet, oder nach dem, was ich mir für mein, für unser Leben erbitten möchte, sehnsuchtsvoll hoffe?

In den nächtlichen Träumen ist meist alles verwirrt, fehlerhaft miteinander verwoben, so daß keiner, auch der beste Traumdeuter nicht, daraus wohl etwas deutlich herauslesen kann. Was heißt es schon, wenn ich vor meinem Bette auf einer Blumenwiese liege, die Du immer wieder umrundest, an der Du immer und immer wieder vorbeigehst ohne mich anzusehen? Und wendest im Traum Du Deinen Kopf in meine Richtung, so erscheinen ein Wolkenbruch und ein Sturmwind, die mich auflösen und versickern und verwehen lassen, noch ehe Deine Augen mich erreichten. Oder wenn ich im Elternhause zu Tisch gebeten werde und das Speisezimmer nicht erreichen kann, in dem Du mich mit meiner Familie erwartest, weil sich am Fuße der Treppe ein unergründliches, tiefes, moderndes Moor auftut. Früher träumte mir auch oft, daß ich losgelassen werde und in eine Tiefe stürze, ein endlos langes Fallen, das mir den Atem raubte, so daß ich davon aufgeschreckt mit klopfendem Herzen erwachte. Mir scheint, davon hast Du mich erlöst, indem Du Dich mir zugewandt hast. Einmal ritt ich auf einem schneeweißen Kater über ein Scheunendach bis in einen Gänsestall. Nun sag doch, was kannst Du in all dem erkennen?

Und die anderen Träume, die für unser, für mein weiteres Leben? Die sind wohl gleich den Träumen aller anderen törichten Mädchen, denen ein Mann wie Du zu begegnen vermag: romantisch muß es werden, dieses Leben, auf Händen will ich getragen werden von Dir, während ich mich um den Hausstand und die Kinder kümmere, um Dich von diesen Dir lästigen Alltagspflichten freizuhalten. Und ja, ich träume auch von stürmischen Nä

 

An dieser Stelle ist ein Stück abgerissen vom blaßblauen Papier, auf dem die geschwungenen Buchstaben noch nach Jahrzehnten einen verliebten Eindruck machen. Wahrscheinlich gab es auch einen zweiten und einen dritten Bogen, den die unbekannte Schreiberin dem unbekannten Empfänger einst zukommen ließ; doch die scheinen unwiederbringlich verloren. Denn es ist auch so schon ein Wunder, daß ich das Blatt fand auf dem Haufen Sperrmüll, zwischen den zerschlagenen Möbelstücken und all dem Schrott und Unrat, der hier liegt.

 

 

Erinnerung des Tages:
Ich habe aus meinem Schrank Briefpapier hervorgeholt, das ich seit 1981 besitze; ich werde es wohl bald aufbrauchen.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 25. Juni 2024 mit der langen Schreibzeit, mit dem noch existierenden Account bei DeviantArt, mit einem ungewöhnlichen Chat.

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Über Der Emil

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2 Kommentare zu 177–2024: Unbeantwortbar

  1. Nati sagt:

    Ein sehr schöner Beitrag von dir Emil.

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