Privat-Tagebuch zur Tagesklinik

2011-09-05 Der erste Tag

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Das geht ja gut los. Morgen muß ich auf die vorgesehene 36 warten und darf nicht in die falsch ausgeschilderte 34 einsteigen, die zwei Minuten früher fährt.

Nach der Aufnahme im Haupthaus der kurze Weg zur Station. Eine Gartenmauer mit ganz vielen Schnecken – auch ganz winzig kleinen – und dann endloses Warten. Es ist schwül, ich bin völlig durchgeschwitzt. Seit 8.05 Uhr sitze/stehe ich hier, gehe auf und ab – es ist kaum auszuhalten. Aber vielleicht ist dieses 40 Minuten wartenlassen ja schon Bestandteil der Therapie? Eine Art Streßtest? Was ich – was wir, denn wir sind zwei Frauen und zwei Männer – passiv aushalten können? Zuviel geraucht habe ich schon, nun sitze ich hier und schreibe und bin unendlich frustriert. Ah, da kommt auch schon das erste Häuflein Unglück, eine weinende Patientin. Wenn die Warterei täglich dazugehört … Ich hätte eine Stunde länger schlafen können, hätte eine Stunde weniger schwitzen müssen, mich eine Stunde weniger so angefressen gefühlt.

So recht weiß ich grad nicht, wie und was das hier werden soll. Der Impuls, einfach meinen Krempel zu nehmen und wieder heimzugehen, ist stark …

 

 

Endlich konnte ich beginnen, diese Kladde zu digitalisieren. Und vorher, vorher schaffte ich es nach drei Jahren schon, sie in die Hand zu nehmen und darin zu lesen. Ja, mein privates Tagebuch aus der Zeit meiner Therapie in der Tagesklinik, das bisher gut verwahrt im Schrank lag. Wie gut ich mich an diesen ersten Tag noch erinnern konnte, an die Schnecken – irgendwo habe ich Bilder von denen.

Was ich sonst noch feststellen konnte anhand meiner Notizen? Das muß ich noch einsortieren, bewerten, prüfen. Wie ich gestern einen ganzen Stapel Papier geprüft, bewertet und dann gescannt oder weggeschmissen habe.

Aber wie schmeiße ich Erinnerungen, unangenehme Erinnerungen weg?

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 15. Oktober 2014 waren die geschaffte Hausarbeit, die Entsorgung des Papiers, das Sortieren der Musik.
 
Tageskarte 2014-10-16: Die Drei der Schwerter.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Privat-Tagebuch zur Tagesklinik

  1. Sofasophia sagt:

    gute frage. vermutlich unmöglich. aber sie nochmals durchleben ist sicher ein guter weg, sie emotional verabschieden zu können. vielleicht.

    (ich vermute, die therapie war dann unterm strich okay? hoffentlich.)

  2. Elvira sagt:

    Das ist interessant! Diese Frage, ob manche Abläufe während einer Therapie auch therapiebezogen sind. Vor vielen Jahren war ich in einer psychosomatischen Reha. In dieser Einrichtung, die ansonsten wie ein Hotel in der oberen Kategorie erschien, war ab 22:00Uhr Zimmergebot. Wir hatten auf jeder Etage wunderbare kleine, offene Teeküchen. Dort saßen immer Rehabilitierende zusammen, tranken etwas, spielten und erzählten natürlich sehr viel. Im Laufe der Wochen fanden sich ziemlich feste Gruppen. Punkt 22:00Uhr gingen Personalmenschen durch die Gänge und scheuchten uns mit netten, aber bestimmten Worten auseinander. Und so fragte ich mich, ob das vielleicht Thema in den Therapien werden sollte. Ob jemand, der sich immer unterbuttern lässt, hier endlich wagt, aufzubegehren und Fragen nach Sinn und Zweck zu stellen. Nun, ich stellte mir diese Fragen nicht, sondern setzte die Treffen in den Zimmern fort (was natürlich auch nicht offiziell gestattet war). Heute denke ich, dass alleine diese Frage, schon Teil der Therapie war.

  3. Gudrun sagt:

    Ich weiß nicht, ob man unangenehme Erinnerungen einfach so wegwerfen kann. Vielleicht kann man etwas dagegen setzen, etwas, was stärker ist. Und vielleicht stören sie dann auch nicht mehr so sehr, in der hintersten Ecke der untersten Schublade.
    Ich finde es sehr mutig von dir, dass du darüber schreibst.

  4. Pingback: Patchwork | Textklau, Kunst oder Hommage? | Sofasophien, Fallmaschen & Herzgespinste

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