2023/333 – Papiertypen


Jemand beobachtete Menschen vor leerem Papier.

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Mal wieder fand ich ein Stück Text in einem Buch, bei dem ich zu oft nur nicken konnte. Außerdem bemerkte ich, daß auch ein einzelner Mensch (also ich) mehrere dieser … nun ja, Marotten haben, Gewohnheiten pflegen kann. Sowohl nacheinander als auch gleichzeitig.

 

 

Längst ist erkannt, daß sich die Menschen, allein vor leerem Papier, ihren Neigungen und ihrem Charakter gemäß betragen. Ein Schreibwütiger zum Beispiel fängt beim Anblick leeren Papiers erbärmlich zu zittern an. Er eilt, der Jungfräulichkeit des Papiers den Garaus zu machen, und bedeckt die Bogen mit Opera, deren niemand bedarf. Ein echter Schriftsteller hin­ge­gen brütet ausgiebig vor einem Stoß weißer Blätter und rührt sie nicht eher mit der Feder an, bis sich in seinem erleuchteten Geist die Konturen des künftigen Buches deutlich abzeichnen. Der anonyme Briefschreiber hat erst dann Ruhe, wenn er das Papier mit Unflat aus der Sickergrube seiner stinkigen Seele besudelt hat. Der verschmähte Liebende netzt das Blatt, das er vor sich sieht, mit seinen Tränen, der glückliche Liebende träufelt, sobald er seine Epistel beendet, Parfüm „Carmen” darüber, das er eigens zu diesem Zweck in der Drogerie an der Ecke erstanden hat.

Kurz und gut, wie es nicht zwei Menschen mit gleichen Stimm­bändern oder identischen Kapillarlinienmustern an den Fingern gibt, so gibt es auch keine, die sich leerem Papier gegenüber gleich verhalten. Die einen schwärmenfür liniiertes Papier, die anderen für solches vom makellosen Weiß eines Brautkleids. Gewisse Individuen ziehen enge Viertel- und Achtelbogen vor, während andere nur Bogen von Bettlakenformat respektieren. Mancher schreibt auf rosa, mancher auf gelbem Papier. Es gibt auch Leute, die Papierservietten, Zuckerhutstücke, profanes graues Packpapier oder sogar schwarze Fototüten mit ihren Krakeln zu bedecken lieben.

Alles hängt von den Neigungen und dem Temperament ab. Die einen schreiben langsam, die anderen schnell. Menschen, die viel nachdenken, entwerfen Frauenprofile oder drollige Männ­lein auf dem Papier.

Anatoli Sharenow: Das Paradox des großen Pta. S. 120 f.
Gemeinschaftsausgabe © Verlag MIR, Moskau und Verlag Das neue Berlin, Berlin 1974
VLN 409-160/104/74 · Satz & Druck: UdSSR. EDV-Nr.: 622 199 2
Aus dem Russischen von Heinz Kübart

 

 

Das erwartete ich nicht in einem wissenschaftlich-phantastischen Kriminal-Thriller-Roman aus der Sowjetunion der 1970er Jahre zu finden. Ja, in dem Buch ist alles davon enthalten: SciFi, Mystery, Thriller, Krimi, Agenten und Spionage, Nachwirkungen des zweiten Weltkrieges, haufenweise Klischees und auch deren Auflösung. Manchmal fand ich, was da im Buch geschieht, so schlecht, daß ich es beiseitelegen wollte. Fünf Zeilen weiter war ich vom Geschehen wieder bereistert.

Aber zurück zu den Menschen vor leerem Papier. Ich überlegte, wie ich mich vor leerem Papier verhalte. Ich bin zu verschiedenen Zeiten jeder der beschriebenen Typen (gut, ich benutzte anderes Parfüm). Ich bin in meinen verschiedenen Schreibwelten auch immer ein anderer der genannten. Ich habe Texte geschrieben, die gingen nur auf DIN A4 oder größer. Standard sind bei mir Kladden und Hefte. Standard ist bei mir eine Größe, die etwas kleiner als DIN A5 ist (irgendwo zwischen Duodez- und Sedez-Format, alte Buchformate, gibt es ab und an von P*perbla*ks oder Cla*refont*ine in 11 cm x 17 cm z. B.) und etwas größer als DIN A6. Früher schrieb ich auf kariertem Papier, dann auf blanko (unli­nier­tem), jetzt bevorzuge ich linierte Kladden. Was überhaupt nicht zu mir paßt: dieses hochmoderne punktgerasterte Papier, nein, das ist für mich echt irritierend. Wichtig ist mir auch, daß oben am äußeren Seitenrand eine Datiermöglichkeit vorgedruckt ist (____/__/__ z. B.). Doch ich benutze auch alte Schulhefte und Blöcke, vor­zugs­weise in DIN A5 und DIN A6. Und wenn ihr hier schon länger mitlest, dann kennt ihr vielleicht auch schon meine Schwierig­keiten bei der Auswahl der Schrift (Handschrift) und der Schriftfarbe … Es ist eben kompliziert bei mir.

Heute kann ich unbeschriebenes Papier auch unbeschrieben lassen, muß nicht auf jedem herumliegenden Blatt meine Markierung hinterlassen. Und nur ziem­lich selten schreibe ich Texte, also richtige Texte, direkt mit einer Tastatur …

Wenn ihr das Zitat lest, erkennt ich euch darin (zu einem Teil) wieder? Oder benutzt ihr zum Schreiben nur noch Rechner, Tablet & Co.?

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Am 29. November 2023 war ich zufrieden mit Vorbereitungen für den Adventskalender, mit Kartoffeln und Quark und Leberwurst, mit heißem Met.

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Über Der Emil

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5 Kommentare zu 2023/333 – Papiertypen

  1. Wolfgang sagt:

    Also ich gestehe, ich hacke nur in die Tasten, zuweilen auch auf das Diaplay, wie jetzt. Ich habe aber auch begonnen mit der Feder zu schreiben, also einer echten Krähen Feder. Allerdings ist das mühsam ind nur besonders düsteren Gedanken vorbehalten, wobei ich auch überlege, einmal mit einem Spätburgunder zu schreiben, also große Gefühle zum Beispiel.

    • Der Emil sagt:

      Ich schreibe seit drei Jahrzehnten wieder mit Feder (Füllfederhalter und einfache Stahlfedern). Gänsekiele sind … naja, für mich nicht besonders gut geeignete Schreibgeräte, ich beschränke deren Nutzung auf die Märkte.

      • Wolfgang sagt:

        Das ist bewundernswert. Ich habe keine schone Handschrift, hatte nie eine, kann auch nicht zeichnen, deshalb habe ich mich früh schon auf Schreibmaschine umgestellt,.und jetzt halt das Laptop.

  2. eva sagt:

    ich schreibe beruflich viel und da am liebsten in den dicken karierten Ringblöcken. Kugelschreiber, Bleistift. Manchmal bringe ich meinen Füllfederhalter mit, einen von fünfen, der so schön gleitet. Privat viel mit der Hand , Tagebuch, Briefe, gern blanko A 5 Bücher, gern selbstgebundene. Füllfeder, in vielen Farben Schreibtusche, die ich mit der Spritze aufziehe und in leere Patronen fülle. Aber ein schnelles Gedicht gedeiht auch in der Küche, auf kleinen Notizblöcken, die immer wo rumfliegen, auf Kassenzetteln, Zeitungsrändern…. auch Brief wachsen so und werden am Ende zusammengenäht/geklebt, aneinandergesetzt als BuchBrief…

    • Der Emil sagt:

      Schwarze Tinte, fast immer. Seit mir jemand einen knappen Liter wunderschöner blauer Tinte schenkte, ist ab und zu auch Blau dazwischen (kein Königsblau).

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