2023/019 – Lesezeichen


Man benutzt ja die unterschiedlichsten Dinge dafür.

To get a Google translation use this link.

 

Was benutzt ihr denn so als Lesezeichen? Wahrscheinlich könnten Biblio­the­ka­rinnen ganze Abhandlungen darüber verfassen und darin sogar eine „worst of”-Lesezeichen-Liste erstellen. Nun, bei mir sind es in Notfällen auch einmal Toilettenpapierblätter oder Zigarettenpapier. Meist aber habe ich Lesezeichen, die als solche herge­stellt wurden, oder aber zerschnittene Ansichtskarten (zum Teil sogar laminiert) in den Büchern liegen – oder stecken sie in den Büchern? Doch das ist jetzt egal. Auf einer halben Postkarte, die seit Jahrzehnten in einem meiner Bücher als Lesezeichen fungiert, notierte ich vor vielen Jahren einmal das Folgende:

 

 

Handle besonnen, ist die praktische Seite von: Erkenne dich selbst. Beydes darf weder als Gesetz noch als Forderung betrachtet werden; es ist aufgestellt wie das Schwarze der Scheibe, das man immer auf dem Korn haben muß wenn man es auch nicht immer trifft. Die Menschen würden verständiger und glücklicher seyn wenn sie zwischen dem unendlichen Ziel und dem bedingten Zweck den Unterschied zu finden wüßten und sich nach und nach ablauerten, wie weit ihre Mittel denn eigentlich reichen.

 

 

Die Suche nach der Quelle führte mich diesmal sogar zur frei ansehbaren Abbildug eines Originals: Digitalisat der Briefseite, Bestandteil eines Biefes, den Johann Wolfgang von Goethe am 23. November 1829 „An Herrn Hofrath Rochlitz nach Leipzig” schrieb (schreiben ließ, er diktierte wohl meist nur). In der Abbildung der ersten Seite (Digitalisat Nr. 167) sind eigenhändige Korrek­turen und Anmerkungen Goethes zu erkennen, hier wurde nur ein „kann” gestrichen und durch das „darf” ersetzt. Ich bedaure außerdem sehr, daß die Klassik-Stiftung Weimar in ihrem Digitalisate-Archiv leider keine Bild­be­schrei­bungen gemacht hat.

 

Eine halbe Postkarte. Die Adreßfeld-Hälfte einer bunten Ansichtskarte aus der Sowjetunion, es könnte eine von der Krim sein. Dort befand sich ja das größte Pionierferienlager der Welt, und ich hatte zwei- oder dreimal Brieffreunde bei den Leninpionieren/Komsomolzen. Die Karte war nicht beschrieben, vielleicht einem Brief beigelegt – oder fand ich sie irgendwo, gab sie mir gar mein Leiningrader Raumteiler im Studentenwohnheim damals in Karl-Marx-Stadt? All das weiß ich nicht mehr. Es stand bei diesem Zitat nur dabei: Goethe Brief an Rochlitz, Nov. 1829. (Und es steht noch etwas anderes auf diesem besonderen Lesezeichen, deshalb gibt es kein Bild davon.)

Auf den Lesezeichen, die ich mir heute aus Ansichtskarten fertige, ist für so viel Text kein Platz mehr. Denn aus einer normalen Ansichtskarte schneide ich mir parallel zur Längskante fünf Streifen. Natürlich notiere ich mir auch darauf immer wieder Sätze (mit Quellenangabe). Und ein beschriebenes Lesezeichen muß ich austauschen, das kann ich nicht mehr in einem Buch leigenlassen. Denn die meisten Bücher gebe ich ja nach dem Lesen weiter, und die Sätze möchte ich behalten. Auf diese Weise verbrauche ich Monat für Monat etwa eine bis zwei Ansichtskarten. So mancher dieser Streifen kann, wenn er beschrieben wurde, sich später auswachsen zu einem Text. Ich muß nur genügend Denkfutter im Zitat finden.

Ich benutze seit Jahren – wenn nicht gar seit Kindertagen! – nichts als Lese­zei­chen, das im Buch Spuren zurücklassen könnte: keine Wurstpelle oder -scheibe (noch nie!), nichts, das dicker als ist als zwei oder drei normale Buchseiten, nichts, das eventuell meine Adresse oder ähnliches enthält. Gut: Manche Bücher sind zeitweise mit diesen Textmarkierhaftzettelchen übersät, die beim zweiten Durchlesen nach und nach wieder verschwinden. Aber immer, auch bei vorhandenem Lesebändchen, benutze ich meine schmalen Lesezeichen im Buch.

 

Im übrigen fällt es mir tatsächlich nicht besonders schwer, diesen Brief von Goethe so zu lesen, wie er handschriftlich verfertigt wurde. Da macht sich jahrelanges Üben bezahlt.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Am 19. Januar 2023 war ich zufrieden mit meiner Stimmung am Morgen, mit notiertem Biografischen (immer wieder gut, wenn etwas vom Verdrängten zurückkehrt), mit den sechs ins Öffentliche Bücherregal gestellten Büchern.

© 2023 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
Dieser Beitrag wurde unter 2023, Geschriebenes, One Post a Day abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

10 Kommentare zu 2023/019 – Lesezeichen

  1. Kazi sagt:

    @deremil sämtliches Papier, dass da so in der Nähe ist 😅

  2. Anonym sagt:

    @deremil Ich habe eine (viel zu große) Sammlung an Lesezeichen. Auf allen sind Kaffeetassen… ☕

  3. Gudrun Ebert sagt:

    Ich benutze auch nichts, was dem Buch schadet, wie Eselsecken oder etwas zu Starkes zwischen den Seiten. Elvira hatte mir mal ein Lesezeichen genäht. Das habe ich meistens. Ich habe auch schon Lesezeichen gefilzt, manchmal mit einer Schar Kinder. Meine habe ich aber immer verschenkt. Gut, dass du mich an die Zeichen erinnert hast. Ich könnte mal wieder so etwas machen.
    Deinen Beitrag habe ich jetzt gerade gelesen, denn jetzt ist Emil-Zeit. Bei euch ist es aber schon gleich um Fünfe. Schlaf gut, Emil.

  4. Sofasophia sagt:

    Ich habe eine ganz Menge hochoffizielle Lesezeichen, manche davon handgestaltet. Manchmal Notizzettel, auf denen ich mir manchmal Seitenzahlen notiere. Wenn es Bändchen hat, nehme ich diese. Eselohren mache ich nur, wenn das Buch aus einem Bücherschrank oder Antiquariat kommt und eh schon zerfleddert ist, aber nur im äußersten Notfall, also absolut selten.
    Das Goethezitat gefällt mir sehr gut. Vielleicht schreibe ich es mir auch auf. Danke.

  5. Karsten Seel sagt:

    Hallo Emil,
    ich nutze seit vielen Tagen diese „hochmodernen“ Klebe-Lesezeichen. Male in Büchern die neueren Datums sind auch herum, allerdings mit Buntstiften, Druckbleistiften Koh-I-Noor aus Tschechien. Die gibt’s wieder in guter Qualität …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert