Nº 024 (2022) – Zweiundachzig

Die zur Verfügung stehende Zeit habe ich nicht gut genutzt.

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Heute wurde mein Vater 82 Jahre alt. Geboren mitten im Krieg. Seine Eltern, er und vier Geschwister flohen mit einem Pferdewagen von Pommern nach Meck­lenburg übers zugefrorne Oderhaff. Irgendwann blieb er dann im Alter von 21 im Erzgebirge.

Wahrscheinlich habe ich viel zu wenig mit ihm gesprochen über seine Kindheit und Jugend. Aber ich habe ja die Zeit so etwa ab 1966 miterlebt, so miterlebt, daß ich mich durchaus noch daran erinnern kann. Deshalb war ich immer der Meinung, ich kennte sein Leben. Meine Lebenswirklichkeit war ja eine ganz andere und forderte mich täglich – irgendwie war für mich als Kind und später Jugendlicher deshalb das Leben der Vorgängergeneration auch nicht besonders interessant. Das eigene Leben war wichtiger.

Wahrscheinlich haben viele (unserer Generation) zuwenig, viel zuwenig mit den eigenen Eltern gesprochen. Jetzt, da der Vater dement ist und ich nicht mehr wirklich mit ihm sprechen kann, jetzt bedaure ich das. Natürlich sagen jetzt sicher einige Menschen, daß das Wissen um das Leben meiner Eltern in ihrer Jugend ja nichts ändern würde für diese Welt. Die Zeiten seither haben sich geändert. Was damals passierte, hat doch keinen Einfluß mehr auf uns, auf unsere Kinder und Enkel. Wie denn auch … (Ich bin da zum Teil anderer Meinung.)

Zweiundachzig Jahre. Vaters Vater wurde 1896 geboren und starb ebenfalls mit über achzig Jahren. Die Großmutter, Opas zweite Frau und meines Vaters Mutter wurde 79 Jahre alt. Wenn ich zweiundachzig werden möchte, dann muß ich noch 24½ Jahre durchhalten. Aber ich weiß nicht, ob ich das will, bei all den Entwicklungen, die sich heute weltweit so abzeichnen.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Gut fand ich am 24.01.2022 draußen unterwegs gewesen zu sein zum bücherwegbringen, die gekauften Briefmarken, den Friesentee am Abend.
 
Für Morgen zog ich die Tageskarte XII – Der Gehängte.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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4 Antworten zu Nº 024 (2022) – Zweiundachzig

  1. Lin sagt:

    Ich finde es für die direkten Nachkommen – genau wie Du – wichtig und interessant, möglichst viel von den Eltern über ihr Leben zu erfahren. Wenn meine Eltern nicht so viel über ihre Kindheit und die Erziehungsmethoden ihrer Eltern erzählt hätten, wäre es viel schwerer, sie zu verstehen. Vor ein paar Jahren sind wir drei Geschwister mit allen Nachkommen in die Heimat meines Vaters, das Sudetenland, gereist, ich kann das nur jedem empfehlen!
    Danke für Deinen Blog!

  2. Jana Rau sagt:

    Ich denke, erst wenn man die eigene Endlichkeit akzeptiert hat, versucht man Vergangenes zu bewahren.
    Ich habe das Glück meines Papas erlebt, als er genau 50 Jahre nach der Vertreibung aus dem Memelland wieder nach Hause durfte und diese Reise jedes Jahr unternahm, solange es irgendwie möglich war. Ich habe ihn 3 mal begleitet und gemeinsam mit ihm seine Erinnerungen aufgeschrieben.
    http://www.lompoenen.de/index.php/von-der-memel-an-die-mulde
    Und trotzdem würde ich ihn gern vieles fragen. Manchmal geht das, wenn ich ihn im Traum treffe. Jetzt höre ich meiner Mutter genau zu und oft regt mich dein Blog zum Erinnern an, da sich vieles ähnelt.

  3. Karin Braun sagt:

    Der Gehängte: Das Anerkennen einer Krise ist der erste Schritt aus der Krise. Deine Gedanken zum Thema Vorgängergeneration sind mir sehr vertraut. Alles Liebe

  4. Frau Momo sagt:

    Ich glaube schon, dass das Leben unserer Eltern/Großeltern Einfluss auf unser Leben hat. Gerade erlebte Traumata wirken oft noch Generationen nach und die vielen Fluchttraumata aus dieser Generation haben sehr wohl Einfluss auf die Nachkommen. Ich selber habe mit meinem Vater auch nicht gesprochen, mit meinem Großvater so viel, wie ging. Er hat wenig preis gegeben aus seiner Zeit im Widerstand, dann als Soldat in Russland. Er hat es anders kompensiert, in dem er mir unendlich viele Bücher über den Nationalsozialismus gegeben hat und mich sehr sensibilisiert hat und meine frühen politischen Aktivitäten immer sehr unterstützt hat. In Martins Familie hat das Thema Flucht und Vertreibung einen großen Raum eingenommen und er beschäftigt sich bis heute mit dem Thema und seiner Familiengeschichte.

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