Ob meine Vorstellung davon auch nur halbwegs zutrifft?
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Mein liebes Tagebuch, ich weiß nicht, ob Du Gefühle hast. Vielleicht verstehst Du mich ja auch gar nicht, obwohl ich das ganz fest glaube. Denn Du weißt mehr von mir als alle meine Freundinnen von mir wissen und mehr, als meine Mutter weiß. Du, nur Du kennst alle meine Geheimnisse, auch die ganz, ganz peinlichen. Ich hoffe, daß Dein Versteck niemals von jemand entdeckt wird.
Aber weißt Du, ich bin ein wenig traurig. In den letzten Monaten sind so große Lücken zwischen den Einträgen in Dir, daß ich Dich höchstens noch Wochenbuch nennen dürfte. Tut Dir das wirklich nicht weh? Vermißt Du es nicht, daß ich Dir jeden Abend das Neueste und Wichtigste aus meinem Leben erzähl? Zum Beispiel heute mit M. im Park beim Bahhof. Wir alberten herum. Ja, ich mag M. sehr. Aber ich weiß noch nicht, ob ich mit ihm zusammensein will. Irgendwie schaut er zu oft hinter anderen Mädchen her. Der interessiert sich vielleicht nur aus Mitleid für mich. Aber er ist sooooooooo süß. Und er wurde heute knallrot. Wir haben da nämlich da auf der Wiese Kopfstand gemacht. Und als ich es versuchte, rutschte mein T-Shirt nach unten, also nach oben. Na Du weißt schon! Und Du weißt auch, daß ich diese blöden BHs nicht mag. Auch heute hatte ich keinen an und M. hat meine Brüste gesehen. Ich bin mir da ganz sicher. Ich hab gesehen, wie er rot geworden ist und sich schnell weggedreht hat. Ich soll wohl nicht merken, daß er mich die ganze Zeit angestarrt hat. Ob er auch schon andere Mädchen so gesehen hat? Vielleicht S., die hat schon viel mehr als ich. Das muß ihm doch besser gefallen als das bißchen bei mir …
Und jetzt weiß ich nicht, ob ich nochmal mit M. in den Park gehen kann oder woanders hin. Wenn der nun denkt, daß das heute Absicht war? Was denkt er dann von mir? Dabei ist er nicht so doof wie die anderen Jungs. Die versuchen immer wieder, die S. anzugrapschen. Sie nennen das Tittentest. Bei mir versucht es sowieso niemand, so wenig wie ich habe. Aber M. dürfte, wenn es niemand sieht! Manchmal stelle ich mir vor, es sind seine Hände, wenn ich mich anfasse. Das ist schön. Und M. ist bestimmt ganz vorsichtig dabei und nicht so grob wie die blöden Typen in der Schule.
Ja, liebes Tagebuch. So war das heute im Park. Ich hab mich dabei auch erschrocken. Aber so schlimm ist das wohl nicht. Schließlich gibt es überall Fotos von Models, auf denen die Brüste zu sehen sind. Und die sind auch nicht immer so groß. Und dann hat meine Mutter genervt, weil ich eine Stunde zu spät nachhause kam. Eine Stunde nur, das muß doch gehen. Schließlich bin ich kein Kind mehr, ich bin bald 14 und schon fast erwachsen. Die anderen müssen auch nicht alle um acht zuhausesein, die dürfen draußenbleiben solange sie wollen. Nur meine Mutter macht da Streß. Warum versteht die mich nicht mehr?
Blanke Phantasie. Nur der Versuch, mich in eine Protagonistin hineinzudenken. Es kann sein, daß kein Mädchen jemals so in sein Tagebuch schrieb oder schreibt. Ich habe außerdem noch nie in Tagebüchern von Kindern gelesen, es sei denn, ich wurde von ihnen dazu aufgefordert. Für mich wäre das „heimliche” Lesen ein sehr, sehr schwerer Vertrauensbruch.
Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.
P.S.: Gut fand ich am 10.05.2022 den geruhsamen Tagesbeginn, die vier transkribierten Postkarten, das Treffen mit der allerallerallerbesten Freundin (bei dem ich auch mein Solarpanel abholte).
Für morgen zog ich die Tageskarte Drei der Kelche (geleistete Arbeit zahlt sich aus).
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