Als wäre er doch nicht zufällig.
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Ich saß heute am Schreibplatz und dachte über meinen Text vom gestrigen Beitrag nach. Nicht ganz ohne Hilfsmittel, denn ich hatte wie gestern Kladden und Kalender zur Hand, in denen ich herumblätterte und las. Schon seltsam, daß ich mich nach dem Wochenende, an dem ich mich so gegenwärtig fühlte, wieder in meine Vergangenheit versenkte, in sie eintauche. Und dabei aus dieser eben auch jene Worte zutageförderte. Nein nein, ich schrieb sie nicht ab, es war, so glaubte ich, eine Art Erkenntnis. Allerdings zeigten mir die Kommentare, daß ich das wohl doch nicht ganz zuendegedacht hatte. Nun gut, es ist bei mir nicht unüblich, daß ich Unfertiges (in meinen Augen unfertiges) herzeige.
Ich betrachtete auch ein Ding, das ich in der Tagesklinik anfertigte, anzufertigen begann: einen Zeitstrahl, auf dem ich (meiner Meinung, meinem Empfinden nach) mein Leben bestimmende Ereignisse aufreihte. Ja, ich habe seither einige besondere Erlebnisse darauf ergänzt, sowohl solche der ferneren, als auch solche der jüngsten Vergangenheit. Da sind über meine ganze Lebenszeit einige sehr schöne dabei, von denen ich aber nur sehr ungern erzählen würde (weil das Sprechen darüber i. allg. sehr schambehaftet ist).
Und wieder war da etwas beim Betrachten meines Lebensverlaufs, das ich … das mir durchaus einleuchtend erscheint zum Zeitpunkt, da ich ihn vor mir sehe. Und zu anderer Zeit halte ich das, was ich spüre, für Humbug, für unmöglich, abseitig. Denn wieder einmal schien es mir, als könnte all das, was in meinem Leben geschehen sei, nicht nur blanker Zufall gewesen sein. Mit zunehmendem Alter dachte und denke ich immer häufiger, daß da doch eine Regel hinter der Abfolge meiner Entscheidungen und Erlebnisse stecken muß, von der ich in meinem Leben eben nicht abweichen konnte und kann, daß da beinahe eine Gesetzmäßigkeit existiert, nach der das alles geschah.
Sobald ich all die Erinnerungshilfen wieder weggeräumt hatte, kamen mir diese Gedanken schon wieder bescheuert vor. Sie würde ja wohl nicht nur mich und mein Leben betreffen, diese Gesetzmäßigkeit, sondern jeden einzelnen Menschen. Dann wäre das Schicksal ja doch determiniert und kein Mensch hätte einen tatsächlich freien Willen, mit dem das Leben gestaltet werden kann. Genau das will mir nicht einleuchten, sobald ich meinen Lebensverlauf nicht deutlich vor meinen Augen habe. Nein, ich kann das nicht glauben, mich nicht damit abfinden. Und gleichzeitig weiß ich, daß all meine getroffenen Entscheidungen auch auf vorhergehenden Erlebnissen und Entscheidungen beruhen und auf dem (Vielen/Wenigen), was ich mir daraus behalten habe – also doch irgendwelchen Regeln folgten, folgen und folgen werden.
Ich will mich nicht in ein Schicksal ergeben müssen, in dem ich keinen, nicht den geringsten Einfluß auf den Verlauf meines Lebens habe. Daher werde ich meinen Glauben an den Zufall aufrechterhalten wie den an das Gute im Menschen und den an meinen freien Willen.
Erinnerung des Tages:
Ach ja, heute hat eine meiner Ex-Frauen Geburtstag (der steht nicht mehr in meinem Kalender, denn wir gingen nicht im Guten auseinander).
Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.
P.S.: Zufrieden war ich am 18. April 2024 mit dem Herumstöbern in meiner Vergangenheit, mit zwei neu in den Lebensverlauf eingetragenen Sachen, mit der Zeit in meiner Badewanne (natürlich mit Wasser und Schaum).
© 2024 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


Sehr philosophische Gedanken, die du da aufschreibst! Ähnliche Fragen stelle ich mir ab und zu auch, nicht sehr oft, meistens dann, wenn mich die Melancholie im Griff hat. Es gibt nur einen Menschen, mit dem ich darüber reden kann, der versteht, was ich zu sagen versuche und der auch immer über alles nachdenkt – also nicht über den Plan des Tages oder was einzukaufen wäre….Das ist mein jüngerer Sohn. Mein Mann winkt bei solchen Gelegenheiten ab, er sieht unsere ganze Existenz als die große Bühne eines Puppenspielers, an dessen Fäden wir wie Marionetten nach seiner Regie tanzen. Ab und zu lässt er uns einen Extraschritt machen, vielleicht auch zwei, und hat seinen Spaß an unserer Verzweiflung, wenn wir erkennen, dass der freie Wille nur eine Farce ist. Ich sage mir, dass ich viel zu klein bin, als dass ein höheres Wesen Interesse an meinem Schicksal haben könnte. Was und wie ich bin verdanke ich schlicht und einfach den Entscheidungen, die ich getroffen habe, auch wenn ich sie mitunter aus Vernunfts- oder anderen Gründen traf und immer noch treffe. Der freie Wille existiert, doch können wir ihm nicht immer folgen.
@deremil Das ist eine große Kiste, die du da geöffnet hast. Ich denke zuweilen, dass das „Schicksal“ einer Art Naturgesetz gehorcht. Und Kausalitäten: weil das, drum das. Plus Zufall. Plus Interaktion. Plus Lernkurve. Plus physische Voraussetzungen. Plus Umwelteinflüsse. Umgekehrt vielleicht „freier Wille“ minus dies und jenes, das ohne mein Dazutun schon an mir geschehen ist, bevor ich selbst das Steuer übernommen habe plus die genannten Dinge. Oder so. Oder anders. 🤔
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Das geistert schon lange in mir herum. Freier Wille als etwas, das im Historischen und Dialektischen Materialismus (Marxismus/Leninismus) zum Notwendigen gehörte (um die Weiterentwicklung der Gesellschaft zu sichern, aber er mußte sich im Rahmen der gesetzmäßigen Bedingungen bewegen bzw. darauf oftmals einschränken). Freier Wille als etwas, das in dieser Gesellschaft auf so vielen Ebenen stets und ständig manipuliert wird, solange, bis … bis man auf ihn „pfeift” und den Verlockungen unterliegt …
@deremil Ja, so irgendwie auch.
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