2023/312 – Erbstück 019


Tagebuch A: Mittwoch, 19. Januar.

To get a Google translation use this link.

 

 

Bäh! Da war doch die Milch verdorben! Obwohl ich solche Über­raschungen doof finde, verderben sie mir nicht mehr wie früher den ganzen Tag. Ich hab' mich heute nur kurz geärgert, das Zeug weggegossen und andere Milch und eine andere Tasse genommen. Schade um den weggekippten Kaffee, aber meine Reaktion auf das Malheur hat … war … ist wirklich sehr anders als noch im vorigen Jahr, da wäre mir der ganze Tag versaut gewesen. Ja, ich finde es so besser.

Einen Traum konnte ich mir notieren: Eine erotische Szene in einem Fachwerkhaus, im Inneren viele freiliegende Balken. Die Gefa­chungen der Wände nicht gefüllt, ich konnte in alle anderen „Räume” sehen, ungehindert beobachten, was dort geschah:
[Die genaue Beschreibung der Szenerie lasse ich wegen ihrer expliziten Sprache beim Abschreiben weg. – Der Emil]
Leider konnte ich das alles nur von hinten sehen, dabei hätte mich die andere Seite wesentlich mehr erregt. (Und außerdem: Ich hatte mir doch vorgenommen, hier keine Worte über meine Sexualität und meine sexuellen Wünsche und Phantasien zu notieren? Gut, im Moment zweifle ich an der Umsetzbarkeit dessen, hier, in einem privaten Tagebuch. Fehlt dann nicht ein wichtiger Teil meines Seins, meines Denkens, meiner Träume? Andererseits … ich weiß nicht …)

Für heute hatte ich mir notiert, daß der Papierhaufen auf dem Fensterbrett gleich neben mir endlich weggeräumt werden muß. Solange der dort jetzt lag, konnte ich das Fenster weder öffnen noch ankippen. Aus dem einen breiten Stapel wurden drei: Papierkorb, Aufheben, Heute-​Abend-​nochmal-​ansehen. Was auf dem ersten Haufen lag, habe ich vorhin zerrissen und schon zum Altpapier gegeben. Den Aufheben-Stapel muß ich feiner sortieren: Amtliches, Schreibereien, Bilder/Karten und so weiter. Dann kann das ordentlich abgelegt und abgeheftet werden. Ich stellte beim Sortieren fest, daß ich als Buchhalter absolut nicht geeignet bin und als Archivar viel zu viele Kate­go­risierungen immer feiner und feiner unterteilen würde, bis jedes einzelne Stück Papier ein eigenes Stichwort und einen eigenen, exklusiven Platz bekommen hätte. Den Heute-​Abend-​nochmal-​ansehen-​Stapel habe ich auf morgen oder über­mor­gen verschoben, weil ich zu müde war. Außerdem denke ich, daß ich mit etwas mehr zeitlichem Abstand entschiedener weiter ausmisten kann.

So hatte ich Zeit, müde einfach nur dazusitzen und nach Er­in­nerungen aus meiner Kindheit zu suchen. Ob wohl andere Menschen – so wie ich – auch bedauern, kaum Erinnerungen an die eigne Kindheit zu haben? Immer wieder höre und lese ich, daß das doch die schönste Zeit des Lebens sein soll – warum aber erinnere ich mich an so wenig aus dieser schönsten Zeit?

Jetzt weiß ich schon, über was ich nachher beim Einschlafen grübeln werde (hoffentlich kann ich das Grübeln vermeiden und es beim Denken belassen): Aus welchem Grund nur bleiben uns Katastrophen länger und deutlicher im Gedächtnis als Glücksmomente?

 

 

Mit diesem Text wird das geerbte Tagebuch fortgesetzt. Alle Teile der Erb­klad­den-Serie sind in diesem Link in umgekehrter zeitlicher Reihenfolge (neueste zuerst) zu finden. Über eines der Notiz­bü­cher erzählte ich ja schon vor langer Zeit, im November 2012. Ich tippe die kleinen blauen lateinischen Buchstaben ab, immer mal wieder. Erst jetzt nämlich darf ich abschreiben aus den „von einem Freund geerbten” Kladden mit dieser winzigen Schrift.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Am 8. November 2023 war ich zufrieden mit Geschriebenem, mit einem Fischbrötchen auf dem Markt, mit sieben weggebrachten Büchern.

© 2023 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
Dieser Beitrag wurde unter 2023, Erbkladden, Geschriebenes, One Post a Day abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

Ein Kommentar zu 2023/312 – Erbstück 019

  1. Pingback: 2023/313 – Erbstück 020 | GeDACHt | Geschrieben | Erlebt | Gesehen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert