Was fang ich damit an?
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Gestern habe ich eine Radiosendung vorproduziert. Einen Notfall-Buchfink, der gesendet werden kann, wenn ich einmal an einem Freitag nicht live senden kann (oder auch nicht live senden mag). Heute möchte ich dasselbe nocheinmal schaffen. Beim Lesen aus den vorbereiteten Büchern fand ich dann ein Stück Text so interessant, daß ich es hier weiterbearbeiten mag:
Die Wahrheit habe ich gesucht über mich, aber was ergibt das schon, was ich, mich zerfleischend, im einzelnen über mich denke oder manchmal in großen Zügen trauervoll über mich denke! Was läßt sich schon anfangen mit diesen Offenbarungen, die jedem zuteil werden können?
Ingeborg Bachmann: Undine geht. Erzählungen. S. 96
Reclams Universal-Bibliothek Band 580
1. erweiterte Auflage Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig
© 1961 Alle Rechte gehgören dem R. Piper & Co. Verlag München
Jedem zuteil werden? Jedem? Jedem, außer mir. Ich suche noch nach der Wahrheit über mich. Seit Jahren (2007 etwa) schon, immernoch, und noch immer nicht auf allen Gebieten suche ich nach der Wahrheit über mich. Für mich. Nur für mich, für keinen sonst. Höchstens noch für diejenigen, die meine Texte lesen. Und einiges habe ich ja schon gefunden, sogar schon geschrieben über mich, über meine Vergangenheit, mein Leben, meine Gefühle, meine Unzulänglichkeiten. Insbesondere über meine Unzulänglichkeiten (manche nennen das auch Fehler). Und über meine Bedürfnisse und Bedürftigkeiten. Nur: Wer außer mir will davon wissen, will das wissen? Du vielleicht? Und wenn ja, wieso? Was bringt es der Leserin, dem Leser, wenn ihr, ihm etwas über mich und meine Befindlichkeiten bekannt wird? Was lernen sie daraus, was davon können sie selbst auf ihr Leben anwenden? Und warum ist dieses Bedürfnis in mir, Wahrheiten über mich zu erfahren, und diese und über diese und über die Wege, sie zu finden, dann auch noch in die Welt hinauszuschreiben?
Vielleicht erhellt mich, euch auch der Rückentext des Büchleins, in dessen Impressum der Satz zu finden ist: “Der Vertrieb in der BRD, in Berlin-West und im nichtsozialistischen Ausland ist nicht gestattet.”
INGEBORG BACHMANN (1926–1974): Der Schriftsteller – und das ist auch in seiner Natur – ist mit seinem ganzen Wesen auf ein Du gerichtet, auf den Menschen, dem er seine Erfahrung zukommen lassen möchte (oder seine Erfahŕung der Dinge, der Welt und seiner Zeit, ja von all dem auch!), aber insbesondere vom Menschen, der er selber oder die anderen sein können und wo er selber und die anderen am meisten Menschen sind. Alle Fühler ausgestreckt, tastet er nach der Gestalt der Welt, nach den Zügen des Menschen in dieser Zeit. Wie wird gefühlt und was gedacht und wie gehandelt? Welche sind die Leidenschaften, die Verkümmerungen, die Hoffnungen? …
Wie der Schriftsteller die anderen zur Wahrheit zu ermutigen versucht durch Darstellung, so ermutigen ihn die anderen, wenn sie ihm, durch Lob und Tadel, zu verstehen geben, daß sie die Wahrheit von ihm fordern und in den Stand kommen wollen, wo ihnen die Augen aufgehen. Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar. (1959)
Quelle: s.o. Rückentext
Schriftsteller und Wahrheit und Menschen. Ich und Wahrheit und Leserinnen und Leser.
“Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar.” Ist mir meine Wahrheit über mich selbst auch zumutbar?
Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.
P.S.: Positiv am 12. April 2016 waren die fertige Notfallsendung, Gedanken über Wahrheit, ausgesprochene Wahrheiten.
Tageskarte 2016-04-13: Die Königin der Münzen.
© 2016 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


Das ist richtig fettes Gedankenfutter für mich – zum Weiterkauen.
Danke dir herzlich für die Antegungen, die ich in mr weiterspinne.
Manchmal, manchmal allerdings habe ich Angst, daß wir (wir Lesenden, Denkenden) uns an solchem überfressen.
Ja, die Gefahr besteht.
Andererseits bleibt ja vor allem das hängen, was resonniert. Und das nenn ich Inspiration.
Kann ich, kannst Du überinspiriert werden/sein?
Wenn es zuviel ist, ist es bei mir nicht mehr inspirierend.
Überfressen kann man sich meiner Ansicht nicht an Wahrheiten, die man selbst erst finden und zu sich nehmen muss, denn denn man hat doch zu sehr daran zu kauen, weil sie so schlecht rutschen wollen. Übel bekommen einem nur die Wahrheiten, die einem von anderen reingewürgt werden – und das sind womöglich nicht einmal dieselben, zutreffenden Versionen der Dinge und Geschehnisse, sondern die Wahr-Nehmungen anderer.
Trotzdem stelle ich mir die Frage nach dem „richtigen Maß“ aus dem Gefühl heraus, zuviel zu wollen, zuviel erzwingen zu wollen gar …
Wissen zu wollen brachte mir auch früher oft die Antwort ein, „Das will man manchmal gar nicht wissen!“ und ähnliche Abwehrsprüche. Vielleicht kann es dann passieren, dass man die auf diese Weise unterschwellig suggerierte Bedrohung so verinnerlicht, dass man unbesehen glaubt, es müsse an der Geschichte etwas so verstörend furchtbarer sein, das es nicht zu wissen Rettung bedeutet. Ich glaube nicht daran. Aber ich bin auch fest davon überzeugt, dass bei all meiner aktiven Suche immer nur Schritt für Schritt zu mir kommt, was ich verkraften kann, denn egal was es ist: mich geprägt hat es sowieso.
Was soll denn auch passieren, was schlimmer ist als das Gefühl, auf Bevormundung anderer hin mir selbst vorenthalten zu bleiben?
Für mich sind diese unerreichbaren Blackboxen das grössere Unheil.
Ich denke seit einiger Zeit darüber nach, dass alles was ich schreibe und eben auch andere, egal ob es nun fiktiv oder autobiographisch ist, immer nur eins transportiert: meine Sicht auf die Welt, auf mein Leben, meine Wahrheiten und manchmal denke ich dann auch, dass dies alles doch auch wieder so ein Egoding ist. Dann aber lese ich die Kommentare und weiss, dass es wichtig ist, meins mit der Welt zu teilen, zur Freude und zur Erkenntnis. Leben will sich teilen, wie auch immer noch und vielleicht ist das dann eben doch kein Egoteil?
danke Emil, ich denke jetzt noch ein bisschen weiter
herzlichst
Ulli
Meins, meins und meins: aber doch „aufbereitet“, vor-verarbeitet dergestalt, daß es anderen zugänglich(er) wird — so ist’s bei mir. Ja, Ego irgendwie, aber mit meinem Schreiben auf Menschen gerichtet, denen ich meine Sicht der Dinge zeigen, anbieten möchte auf daß sie damit „arbeiten“ können …
mir gefällt deine Sicht deins als Angebot zu sehen!
Das hat die Bachmann doch (im Rückentext) auch geschrieben — und da ich den Text nicht zum ersten Male las, habe ich ihn mir wohl schon vor Jahren (das muß noch in der DDR, vielleicht sogar bei der NVA gewesen sein) zueigen gemacht.
Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar. Ich weiß es nicht! Zumutbar vielleicht, aber hören? Höre oder lesen will doch niemand die Wahrheit – oder wenn, dann nur seine eigene selbst gemachte Wahrheit.
Wahrheit ist schonungslos und tut weh!
Ja, und trotzdem hatte/hat Ingeborg Bachmann Recht. Denn die Wahrheit ist besser als jede Lüge, auch wenn sie schmerzt und/oder enttäuscht. Nicht alles, was zumutbar ist, ist eine Zumutung; oft sind Zumutungen nicht zumutbar.
… und manche Zumutungen sind notwendig, damit gesehen wird wo es es im Argen liegt!
D’accord.