096–2024: Geschäftsgefährdend

Nicht-Idylle in idyllisch-kleinstädtischer Umgebung.

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Die Sonne taucht vieles in ein rötlich-oranges Licht. Baumkronen und Hausdächer, Wände und blühende Sträucher – alles steht wie in einem Feuerschein. Nur die Wärme, die Wärme läßt noch zu wünschen übrig. Doch das soll sich ja in zwei oder drei Wochen geändert haben, schließlich wurden wieder Hitze und Trockenheit vorhergesagt. Einstweilen ist es noch feucht, morgens und abends sind die Wiesen und Rabatten taufeucht, der Bach führt gehörig Wasser. In dieser Woche fiel schon an drei Tagen Regen. Wenn es nur fünf oder sechs Grad wärmer wäre, hätten die Leute hier in der Kleinstadt einen perfekten Frühling.

Noch aber ist es kühl am Morgen, die Menschen sind in Jacken und auch Schals gehüllt. Wer zum Beispiel kein Dach über dem Kopf hat, friert in den Nächten und sucht um diese Zeit dann die ersten von der Sonne gewärmten Stellen auf. Besonders begehrt sind die Plätze an der Westseite des Marktplatzes, direkt vor einer Bäckerei. Dort wird niemand von den Bänken und den Stühlen vertrieben, die zum Geschäft gehören. Ganz im Gegenteil. Von Acht bis Neun erhält, wer hier sitzt, einen Becher Kaffee und ein Gebäck; und bezahlen muß nur, wer das kann.

Schon so mancher fragte die Beschäftigten des Ladens, warum das so passiert und ob das nicht viel zu teuer wäre für die heutige Zeit. Als Antwort darauf gibt es immer wieder diese beiden Sätze: „Wir wollen unseren Mitmenschen nicht beim Hungern zusehen und geben von dem ab, wovon wir mehr als genug haben. Wen wir menschlich und gut behandeln, wenn es ihm schlecht geht, der wird sich an uns erinnern, wenn es ihm wieder besser geht.” Wer danach noch weiterfragt, diese Haltung nicht verstehen will oder kann, bekommt folgende Bitte zu hören: „Sie dürfen gerne mit einer Spende an uns dazu beitragen, daß die Bäckerei nicht in die Insolvenz gerät – Sie dürfen mit einer Spende aber auch zwei oder drei dieser Menschen zu einem kleinen Frühstück verhelfen.” Und wenn einer, der es sich eigentlich leisten könnte, auf diese Weise dazu kommt, nichts bezahlen zu müssen … „Dann ist das eben so. Wonach sollen wir beurteilen, wer wieviel zahlen kann; womit sollen wir es denn begründen, daß wir einem Menschen Essen und Trinken verweigern? Wir sind doch nicht unsere Regierung!” Spätestens dann enden die Fragen, oder die Beschäftigten wenden sich wieder ihrer eigentlichen Arbeit zu.

Die Alteingesessenen hier wissen um den Hintergrund, die Hinter­gründe dieser Aktion. Denn die damals sehr jungen Eltern des jetzigen Bäckermeisters kamen am Kriegsende erst hierher ins Städtchen. Und wenn der damalige Bäcker für sie nicht Brot „abgezweigt” hätte und sie nicht beide als Lehrlinge aufgenommen hätte … Das hat geprägt, und so gibt es, seit es wieder wirklich arme Leute gibt, die sich Brot oder Semmeln vom Hand­werks­bäcker kaum noch oder nicht mehr leisten können, morgens von Acht bis Neun Kaffee und Gebäck, und eine halbe Stunde vor Ladenschluß wird verschenkt, was sonst eventuell weggeworfen werden müßte.

Und glauben Sie mir: Ich als guter Freund der Bäckersleute weiß, daß jede und jeder, die bezahlen kann, auch wirklich bezahlt, wenn nicht sofort, dann eben etwas später. Wir sind hier nämlich in einer Kleinstadt, in der man sich kennt und hilft.

 

 

Erinnerung des Tages:
Einige Bäcker verschenkten zu DDR-Zeiten die Kuchenrinden, die damals anders als heute nicht mit verkauft wurden, an uns Kinder, die wir danach fragten.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 5. April 2024 mit der ungestörten und pünktlichen Fahrt, mit einigem beschriebenem Papier, mit dem gerade warmgemachten Glühwein.

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Über Der Emil

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2 Kommentare zu 096–2024: Geschäftsgefährdend

  1. Nati sagt:

    Schade, dass es zu den Nichterlebten gehört. Wir sind als Kinder auch zur Bäckerei, auf dem Weg zur Grundschule, gegangen und haben nach etwas Kostenlosen gefragt (gebettelt). Mal gab es etwas, mal nicht.
    So kenne ich beide Seiten der Medaille und bin dankbar darüber wie sorgenlos ich und meine Familie leben können.

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