Untrügliches Alterszeichen (Nº 222)


Szene in einer Dorfkneipe

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Die beiden hatten vor Jahren ziemlich viel gemeinsam. Gemeinsamen Arbeitsweg, gemeinsames Wohnhaus, gemeinsamen Beruf, gemeinsamen Fußballverein, gemeinsame Stammkneipe. Sie sahen sich täglich, erledigten und erlebten vieles gemeinsam. Eine zeitlang teilten sie sich sogar mit ihren jeweiligen Freundinnen das Urlaubsquartier an der Ostsee. Und dort – und danach – manchmal sogar ein Schlafzimmer.

Aber das ist lange her, etwa fünfzehn Jahre. Irgendwann hatten sie plötzlich keine gemeinsame und gemeinsam keine Arbeit mehr, weil die Produktion ins osteuropäische Ausland verlagert und der Betrieb geschlossen wurde. Nicht viel später hatten sie beide keine Freundin mehr, und auch die Wohnungen waren schnell zu teuer. Nachdem der Fußballklub aufgestiegen und damit die Eintrittskarten zu teuer geworden waren, hatten sie plötzlich nichts mehr gemeinsam als Erinnerungen.

Sie trafen sich nur noch sehr selten in der ehemaligen Stammkneipe, schließlich war auch der Bierpreis in schwindelerregende Höhen geklettert. Heute allerdings saßen sie nach langer Zeit mal wieder zusammen. Uwe hat endlich seinen Bescheid über Rente wegen Erwerbsunfähigkeit bekommen, wegen seiner Depressionen, wegen der er auch schon einige Zeit in der “Klapse” war. Und damit kam noch irgendeine Nachzahlung oder Erstattung oder Irgendsoetwas – jedenfalls hatte Uwe genug Geld und konnte Stefan ganz gepflegt auf ein paar Bier einladen.

Da saßen sie also, die Helden, die mit ihren Freundinnen früher im ganzen Dorf als die Überkreuzf… (ihr wißt schon, was der Dorfmensch dazu sagt) bekannt waren und schwelgten in Erinnerungen. Doch mit jedem Bier kamen sie der Gegenwart näher und ihre Stimmung sank immer weiter. Lachten sie anfangs noch lauthals bei fast jedem “Weißt Du noch …?”, so nickten sie sich später nur noch zu. Dann kam die Zeit der “Ach, geh mich wech mit den Dreck!”-Geschichten.

Der Wirt stellte ringsum schon die Stühle hoch, als Uwe und Stefan sich noch an ihrem letzten Bier festhielten, nur um nicht in die Einsamkeit draußen zurückkehren zu müssen. Sie trauerten ihren Frauen, der guten alten Zeit und überhaupt allem nach. Der Wirt bat sie schließlich resolut, endlich auszutrinken und zu gehen. Und um die Entscheidung zu erleichtern, spendierte er jedem noch einen Kräuterling.

Und als die beiden endlich die Kneipe verließen, hörte der Wirt noch, wie Uwe zu Stefan sagte: “Weißte, was das Schlimmste ist, woran ich erkenne, daß ich alt werde?” “Uwe, mit unseren 51 sind wir noch nicht alt. Höchstens heute ein wenig betrunken.” “Quatsch nicht, ich werd alt, ehrlich. Mich interessieren die Pornoseiten im Internet nicht mehr!”

Beide ließen daraufhin die Köpfe hängen und trotteten davon.

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 9. August 2013 war der Buchfink mit einer Anruferin und einem Text von Irgendlink.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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13 Kommentare zu Untrügliches Alterszeichen (Nº 222)

  1. Das ist eine bittere Erzählung, gut erzählt aber bitteren Inhalts! Da bleibt ja wirklich fast gar nichts mehr wenn die beiden nicht in Windeseile die sprichwörtliche Kurve kriegen …

    • Der Emil sagt:

      Bitter? Hm … das empfand und dachte ich beim Schreiben nun garnicht.

      Aber Du hast Recht. Vielen Dank!

      Und solche Geschichten gab es / gibt es hier im Osten zuhauf, vielleicht nicht ganz so „schmuddelig“, aber dennoch … (Auch, wenn es diese so nun wirklich nicht gab, nicht in meinem Erleben jedenfalls.)

  2. Anna-Lena sagt:

    Sehr realistisch geschrieben, lieber Emil, so was gibt es immer wieder, unabhängig von Ost uns West. Habe ich sehr gerne gelesen.

    Einen lieben Gruß zum Wochenende,
    Anna-Lena

  3. Sofasophia sagt:

    toll erzählt, lieber emil.
    die frage steigt in mir auf, woher dieses verbittern kommt, das ich so häufig beobachte. es klopft zuweilen auch bei mir an. was können wir ihm entgegensetzen um von ihm nicht verschlungen zu werden. und es ist noch nicht mal eine frage des alters. nicht aufgeben? sag das mal jemandem ohne perspektive?
    sind es die innern weiten räume, die uns vor der bitterkeit retten können?
    *seufz*
    [ich hör mir nachher den gestrigen buchfink an, habs schon wieder vergessen. 🙂 ]

    • Der Emil sagt:

      Ich weiß nicht? Kommen die beiden bei Dir verbittert an? Oder hoffnugslos, verzweifelt?

      Daß das ganze Geschehen bitter war/ist für die Figuren, das hab ich ja nun selbst schon gemerkt. Je länge ich micht mit meinem Text befasse (das habe ich bisher nicht getan; es ist einer von den „hingerotzten“, rausgeflossenen, nicht korrigierten – leider geschehen die zu selten), desto besser verstehe ich skriptum/skryptoria, die mich auf die Bitterkeit des Geschehens aufmerksam machte.

      • Sofasophia sagt:

        viellecht ist „resigniert“ das treffendere wort?!
        aber vergiss nicht: das ist letztlich subjektiv.
        bitte bitte weiterrotzen, lieber emil! 🙂

        • Der Emil sagt:

          Ja, wenn das nur immer so gehen tät!

        • irgendlink sagt:

          Oder ’natürlich‘? Die meisten Menschenleben haben diese Wendungen. Vielleicht alle? Die kürzliche Dokumentation über den großen Postraub in England vor vierzig Jahren zeigte nur ein Schicksal, das halbwegs glimpflich verlief – und es war nicht das Geld, das zu dieser Glimpflichkeit beitrug, sondern die Erkenntnis, die Weisheit, die im Innern des Menschen wuchs. Unabhängig von den äußeren Umständen.

  4. minibares sagt:

    Lieber Emil, das hast du so lebensnah geschrieben.
    Es gibt wohl viele solche Fälle.
    Schlimm ist das. – diese Trostlosigkeit…

    • Der Emil sagt:

      Danke, minibares.

      Aber weißt Du, was wirklich schlimm ist? “Mich interessieren …” (s.o.) *lach* (Da konnt ich grad nicht widerstehen, diesen Kalauer? selber zu reißen.)

  5. Gabi sagt:

    Auch für mich klingts verbittert. Und es könnte durchaus aus dem wahren Leben sein. Sehr gut geschrieben.
    Oh ja, das älter werden kann einem schon zu schaffen machen.
    LG Gabi

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