Endspurt, keuchend. (Nº 319)

Der Abendspaziergang fällt aus

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Die Bahn ist eine Minute zu spät. Das wird knapp mit dem Anschluß, und wenn der Bus weg ist … Dann muß ich wohl oder übel die elf Kilometer bis nach Eisdorf laufen. So ist das aber mit dem öffentlichen Nahverkehr: Wir sollen weniger mit dem PKW unterwegs sein, deshalb werden immer mehr Verbindungen eingespart, vor allem auf den Dörfern. Früher fuhr alle halbe Stunde ein Bus, bis abends um elf. Jetzt habe ich noch 6 Straßenbahnhaltestellen und ganze sieben Minuten Zeit, bis der letzte Bus um 18.35 Uhr losfährt.

Teurer werden die Fahrscheine auch jedes Jahr. Neunzig Pfennige kostete die Fahrt zu DDR-Zeiten. Kurz nach der Wende dann eine Mark achzig, aber West, also nach dem offiziellen Umtauschkurs beinahe vier DDR-Mark. Dann fielen abends und morgens Verbindungen weg. Die Menschen wurden ja gezwungen, das eigene Auto zu nehmen. Es fuhren weniger Menschen mit dem Bus, deshalb konnten noch mehr Busse gestrichen werden. Aus zwei Mark vierzig wurden dann über Nacht ein Euro vierzig. Und heute kostet die Fahrt einen Euro neunzig. Nebeher wurden die Tarife noch geändert, die sogenannten Zonen wurden verkleinert. Damit hat sich der Preis für eine Fahrt in die Kreisstadt, nein, in die ehemalige Kreisstadt, schonwieder fast verdoppelt.

Noch zwei Haltestellen. Der Straßenbahn hängt dem Fahrplan noch immer eine Minute hinterher. Das wird knapp. Der Bus muß – obwohl das sinnvoll wäre – auch nicht auf die Bahn warten, weil die Stadt keinen Anschluß bestellt hat und der Landkreis sich nicht zuständig fühlt. Ja, ich habe bei den Unternehmen nachgefragt und deswegen auch an die Zeitung geschrieben! Weil ich einer der Wenigen bin, die diesen Anschluß gerne hätten und brauchen.

Endhaltestelle. Da steht der Bus. Verdammt. Ich renne los. Vielleicht dreißig, vierzig Meter. Einmal quer über die Straße. Muß jetzt grad das Auto? Mist. Der macht die Türen zu. Ich versuche zu rufen, im vollen Lauf schwierig, aber ich versuche es. Mit beiden Armen winke ich, der Bus blinkt. Jetzt müßte mich der Busfahrer im Rückspiegel sehen. Scheiße, noch zehn oder fünfzehn Meter. Endspurt!

Der Bus fährt ab. Mitten auf der Straße bleibe ich stehen. Stütze die Hände auf die Knie. Keuche. Aus dem Alter, in dem ich wie ein Schuljunge nach dem Bus rennen kann, bin ich ganz sicher raus. Na gut, lauf ich eben. Ich richte mich auf und vor mir steht der Bus mit eingeschaltetem Warnblinker, direkt hinter der Haltestelle mitten auf der Straße. Die Türen sind offen. Irgendwer hupt. Der Bus hupt! Ich geh los, steige ein, noch immer nach Luft ringend laß ich mich auf den erstbesten Sitz fallen.

Dann knipse ich meinen Fahrschein und gehe vor zum Fahrer. “Vielen Dank, daß sie mich doch noch mitgenommen haben.” “Guten Abend,” sagt die Frau hinterm Lenkrad, “aber ich hätte Sie beinahe übersehen.”

 

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 14. November 2013 waren die Sendungsplanung und der Besuch bei der allerallerallerbesten Freundin.

© 2013 – Der Emil. Der Text steht unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Endspurt, keuchend. (Nº 319)

  1. Manja sagt:

    Ich habe mir ein Auto zugelegt, weil ich nicht mehr die Kraft dazu habe, stundenlang mit den Öfis unterwegs zu sein. Ich habe es jahrelang gemacht. Aus Überzeugung. Aber für Menschen mit Burn Out Symptomen wie mir definitiv ne Nummer zu steil.

  2. Gudrun sagt:

    Eisdorf? Das ist wenige Kilometer von meinem Dörfchen weg. Und nicht nur deshalb berührt mich die Geschichte, weil ich oft genau so gerannt bin, genau solche Gedanken hatte. 14 Tage in einem Winter fuhr gar kein Bus. Den Fahrern war es freigestellt, auf den zugeschneiten und zugeschobenen Straßen zu fahren. Ist was am Bus, holt sie keiner. Die, die kam, war eine Frau. Aber wie zurück? Meine Kinder haben dann ihr Auto vollgepackt mit allem, was man so brauchen kann und dann kam ich mir vor wie in einer belagerten Festung. Und plante meinen Umzug.

  3. alltagsfreak sagt:

    Oh ja, die Verbindungen und Preise damals und heute im Vergleich – man könnte schlichtweg kotzen. Und auf die Leute, die darauf angewiesen sind….

    • Der Emil sagt:

      Öhm … Auif die Leute, die darauf angewiesen sind???

      Ich weiß, daß die Leute, die darauf angewiesen sind, meist in die Röhre gucken, oder dumm aus der Wäsche … wenns Auto mal kaputt ist …

      • alltagsfreak sagt:

        Meinte auch die, die eingeschränkt sind und keinen FS machen können.. Und die, welche sich finanziell weder FS noch Auto leisten können. Wenn sie mehr Fahrer einstellen, könnten sie die Orte öfter abfahren…

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