Nº 008 (2022) – Alterszeichen (reloaded)

Szene aus der Dorfkneipe.

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Die beiden hatten vor Jahren ziemlich viel gemeinsam. Einen gemein­samen Arbeitsweg, ein gemeinsames Wohnhaus, den gemeinsamen Beruf, den gemeinsamen Fußballverein, die gemeinsame Stammkneipe. Sie sahen sich täglich, erledigten und erlebten vieles gemeinsam. Eine zeitlang teilten sie sich sogar mit ihren jeweiligen Freundinnen das Urlaubsquartier an der Ostsee. Und dort – und auch danach wieder im Dorf – manchmal sogar ein Schlafzimmer. Aber das ist lange her, etwa fünfzehn Jahre. Irgendwann hatten sie plötzlich keine gemeinsame und gemeinsam keine Arbeit mehr, weil die Produktion ins osteuropäische Ausland verlagert und der Betrieb geschlossen worden war. Nicht viel später hatten sie beide keine Freundin mehr, und auch die Wohnungen waren schnell zu teuer. Nachdem der Fußballklub aufgestiegen und damit die Eintrittskarten zu teuer geworden waren, hatten sie plötzlich nichts mehr gemeinsam als Erinnerungen.

Sie trafen sich nur noch sehr selten in der ehemaligen Stamm­kneipe, schließlich war auch der Bierpreis in schwindeler­re­gen­de Höhen geklettert. Heute allerdings saßen sie nach langer Zeit mal wieder zusammen. Uwe hat endlich seinen Bescheid über Rente wegen Erwerbsunfähigkeit bekommen, wegen seiner Depressionen, wegen der er auch schon einige Zeit in der “Klapse” war. Und damit kam noch irgendeine Nachzah­lung oder Erstattung oder Irgendsoetwas. Jedenfalls hatte Uwe genug Geld und konnte Stefan ganz gepflegt auf ein paar Bier einladen. Da saßen sie also, die zwei Helden, die mit ihren Freundinnen früher im ganzen Dorf als die Überkreuzf… (ihr wißt schon, was der Dorfmensch dazu sagt) bekannt waren und schwelgten in Erinnerungen. Doch mit jedem Bier kamen sie der Gegenwart näher und ihre Stimmung sank immer weiter. Lachten sie anfangs noch lauthals bei fast jedem “Weißt Du noch …?”, so nickten sie sich später nur noch zu. Dann kam die Zeit der “Ach, geh mich wech mit den Dreck!”-Geschichten.

Der Wirt stellte nach Mitternacht ringsum schon die Stühle hoch, als Uwe und Stefan sich noch an ihrem letzten Bier festhielten, nur um nicht in die Einsamkeit da draußen zurück­kehren zu müssen. Sie trauerten ihren Frauen, der guten alten Zeit und überhaupt allem nach. Schließlich bat sie der Wirt resolut, endlich auszutrinken und zu gehen. Um die Entschei­dung zu erleichtern, spendierte er jedem noch einen Kräuter­ling. Und als die beiden endlich die Kneipe verließen, hörte der Wirt noch, wie Uwe zu Stefan sagte: “Weißte, was das Schlimmste ist, woran ich erkenne, daß ich alt werde?” “Uwe, mit unseren 51 sind wir noch nicht alt. Höchstens heute ein wenig betrunken.” “Quatsch nicht, ich werd alt, ehrlich. Mich interessieren die Pornoseiten im Internet nicht mehr!”

Beide ließen daraufhin die Köpfe hängen und trotteten davon.

 

 

Ich sitze zur Zeit an alten Geschichten. Die kurzen Stücke um das Holzhaus und um Ruth und Thomas gehören ja irgendwie zusammen. Deshalb las ich gestern und heute nicht nur die ausgedruckten Teile, sondern auch so nocheinmal in meinem Blog herum. Himmel nochmal, was habe ich alles vergessen von dem, was ich geschrieben habe! Puh! Dieser Text zum Beispiel erschien zuerst am 10. August 2013 noch in meinem alten Blog bei WP.com. Wer jetzt zu diesem Artikel zurückblättert (mein ganzes Blog ist umgezogen), wird Unterschiede feststellen. Weniger Absätze. Hie und da ein paar Worte umgestellt und ergänzt etc. Und mittlerweile, mittlerweile bin auch ich der Meinung, daß Bitterkeit und Verbitterung in diesem Text zu finden sind. Und es stimmt wirklich: Nach siebeneinhalb Jahren hatte ich diese Szene vollkommen vergessen.

Und deshalb habe ich sie nochmal hervorgeholt aus der „Versenkung”.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Gut fand ich am 08.01.2022 das Training, der Spaziergang (im ursprünglichen Sinne), der Mut zur (bearbeiteten) Wiederholung.
 
Für morgen zog ich die Tageskarte König der Kelche.

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Über Der Emil

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3 Antworten zu Nº 008 (2022) – Alterszeichen (reloaded)

  1. Stefan Kraus sagt:

    Ich bin dankbar für’s Hervorholen und habe die Geschichte gerne gelesen. Vielleicht weil ich heute sagen könnte: „Uwe, weißt du noch, damals in der Dorfkneipe?“
    Ich finde mich wieder, damals, und heute. Danke.

  2. Sonja sagt:

    An alten Geschichten sitzen, das kann durchaus die Seele nähren…
    Gruß von Sonja

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