2021,292: Grüßaugust?

Er ist alles mögliche, aber das sicher nicht.
Und mir fällt es auf, wenn er nicht da ist.

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Ich kenne ihn. Also: vom Sehen her. Und ich weiß, was er gleich wieder tun wird. Weil er das seit Jahren immer von Donnerstag bis Sonntag macht. Zumindest schon seit 20xx, seit ich bei der Bahn arbeite. Ja, zuerst ist er mir auch nicht aufgefallen. Wer sieht sich schon die Menschen an, die auf den Bahnsteigen stehenbleiben und nicht mit dem Zug mitfahren? Aber so nach einem halben Jahr … Immer, wenn ich hier ankomme, knapp zwanzig Minuten Aufenthalt bis zur Rückfaht habe, sehe ich ihn von Donnerstag bis Sonntag bei mindestens zwei Fahrten auf dem Bahnsteig stehen. Immer in dem Wartehäuschen neben dem Schild für den Abschnitt C. Bei jedem Wetter, bei prallem Sonnenschein, bei klirrendem Frost. Er stand und steht einfach lächelnd – zufrieden und entrückt könnte ich dieses Lächeln nennen – da, nie sah ich ihn sitzen, nein, immer stehend. An immer derselben Stelle. Die, die aussteigen, begrüßt er mit einem Nicken. Wenn wir abfahren, winkt er den Reisenden hinter den Zugfenstern freundlich zu. Und mittlerweile winke ich zurück, wenn ich an ihm vorbeifahre.

Mehr weiß ich kaum von ihm, dem Menschen, der Wildfremde auf einem Bahnsteig grüßt. Als er einmal zwei Wochen lang nicht zu sehen war, fehlte für mich ein wichtiger Teil dieses Bahnhofes. Für mich gehört ein Mensch – der Grüßende Mensch – zu diesem Bahnhof dazu. Warum er fehlte, habe ich überlegt. Aber nach zwei Wochen stand er wieder da. Gekleidet wir immer, mit seiner blauen Bommelmütze. Lächelnd und winkend. Ich glaube, als ich ihm da zurückwinkte, lächelte er besonders herzlich. Was ich von ihm noch weiß oder besser gesagt: vermute, das muß ich hier nicht erwähnen oder preisgeben. Nein, das macht ihn zu keinem anderen Menschen als zu dem, der er ist. Freundlich. Grüßend. Winkend. Nickend. Lächelnd. Und zuverlässig von Donnerstag bis Sonntag immer zu den gleichen Zeiten für mich sichtbar. Für die Kollegen in den anderen Zügen übrigens auch.

Ob es den ankommenden oder abfahrenden Menschen auffallen würde, auffällt, wenn er nicht da ist?

 

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Am 19.10.2021 waren positiv um neun Uhr wachzusein, die an mich zurückgegebene Verlängerungsschnur, (wenn ich mich nicht wieder verzählt habe:) der 4000 Beitrag online (hier).
 
Die Tageskarte für morgen ist die Zehn der Schwerter (Hilfe annehmen!).

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Über Der Emil

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2 Antworten zu 2021,292: Grüßaugust?

  1. Sonja sagt:

    Machste gut, nur immer schön Menschen beschreiben. Neugierig machste auch, indem du deine Vermutungen verschweigst. Vielleicht ein feiner Schreibtrick oder eben Diskretion auf deine Weise. Ich denke mir jetzt Sachen aus. Warum auch nicht!
    Gruß von Sonja
    P.S.: Jedenfalls ein sehr freundliches Stehaufmännchen…

    • Der Emil sagt:

      Oh vielen Dank fürs Lob!

      Nun, was würde es dieser Szene bringen, wenn der Grüßende eine deutlich sichtbare „Erkrankung/Behinderung“ hätte, oder wenn er aufgrund seiner äußeren Erscheinung näher klassifiziert werden würde? Ich bin mir sicher: nichts. Aber dadurch, daß ich den Protagonisten sein weiteres Wissen erwähnen, aber verschweigen lasse, möchte ich die Phantasie der Leser ein wenig beflügeln. Das funktioniert ja offensichtlich.

      Ich danke Dir für diesen schönen Kommentar.

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