Nº 129 (2022) – Didschiddldetoggs

Habe ich es wirklich nicht vermißt?

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Freitag ab mittags und den ganzen Sonnabend und den ganzen Sonntag und auch noch Montag vormittags habe ich mich kaum um dieses Internet geküm­mert. Ja, die Blogeinträge, die stellte ich fertig. Aber sonst tat ich das, was die Überschrift so schön lautmalerisch aussagt. Denn ich war in den sogenannten sozialen Netzwerken kaum unterwegs. Beinahe nichts getwittert, beinahe nichts getröötet. Nichts, okay, fast nichts gelesen, weder da noch dort. Ich vermied es sogar, nach der Uhrzeit zu sehen und war mal wieder zeitlos unterwegs. Und wirklich: Es hat mir nicht gefehlt, es hat mir nichts gefehlt.

Aber zuhause, da steht mein Rechner. An dem ist das Lesen und Schreiben viel bequemer als am Telefon. Und so las ich heute. Aber: Beileibe las ich nicht alles nach. Zweiundsiebzig Stunden nachzulesen ist selbst mir viel zu viel. Ein ganz grobes Überfliegen reicht mir da aus. Außerdem ist ja auch immer Einiges zu tun, wenn jemand wie ich aus dem Mittelalter zurückkehrt. Da muß aus- und weggeräumt werden und am besten gleich ergänzt, was verbraucht wurde. Da ist Wäsche zu waschen, der Schlafsack wird für zwei Tage extra gelüftet. Die Schaffelle werden ausgeschüttelt und wenn nötig sogar ausgekämmt. Deshalb war heute auch nicht so viel Zeit dazu, am Rechner klebenzubleiben.

Jetzt, am Abend – nach der Tagesschau sozusagen – bemerke ich aber auch, daß das Wochenende wie jedes Marktwochenende mich anstrengte. Die Seiten der Kladde blieben leer: Statt für mich alleine sitzend zu schreiben saß ich mit Menschen um Tische und Feuer, auf den Steinen der Mauern innerhalb der Burg, unterhielt mich mich ihnen, amüsierte mich über deren Scherze und machte selbst welche. Den Erwachsenen, die näher ans SCRIPTORIVM heran­tra­ten, zauberte ich häufig ein Lächeln ins Gesicht, Kinder brachte ich zum Lachen. Ich hörte auch wieder zwei „Beichten”; und jedesmal wieder bin ich erstaunt darüber, daß Menschen sich mir gegenüber so öffnen. Ach, und ich hatte fremde „flachgeklopfte Hexenkugeln” (mittelaltermarktsprachlich für Smartphone) recht oft in der Hand, weil sonst immer einer der Familie auf den Bildern gefehlt hätte und ich mich deshalb immer wieder anbot, das Knöpfchen zu drücken.

Drei Tage habe ich das Netz nicht vermißt, dreimal vierundzwanzig Stunden, wirklich nicht vermißt, weil andere Dinge geschahen, ich im Moment, im Augen­blick lebte. Aber zuhause schaffe ich es nicht, dieses Didschiddldetoggs. Da kann ich die Finger nicht wirklich vom Rechner lassen, da sitze ich oft länger als wahrscheinlich für mich gut ist vor dem Bildschirm. Nein, nicht vor oder in den sozialen Netzwerken. Aber da ist noch immer das Musikarchiv vom Radio, da sind die Transkriptionen: In beidem verliere ich mich häufig. Wenn ich da nur ebenso konsequent sein könnte wie beim täglichen Rausgehen! Doch selbst ein Wecker hilft mir nicht, das Angefangene nach Zeitablauf einfach abzuspeichern und danach ruhenzulassen. Ich übe weiter.

Und wenn ich ganz, ganz ehrlich bin: Ich denke, daß das digital detox nicht mein Ding ist und auch nie mein Ding werden wird. So ein Wochenende mit anderen Wichtigkeiten ist schön. Doch mein Leben findet seit Jahren schon auch im Netz statt, und die Betonung liegt tatsächlich auf dem auch.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Gut fand ich am 09.05.2022 den in einer Stunde erledigten Abbau, die erledigten Nacharbeiten, die lange Zeit in der Badewanne (mit echten Schrum­pel­füßen); und der – nicht von mir! – abgesagte morgige Termin paßt mir auch ausgezeichnet.
 
Für morgen zog ich die Tageskarte Vier der Stäbe.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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2 Antworten zu Nº 129 (2022) – Didschiddldetoggs

  1. Sofasophia sagt:

    Für den Titel hatte ich echt ne Weile gebraucht. Ich sollte es eigentlich wissen, wo du ja oft von Schmartfon (?) schreibst.

    Ich bin auch nicht die Ganz-oder-gar-Nicht. (Auch beim Rauchen nicht, etc.) Ich versuche mich am Mittelweg, am Sowohl-als-Auch.

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