Kein fertiger Text über Enden
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Er sitzt da und fragt sich. Fragt sich seit Tagen immer wieder dieselben Fragen. Findet keine Antworten. Sitzt seit Tagen nur im abgedunkelten Wohnzimmer, trinkt Unmengen von Kaffee, ißt manchmal etwas trockenes Brot, manchmal einfach nur ein paar Löffel Reis. Er raucht zuviel, sein Vorrat an Tabak ist beinahe aufgebraucht. Aber wozu soll er noch rausgehen? Da müßte er seine Wohnung verlassen, sich sogar mehr anziehen als seinen bequemen, schlabberigen Pullover mit den dünnen Stellen an den Ellenbogen und dem teilweise aufgetrennten Bund am Hals.
So bleibt er sitzen in seinem schäbigen Sessel, der doch der bequemste Platz ist für ihn, und fragt sich. Warum es so wurde, wie es ist, wann es so wurde, wie es war. Irgendwann nämlich war es einfach vorbei mit den kleinen Berührungen, den Umarmungen zwischendurch, dem Festhalten und all den anderen Gesten, die sie beide am Anfang so mochten. Sollte das einfach das “normale” Nachlassen des Begehrens gewesen sein? Schlich sich da die Gewohnheit ein, der Alltag? Was ist mit der körperlichen Nähe geschehen, wo ging sie verloren und wann und wieso?
War das vor Jahren schon? Als die Kinder geboren wurden? Oder als die Kinder auszogen aus der Wohnung und in ihr eigenes Leben entschwanden? War es, als sie beide die 50 überschritten hatten? Dann wurden sie Großeltern, und er lag plötzlich neben einer Oma im Bett … Ach. Er liebte sie immernoch, genoß es noch immer, ihre Nähe zu spüren. Hörte noch immer gern, wie sie neben ihm atmete. Fand sie noch immer schön, egal wie oft sie sich selbst auch als faltig, dick und sonstwas noch bezeichnete. Wenn er jetzt an ihre Brüste denkt …
Es klingelt an der Tür. Mühsam erhebt er sich und schlurft den Flur entlang. Wahrscheinlich wird das sein Sohn sein, der wie jede Woche am Mittwochnachmittag zu ihnen kommt. Sein Sohn wird sich jetzt um alles kümmern, für das er selbst keine Kraft und keinen Mut hatte, hofft er. Mit 76 darf er sich auf die Hilfe seiner Kinder verlassen, glaubt er. Er selbst hat es jedenfalls nicht geschafft, den Arzt anzurufen. Und er weiß es ja tief in seinem Innern, daß seine Frau nicht mehr aufstehen wird aus dem Ehebett, in dem sie seit Sonntag mit offenen Augen und kalten Händen liegt. Seit Sonntag sitzt er in seinem Sessel und wartet. Und fragt sich.
Sein Sohn soll ihn nicht weinen sehen. Aber er kann es nicht vermeiden, daß ihm Tränen über die stoppeligen Wangen laufen, als er die Tür öffnet. Und das erste, was er vom Davorstehenden hört, ist eine abfällige Bemerkung über seinen Pullover.
Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.
P.S.: Positiv am 31. Mai 2014 waren das schöne Wetter, leckere Suppe, klare Worte.
Tageskarte 2014-06-01: Die Sechs der Münzen.
© 2014 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


bis auf den letzten satz eine richtig genial gestrickte geschichte. kompliment. du baust sehr fein auf, machst neugierig. zeichnest einen mann, der verfällt …
(der letzte satz stört mich irgendwie. ich weiss aber nicht genau, wieso. oder vielleicht: ich glaube nicht, dass der sohn, der soeben seine mutter verloren hat, seinen vater wegen der kleidung anmacht … oderrr? okay, er weiss es ja noch gar nicht … ich habe es nochmals gelesen …)
Genau dieser letzte Satz … in seiner brutalen Unpassendheit … der muß sein.
klar darf er. mein feedback ist subjektiv …
Und ich hab vor lauter „Verteidigung“ vergessen, für das Lob zu danken.
Oh, es ist eine sehr empfindsame Geschichte. Empfindsam, weil du nicht einfach beschreibst und eine Zeitfolge abarbeitest. Du lässt den Leser mitfühlen. Und auch mit leiden.
Gefühle zu zeigen, scheint manchmal nicht in unsere Welt zu passen. Zu oft brüsten wir uns mit Stärke und glasklarem Verstand. Manchem Menschen würde es gut tun, wenn ihm einfach, ohne viele Worte, die Hand auf die Schulter gelegt würde. Aber wir spüren es oft nicht einmal, dass er gerade das nötig hätte.
Ach Gudrun, lieben Dank für das Lob.
Nach „free hugs“ jetzt auch „free hand on your shoulder“? Nein, ja, natürlich hast Du Recht, das den Menschen (zumindest vielen) das Mitgefühl abhandenkam. Und/oder der Mut, Mitgefühl zu zeigen, ging verloren.
eine Gechichte, die mir unter die Haut geht … die zudem wunderbar geschrieben ist!
wenn ich im Wendland bin, dann wohne ich bei einer Frau, die gerade 71 Jahre alt geworden ist und dabei topfit geblieben ist und wirklich … SO will auch ich alt werden und mich erst gar nicht auf diese vielen Glaubenssätze einlassen, die uns suggerieren wollen, dass ab spätestens 70 das Leben vorbei sei und wir Hilfe bräuchten …
Danke. Und in 20 Jahren weiß ich dann auch, wie es mit 71 so ist. Mal sehn, ob ich dann noch blogge 😉
ich bin auch mal gespannt, wie lange wir bei der Stange bleiben 😉
Ich möchte mich Ulli anschließen. Auch mir geht diese Geschichte sehr unter die Haut.
Danke,
Frei erfunden — ich wundere mich selbst, wie ich manchmal auf Themen komme und sie verarbeiten kann. Das Schreiben scheint bei mir manchmal wie das Träumen zu funktionieren.
Das ist doch gut so, finde ich.
Im nächsten „Buchfink“ vorlesen!
Beide Teile? 😉
Man könnte es auch so machen, dass nur der erste Teil vorgelesen wird, die Zuhörer werden aufgefordert, per mail mitzuteilen, wie sie sich den Fortgang vorstellen- darüber wird in einer der nächsten Sendungen berichtet- und Dein 2. Teil vorgelesen!?
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