Nº 125 (2019): Ganz anders als erwartet

Wenn die Rolle sich verselbständigt.

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Das Wetter war … durchwachsen. Es hat immer mal wieder geregnet, so daß der Ständer mit den Blankwaffen abgedeckt werden mußte. Es war kühler als erhofft; ich zweifelte schon an meiner Kleiderauswahl, habe dann doch nicht gefroren bei Temperaturen unter +10 °C. Mein Schlafsack, mein wunderbarer Schlafsack hat sich wieder als absolut prächtige Investition erwiesen: Ich habe bei Minusgraden nicht im entfernetesten gefroren und konnte, weil er ja lang und breit genug ist, das frühe Licht aussperren und mich beliebig hin- und herdrehen darinnen.

Gemenschelt hat es wieder im Mittelalter. Okay, ich spiele/wir spielen das nur, aber dem von mir dargestellten Mönch wurden wieder zwei Beichten abgelegt – ohne Absolution, denn die darf ich nicht erteilen. Aber ich hörte zu, fragte nur nach, wenn es erwünscht war, und ich hielt mich mit guten Ratschlägen vornehm zurück. Standardfrage ziemlich am Ende dieser beiden Gespräche: Wie können Sie etwas daran ändern, und was wollen Sie überhaupt an der Situation ändern? Und dann erhielt ich in diesen beiden Gesprächen die Antwort, daß eine Änderung der Situation nicht gewünscht sei. Ja, es ist nicht optimal, ja, es macht Herzschmerz, ja, es ist schön, an ein Wunder zu glauben, auf ein Wunder zu hoffen. Hach, wie gut ich das kenne, wie gut ich das nachspüren, nachvollziehen, verstehen kann!

Aber eine Frage bleibt dann doch: Ist es wirklich “nur” die Kutte, das scheinbare Mönch­tum, daß Menschen, völlig unbekannte Menschen sich ein Herz fassen läßt und sie mir so sehr vertrauen wollen und können, daß sie mir (ausgerechnet mir! – oder dem von ihnen gesehenen Priester/Bruder/Pater/Mönch?) ihre geheimsten Kümmernisse anvertrauen, mit mir über das sprechen, was ihr Herz bewegt und ihre Seele anrührt? Was ist es, das dazu führt?

 

Diese Frage kann ich mir nicht beantworten. Ich weiß nicht, was ich in den Menschen bewirke, die sich mir so öffnen, was in ihnen vorgeht, während sie mit mir sprechen und nachdem sie mit mir gesprochen haben; aber ich hoffe, sie sind erleichtert, bestätigt, entlastet, beruhigt oder irgend so etwas ähnliches. Doch ich verstehe es einfach nicht, noch nicht, vielleicht nie. Eines aber habe ich wieder getan: ich habe mich gefreut und freue mich noch immer über die Offenheit und das mir bzw. der von mir dargestellten Figur entgegengebrachte, bedingungslose Vertrauen. Das … das macht mich … das macht mich tatsächlich demütig. Jaja, wirklich demütig. Und das ist ein sehr sonderbares Gefühl in dieser Situation, in der ich etwas (vor)spiele, daß viele nicht wirklich kennen und mögen und trotzdem nutzen …

 

Menschen. So menschlich. So wenig durchschaubar. So verstehbar.

So bedürftig.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Am 05.05.2019 waren positiv der wunderbar warme und geräumige Schlafsack, die beiden Umarmungen, das Schaumbad in der Wanne.
 
Die Tageskarte für morgen ist IX – Der Eremit.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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11 Kommentare zu Nº 125 (2019): Ganz anders als erwartet

  1. Pit sagt:

    Macht mich sehr nachdenklich. Danke fuer den Beitrag, lieber Emil.

  2. Pit sagt:

    Im Grunde Deine Frage, bzw. eben, dass Menschen sich so einfach einem Wildfremden gegenueber offenbaren, und dann das eigene Nachdenken ueber die Situation und die Gemuetslage dieser Leute, die mit Deinem „so beduerftig“ so treffend beschrieben ist.

    • Der Emil sagt:

      Ich gestehe, daß ich ähnlich handle (und manches davon sogar im Internet öffentlich mache).

      Ja, es ist oft Bedürftigkeit. Und es sind nicht nur einsame Menschen, die mich ansprechen.

      • Pit sagt:

        Was mich selber angeht: ich bin da eher (ziemlich) zurueckhaltend [obwohl ich in meinem Blog durchaus geschwaetzug bin] – jedenfalls mit persoenlichen Dingen.

        • Der Emil sagt:

          As you like it – or as you need it.

          The construct „Confession“ may have unfairly gone out of fashion. Weil es das Gewissen/die Seele eben doch erleichtern konnte, nur dadurch, daß da jemand ist der zuhören muß und zum Schweigen darüber bereit und verpflichtet ist.

          • Pit sagt:

            Da stimme ich Dir zu. Auch wenn ich – wie gesagt – mich eher wenig aus dem Inneren heraus mitteile, ea ist wichtig, jemanden zu haben, der zuhoeren kann, wenn es einmal danach draengt.

  3. Nati sagt:

    Es gibt diese Sorte von Menschen denen man einfach so Dinge anvertraut. Ich weiß nicht so genau was man an sich hat. Ob es der Gegenüber merkt dass man ein guter Zuhörer ist oder merken sie die Einfühlsamkeit?
    Und die Kutte wird dazu bestimmt auch noch etwas beitragen.

    • Der Emil sagt:

      Wenn ich vom religiösen Gehalt der Beichte mal absehe: Da war jemand, der zuhören muß; und es gibt keine Vorwürfe, keine Verurteilung, keine „guten Ratschläge“. Der Mensch, so glaube ich, braucht eine Gelegenheit, sein Herz genau so auszuschütten, zu erleichtern — mittlerweile fehlt die aber sehr oft sogar schon im engsten familiären Umfeld und Freundeskreis (ich denke gerade an die vielen Menschen, die weder Familie noch Freunde haben [können]).

      Ich werde damit sicher wieder konfrontiert werden, mit diesem Urvertrauen. Vielleicht verstehe ich es eines Tages sogar.

  4. fata morgana sagt:

    Dein Geschriebenes berührt mich sehr…es sind besondere Menschen, die das erleben dürfen…

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