Nº 272 (2019): Ambivalenz

Unsortiertes. Unklares. Unglaubliches.

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Ein zweiter Tag auf der Rudelsburg. Wir sind nur wenige Leute, die vom Verein heute wieder hinfahren konnten. Aber wir sind da; ich bin da, sitze im ziemlich starken Wind draußen im Burghof und kopiere Frakturschrift und Karolingische Minuskeln. Sehr gewöhnungsbedürtige Strichführung, die Feinmotorik wid extrem beansprucht, es sind völlig ungewohnte Bewegungen notwendig. Zweimal hatte ich die Gelegenheit, Kindern Rede und Antwort zu stehen und ihren Eltern. Zweimal durfte ich darauf hinweisen, daß es im Mittelalter weder Bus noch Bahn noch Auto gab – und erntete großes Erstaunen. Als ich dann sagte, daß es noch in meiner Schulzeit keine Smartphones … Blankes, ungläubiges Entsetzen. Dann wieder die Frage, ob ich einen Gottesdienst abhalten will, doch ich bin kein ordinierter Priester. Gut, in der Tradition der Evangelischen Kirchen dürfte ich das wahrscheinlich, aber: Mir fehlt der Mut dazu, ich bin mir des Göttlichen Beistandes nicht sicher.

Was so ein Kleidungsstück doch ausmacht …

Und wie verwunderlich das für mich ist, daß ich mich in dieser Mönchskutte derart wohlfühle. Selbst an einer Tankstelle auf der Rückfahrt, wo ich mit “Gott zum Gruße” den Verkaufsraum betrete, nachdem ich von der Dorfjugend beim Aussteigen, Betanken und auf dem Weg in den Verkaufsraum laustarkt kommentierend beobachtet wurde. Dann die Fragen der Angestellten! Ich befürchte, ich werde dort nicht so schnell vergessen. Und ich wünschte beim Hinausgehen: “Einen gesegneten Sonntagabend” (weil ich den ganzen Tag so grüßte und das so wünschte).

Hm. Ja, ich sonne mich ein wenig in der Aufmerksamkeit, die #BruderEmil zuteil wird. Und schäme mich dafür, daß mir das so gut tut. Und möchte es doch immer wieder erleben.

Was für eine Ambivalenz.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

P.S.: Am 29.09.2019 waren positiv Kaffee im Hof, Schreiben in der Sonne, u. a. zwei begeisterte Kinder.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Acht der Stäbe.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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17 Antworten zu Nº 272 (2019): Ambivalenz

  1. wildgans sagt:

    Sich des Göttlichen Beistands sicher sein….wie ginge das?
    Mich hat man auch mal für eine Pfarrerin gehalten, der Gewandung nach, und was muss ich sagen: Es gefiel mir!
    Gruß von Sonja
    P.S.: Nun hast du schön was, von dem du noch `ne Weile zehren kannst!

    • Der Emil sagt:

      Hm. Des Kaisers neue Kleider? — Aber ja, das Gewand kann viel ausmachen, kann mich sicherer, selbstbewußter oder unsichtbar machen. Und wie ich schrieb: Ich genieße das tatsächlich.

      Das mit dem Göttlichen Beistand: ein fester Glaube (die Überzeugung von etwas, das man nicht sieht), eine Inspiration, ein Moment Mystik …

  2. Nati sagt:

    Wenn dir so etwas guttut, musst du dich kein bisschen dafür schämen Emil.

    • Der Emil sagt:

      Müssen muß ich nicht. (Aber das ist doch … Man darf doch nicht … Ich bin doch nicht eitel oder sowas …)

      • Nati sagt:

        Aber es streichelt der Seele. Es tut gut etwas Aufmerksamkeit zu bekommen, Wenn dies sonst eher selten der Fall ist. Es würde jedem guttun.

        • Der Emil sagt:

          Natürlich tut es das. Und doch wirkt die Konditionierung heftig.

          • Nati sagt:

            Ich denke du wirst dich daran gewöhnen und es für dich genießen lernen, ganz ohne schlechtes Gewissen.

            • Der Emil sagt:

              Daran gewöhnen? Naja, ich steh – so lange ich denken kann – immer irgendwie auf einer „Bühne“ (Kinderchor, Laienspiel, Kirchenchor, Radio, Marktmönch u.v.a.m.), aber daran gewöhn ich mich wohl nie (wie auch das Lampenfieber ewig bleibt).

  3. frauholle52 sagt:

    Ich verstehe nicht, warum Du Dich nicht darüber freust, etwas gefunden zu haben, das Dir gut tut. Du fühlst Dich lebendig und identifizierst Dich mit der Rolle. In einem realen Gespräch würde ich Dich fragen, ob Du „nur“ ein Mittelaltermönch sein möchtest, oder ob das nicht überhaupt für Dich infrage käme.

    • Der Emil sagt:

      Ich fange hinten an: Nein, ein tatsächliches Leben als Mönch im Mittelalter ist für mich nicht vorstellbar; selbst das von mir mal angestrebte heutige möchte ich nicht leben.

      Na klar, das ist meine Rolle, in der fühle ich mich wohl. Und ich freue mich auch, das so machen zu dürfen, so agieren zu dürfen. Doch ganz hinten im Kopf bleibt eben dieses „nein, ich kann doch nicht so eitel sein“ und „keine Starallüren bitte“ usw. usf. Allerdings selten im Moment, eher im Nachhinein.

  4. Gudrun sagt:

    Oh ja, die Carolina, die Grundlage unserer Druckschrift. Anstrich, Abstrich nie in einem Zug, mit der Feder 30 Grad, mit der Stärke spielen. In der Mediengestalter-Ausbildung war das noch Thema, weil es die Vielfalt und den Detailreichtum der Schrift zeigt. Ach, ich schwärme schon wieder und wollte es doch eigentlich vergessen.
    Schön, wenn dich das Vereinsleben so mit Feuer erfüllt.

    • Der Emil sagt:

      Oh ja, diese Feinheiten der Minuskeln … Beim nächsten Mal nehm ich eine Lupe mit.

      Hab ja schon meinen Frieden machen müssen mit unterschiedliche Forman von D und H in Fett- und Normaldruck, die ganzen Schnörkelchen (schon die in normalen Buchstaben) haben mich wirklich gestreßt. Was bleibt, ist die Notwendigkeit, da noch fleißig zu üben.

  5. Corinna sagt:

    Wertschätzende Aufmerksamkeit tut immer gut. Genieße es! Leider kommt es nämlich viel zu selten vor.

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