Essen und Reden (Nº 320)

Wie die Schwangerschaft den Mann veränderte

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Leise summt sie in der Küche vor sich hin. Dabei ist sie überhaupt nicht gutgelaunt. Heute Abend beim Essen soll nämlich “die Aussprache” stattfinden. Sie hat sich sehr gut auf den heutigen Abend vorbereitet.

Ihr Exfreund, der erst in zwei Stunden erfahren wird, daß er “Ex” ist, will heute nur eines von ihr hören. Er wird wie in den letzten drei Wochen keinem Argument zugänglich sein. Er wird bedingungslos fordern. Wie immer. Er wird sich – auch wie immer – über ihre bequeme Kleidung aufregen. Von Familienehre wird er sprechen und vom Platz der Frau in dieser Familie.

Bis vor drei Wochen war das alles noch ganz anders und kein Problem. Da resepektierte er sie als Person und sie respektierte ihn. Sie liebte ihn und sie tat wirklich viel für ihn. Sie hatte sich sogar darauf eingelassen, حلال – ḥalāl – zu kochen und zu essen, zumindest wenn sie gemeinsam aßen. Vor drei Wochen sagte sie ihm voller Freude, daß sie von ihm schwanger ist. Er zweifelte seine Vaterschaft nicht an, doch seitdem ist er wie ausgewechselt.

Plötzlich soll sie mit ihm in sein Heimatland fahren, zu seiner Familie. Ihr Kind soll dort aufwachsen und erzogen werden. Sie soll dort leben, wie eine gute Ehefrau dort leben, denn heiraten wollte er sie dort auch. Aber dort, nicht hier. Damit das Kind von Rechts wegen ihm zusteht und sie keinerlei Mitspracherecht hat? Sie hat sich im Internet umgesehen nach Erfahrungen dieser Art. Erschreckend war, was sie dazu fand.

Deshalb heute dieser Abend, dieses Essen. Deshalb war am Nachmittag der Schlosser da und hatte das Schloß der Wohnungstür ausgewechselt. Wie froh war sie jetzt, daß ihr Freund bisher noch nicht bei ihr eingezogen war. Heute Abend wird sie ihm sagen, daß er sich von ihr fernhalten soll. Daß sie unter keinen Umständen mit ihm in den Iran fahren würde, hierbleiben wird. Ohne ihn.

Um 18 Uhr wird er hier erscheinen. Sie werden am Tisch sitzen und essen, sein deutsches Lieblingsgericht: Kartoffelpüree mit Bratwurst und Sauerkraut; und sie wird ihm sagen, was sie zu sagen hat. Danach wird sie ihn bitten, für immer zu gehen und nie, nie wieder in ihr Leben zu treten. Sie wird das sogar verlangen von ihm. Ihre Freundin kommt mit ihrem Mann um halb neun, die beiden haben einen neuen Schlüssel. Nur für den Notfall ist das so abgesprochen.

Und während sie jetzt summend die Kartoffeln stampft, steigt ihre Entschlossenheit weiter. Nur eines weiß sie noch nicht genau. Ob sie ihn nach dem Essen anlügt und erklärt, daß es heute Abend Schweinsbratwurst gewesen sei …

 

 

Ich weiß sehr wohl, daß es solche und solche Menschen gibt, in allen Religionen und allen Ländern. Diese Geschichte ist so nie geschehen, ich bezeichne sie auch nicht als “typisch” – doch etwas, das sich so hätte ereignen können, in dieser Art, gehört tatsächlich zu meinem Erleben meines Umfeldes.

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 15. November 2013 war ein gelungener Buchfink.

© 2013 – Der Emil. Der Text steht unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Essen und Reden (Nº 320)

  1. leonieloewin sagt:

    Eine “ packende Geschichte“ – doch was ist ein gelungener Buchfink? 🙂 LG Leonie

  2. alltagsfreak sagt:

    Oh, das wäre ein spannungsgeladenes Gespräch. Das würde jede Menge an Konflikten nach sich ziehen…

  3. Manja sagt:

    Was ist denn ein gelungener Buchfink?

  4. puzzleblume sagt:

    Und bis dahin haben sie sich geliebt, bis sie im Internet recherchiert hat, weil er den Vorschlag machte, sie in seinem Heimatland zu heiraten um dort mit dem Kind zu leben? So im Handumdrehen und ohne Zwischenspiel? Eine schwangere Frau in den ersten Wochen, die ihren Mann liebt. Das ist mir zu stark und übergangslos komprimiert.

  5. Anna-Lena sagt:

    Das Leben ist so vielfältig, dass es eine durchaus wahre Geschichte sein könnte.
    Habe sie sehr gern gelesen.

    LG Anna-Lena

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