Wider dem Sinnzwang
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Noch immer beschäftigt mich die Sinnfrage, die nicht nur vom verlinkten und zitierten Artikel bei fooodandwineporn.de angeregt wurde. Nein. Da war noch einer.
Die Produktion von Sinn geht Hand in Hand mit der Produktion von Sinnlosem. Sobald irgendwo in der Welt ein Sinnvakuum entsteht, füllen wir es, indem wir unseren eigenen Sinn kreieren. Es entstehen Parallelsinne. Sinniversen, einander widersprechende Sinne. Und nur wer ganz mutig ist und die Leere ertragen kann, verzichtet auf Sinn.
Zitat aus «Multiple app games».
Mit vorzüglichem Dank an “das Kunstbübchen” Irgendlink.
Gestern brabbelte ich vor mich hin, um mich zu beruhigen, herunterzufahren, wieder einzukriegen. Einfach so. Bis ich merkte, daß ich einige Lautäußerungen mehrfach wiederholte. Worte? Naja, vielleicht ist es ein seltener Dialekt aus dem Herrschaftsbereich der Ferengi oder der eines alten Bergvolkes am Fuße der Anden. Silbenreihungen. Gebrabbelte Silbenreihungen. Aufgeschrieben sehen sie so aus:
Tulifon bom iser
Lumumbulla kreh quecklikon
ant haxi wahto knei.
Kabs wakana pra tulifon!
Umbomo fati fei.
Lumumbulla kreh quecklikon
sep simma samma su.
Kawim tala setima fohn,
dapp moti wana tuh.
Lumumballa kreh quecklikon
ah happsa jedo knei.
Kabs tulifon bom iser lon
fei fati wana krei.
Was ist das? Wieso hab‘ ich das notiert? Wo kommen diese Lautäußerungen her? Und: Welchen Sinn hatten/haben sie?
Natürlich kann ich jetzt sagen, daß es Reimübungen seien. Natürlich könnte ich es “dadaistische Entspannungslyrik” nennen. Und hätte dem Sinnlosen (Ist das etwas anderes als sinnfrei?) damit im Nachhinein einen … Ha! Hätte ich damit einen Zweck oder einen Sinn hineingedeutelt? Wie schreibt Irgendlink: “Sobald irgendwo in der Welt ein Sinnvakuum entsteht, füllen wir es, indem wir unseren eigenen Sinn kreieren.” Kreiere ich wirklich Sinn, wenn ich dem Ding einen Namen gebe? Was glaube/hoffe/fürchte ich denn, was die Leserinnen und Leser (oder später die Hörer im nächsten Buchfink) darin sehen? Wieso muß eigentlich alles einen Sinn haben (oder noch schrecklicher, weil aus einer falschen Übersetzung eines Anglizismus herrührend: Sinn machen)? Seit wann denn das? Darf ich nichts tun, einfach weil ich es tun möchte, auch, wenn es sinnlos ist? (Ich denke gerade an unglückliche, unerfüllte Liebe!)
“Lumumballa kreh quecklikon.” Was soll ich denn sonst für eine Antwort auf alle meine Fragen geben? Welche Antwort auf die Frage nach dem Sinn ist tatsächlich die, die am sinnvollsten ist: 42? Vielleicht sollte ich Irgendlink nochmal fragen, welchen Sinn seine Nordseeumradelung hatte? Wie gern würde ich Hans Arp oder Hugo Ball zu “Tulifon bom iser” befragen. Doch es scheint nicht Dada zu sein, denn es reimt sich und hält seinen Rhythmus. Aber einen Sinn, einen anderen Sinn als den, daß ich es vor mich hinbrabbele, hatte es nie und hat es nicht. Auch nach dem Aufschreiben nicht. Ich habe etwas Sinnloses gemacht. Tatsächlich. Und fühle mich dabei so garnicht mutig. Doch ich sehe auch keine Leere in den Silbenreihungen. Nein, ich bestimme jetzt, daß es schön und unklassifizierbare Anti-Kunst ist.
Kunst. Semikunst. Trivialkunst. Anti-Kunst.
Sinn. Schwachsinn. Unsinn. Wahnsinn.
Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.
P.S.: Positiv am 24. Mai 2014 war die erneute Beschäftigung mit Dada.
Tageskarte 2014-05-25: Die Zehn der Münzen.
© 2014 – Der Emil. Eigener Text unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


genial ist es auch.
wärst du jetzt in der christlichen pfingstbewegung, hiesse es “in zunge sprechen” und einer würde es dann “auslegen” … 🙂
ich singe manchmal, wenn ich im auto keine musik hören mag, derart vor mich hin. sinnfreien text. und oke, auch weils gut tut. sinn? hach …
Ja, „in Zunge sprechen“: das ist es wohl. (nicht nur bei den Pfingstlern).
Auch Sigur Ros nutzt eine Phantasiesprache/Lautmalerei in den Liedern.
Das Spiel, das Spiel mit den Klängen, dem Schiftbild, der Buchstabenreihung — ist das vielleicht sinnvoll im Sinne von: Ausprobieren?
oooh, das könnte mir gefallen. danke für den musiktriptipp! 🙂
25. Mai 2414. Heute wurde ein digitales Fragment entdeckt, das offenbar in einer bis dato unbekannten Sprache verfasst wurde. Glaubten wir bisher, die Anfänge der Digitalisierung im frühen 21ten Jahrhundert vollständig rekonstruieren zu können, muss nun (womöglich) die Geschichte des Cyberspace neu geschrieben werden? (Tagebucheintrag des Erforschers der digitalen Frühgeschichte, Lind Kernig) 🙂
Das Gedicht ist klasse!
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