YHT: Einblick in meinen Kopf (Nº 194)


Das Innere Erlebnis bei Kunst

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Am Donnerstag war ich zum A2R. Ja, da war zum einen die früher unvorstellbare transkontinentale Zusammenarbeit zwischen Tetsuo Kogawa aus seinem Wohnzimmer in Tokio und Knut Aufermann im Händelhaus, die live vor Ort und im Radio zu hören war. Daraus kondensierte sich in meiner Kladde ein 28er (der kommt später). Und am frühenm Abend hörte ich mir dann YHT an. Was dabei in meinem Kopf herumschwirrte, schrieb ich während des Zuhörens auf.

 

 

YHT (D): IMPULSE. 5 kanalige Klangaufführung

Claus Stoermer und Johannes Krause arbeiten und forschen seit 2005 gemeinsam unter dem Namen YHT im Bereich des Sounddesigns und der elektroakustischen Musik. Für Addicted2Random entwickeln sie ein akustisches Konzept, für das Klangaufnahmen barocker Tasteninstrumente der Ausgangspunkt ihrer Klangaufführung sind. Mit einer für die Aufführung programmierten Software lösen YHT kurze Ausschnitte aus dem zeitlichen Ablauf der Klänge heraus und projizieren diese – als akustische Impulse – in die Glashalle des Händelhaus Halle.

Quelle: Website des A2R.
 

 

 

Einzelne Töne von (Barock- ?) Instrumenten. Manchmal identifizierbar, manchmal verfremdet. Das Lauteste am Anfang sind die Pausen zwischen den Klängen – dann aber taucht unter den stärker verfremdeten Klängen etwas wie ein basso ostinato  auf. Ich ahne, wie unsachgemäß mit Flügel, Cembalo und Streichinstrumenten umgegangen worden sein muß, als an chinesische Tempelhörner erinnernde Passagen erklingen. Welches Instrument steckt dahinter: die Orgel, ein Fagott oder – daran erinnern die Töne zuerst – ein Didgeridoo ?

Diese tiefen Töne rotieren durch den Raum, die Windgeräusche ersterben plötzich für eine Zeit, um einem sanften (ja wirklich, sanften) Paukenwirbel Platz zu machen, der in unbestimmbare Bläserklänge – glissando gespielt – sich verwandelt.

Meine Phantasie wird unterschiedlich heftig hin- und hergeschoben von der Musik, schwebt einen Wimpernschlag lang über einem Nichts, nur um gleich wieder geworfen zu sein und wie ein Ball in einem zu engen Gang zwischen den Wänden umherzuspringen.

Ist solche Musik in Live-Situationen exakt reproduzierbar? (Nein, sagten mir Stroemer und Krause nach dem Konzert, als ich sie danach fragte.) Würde ich mich jedesmal in dieser Kaverne stehen sehen, in deren Dunkelheit einzelne Fledermäuse und allerlei anderes Getier mich anfliegen? Aus der Ferne das Ächzen und Stöhnen und Seufzen des Gesteins – und direkt um mich herum die changierende Zugluft, fallende Tropfen und all die düsteren Gestalten meiner Alpträme (vor denen ich mich jetzt aber nicht fürchte)?

Jetzt bin ich in einen Tunnel versetzt, tief unten im Berg, so, als ob ich ihn minutenlang in Höchstgeschwindigkeit durchquere von Wand zu Wand. Gestört werde ich auf meinem (kurzen) Weg durch vorbeidonnernde LKWs und Lokomotiven. Schnell. Und wieder umgibt mich tönendes Gestein, das mich einengt für längere Zeit, mir aber nicht den Atem raubt. Oder sind es nur die Klänge, die mich hier gefangenhalten, mich umfangen wie eine Schutzhülle? Die in mir ein Wohlgefühl auslösen? Für längere Zeit?

Mit einem letzten, einzelnen Ton einer Bratsche oder eines Cellos (vielleicht war es aber auch ein ganz anderes Instrument) fahre ich durch den Berg hinauf ans Tageslicht, mitten in die Glashalle des Händelhauses.

Das war in meinem Kopf während der Musik … YHT – hörbar, erlebbar. Vielen Dank den Organisatoren des A2R-Festivals und an Claus Stoermer und Johannes Krause für ein beeindruckendes Klangerlebnis und den tollen Film in meinem Kopf.

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 12. Juli 2013 war der Buchfink.

© 2013 – Der Emil. Eigener Text steht unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu YHT: Einblick in meinen Kopf (Nº 194)

  1. Amelie sagt:

    Positiv am 12. Juli 2013 war auch für mich der Buchfink, der da übers Internet zwitscherte während ich Sachen packte. In einer Stunde startet das Experiment Minigruppenurlaub. Kühlungsborn ist das für mich vertraute Ziel. Schaun mer mal . . . *erwartungsvoll seufzend*

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