047–2024: Aussichtsturm II

Ausgelassen oder: Mut zur Lücke.

To get a Google translation use this link.

 

 

„Haben Sie noch ein paar Minuten” fragte ich und deutete auf die Bank neben dem Eingang zum Turm. Wir setzten uns, ihre Tasche und mein Rucksack standen zwischen uns. Aber beide saßen wir einender zugewandt, sahen uns an. Erwartungsvoll? Grüne Augen, stellte ich fest und schalt mich sogleich dafür, auf Äußerlichkeiten fixiert zu sein. Das kann ich auch anders, dachte ich. Wie aber war in ein Gespräch zu finden, das nicht platt oder zu neugierig aufgefaßt werden konnte? „Sie sind aber auch nicht zum ersten Mal hier, so gut wie sie sich da oben auskennen, stimmt's?” Mit ihrer Frage erleichterte sie mir die Situation, indem sie das Gespräch begann, und so erzählte ich, daß ich ein oder zwei Mal im Jahr hierher zum Turm komme. Jedesmal bemerkte ich, wie sich die Gegend im Laufe der Zeit verändert hatte und weiter verändert. „Ich war jetzt fast vier Jahre woanders. Heute sah ich mir nach dieser Zeit zum ersten Mal wieder meine Heimat an von da oben. Ich hab ihnen ja gezeigt, wo mein Dorf ungefähr liegt.” „Hat sich denn ihrer Meinung nach viel verändert? Da ich mir das öfter als Sie angesehen habe, sind mir vielleicht einige Dinge entgangen?” Die Stadt im Osten hätte ihre Silhouette signifikant – sie benutzte tatsächlich genau dieses mir auffallende Wort – gewandelt, einige Windräder waren hinzu­ge­kommen. Auch der Wald schien ihr an mancher Stelle höher, anders als früher. Aber noch war das hier ihre Heimat, wie sie war. Die Landschaft, so meinte sie, sei eine Konstante um das ständig unsteter werdende Leben herum. Nur hatte sie eben jahrelang keine Gelegenheit, diese Konstanz zu sehen, wahrzunehmen.

Sie sprach lange, wohlgeformte Sätze frei von Füllseln und Gemeinplätzen. Ich hörte gebannt zu und nickte, wo es paßte, und hoffte, nicht gleich wieder zu vergessen, auf welche Sätze ich antworten mochte, wo ich noch Fragen stellen konnte. Ich hatte doch in den Jahren des Alleinlebens nicht etwa die Fähigkeit verloren, ein Gespräch mit einer Frau zu führen? Da ertappte sie mich auch schon bei meiner Unaufmerksamkeit, sah mich an und wiederholte ihre Frage: „Warum kommen Sie denn immer alleine zum Turm? Oder geschah das nur heute?”

 

 

Ja, das nenne ich für mich Mut zur Lücke in dieser Geschichte, die ich nicht erlebte. Beschönigend beinahe nenne ich das so, denn eigentlich drücke ich mich damit nur um den Teil der Geschichte, der in luftiger Höhe, oben auf dem Turm sich abgespielt hätte. Ach, wenn ich von mir eine Persönlichkeit abspalten könnte, einen Ghostwriter ohne Höhen­angst – aber woher wüßte der …

Nun, ich weiß um die entstandene Fehlstelle und habe mich insofern einfach ausgetrickst, mich aus der Verantwortung gestohlen, vor meiner Höhenangst kapituliert. Hm. Zufrieden bin ich mit dieser Scheinlösung nicht, überhaupt nicht. Das nagt in mir. Das wird mich noch einige Zeit beschäftigen. Ich weiß aber nicht, ob ich weiterkomme mit dem Ding.

 

Heute weggegeben bzw. entsorgt:
Einen leeren Karton und viel zerschnipseltes Altpapier.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 16. Februar 2024 mit einem weiteren geleerten Karton voller Was-ist-das-denn (von dem fast nichts blieb), mit dem not­wen­di­gen Einkauf, mit einer Umräum­idee (ich muß sie nur irgendwann umsetzen).

© 2024 – Der Emil. Text & Bilder unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
Dieser Beitrag wurde unter 2024, Geschriebenes, One Post a Day abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert