Sonntagsbrauch Frühschoppen (Nº 181)

Als Kind war ich im Dorf mit dem Großvater dabei.

To get a Google translation use this link.

 

Sonntag. Früher war Sonntag auch der Tag des Frühschoppens. “Schoppen” mit Sch, also mit “c” – denn es ging um das Trinken eines Glases Wein, eines Schoppens Wein. Das denglische “shoppen” (das Deutsche Wort “einkaufen” wird viel zu oft dadurch ersetzt) war früher noch nicht modern. Nein, es wurde Deutsch im ortsüblichen Dialekt gesprochen beim Frühschoppen, bei dem z.B. im Erzgebirge eher Bier als Wein getrunken wurde.

Frühschoppen. Da trafen sich sonntags nach dem Kirchgang oder anstatt des Kirchganges (meist nur) die Männer des Dorfes in der Kneipe. Nicht nur zum Trinken, nein. Da wurden Neuigkeiten ausgetauscht, Vorhaben besprochen, Vereinbarungen (und Verträge) geschlossen. Sogar Karten- oder Würfelspiele waren gang und gäbe (doch doch, das ist richtig geschrieben) am Sonntagvormittag.

Ich erinnere mich noch gut daran, daß ich als Kind mit meinen Großeltern im “Haisel” (Häuslein, Wochenendhaus) war. Großvater ging dann zum Frühshoppen. Und ich half Großmutter beim Vorbereiten des Sonntagessens. Ab 11.30 Uhr allerdings hatte ich eine andere, wichtigere Aufgabe. Ich durfte, nein, mußte ab dieser Zeit mit dem Fernglas den Eingang des Dorfgasthofes beobachten. Und wenn ich den Opa herauskommen sah, mußte ich sofort Oma Bescheid sagen. Die legte dann nämlich die grünen (rohen) Kartoffelköße in das bereits auf dem Herd (ein ganz typischer, schöner alter Küchenherd mit Ofentopf, meist nur mit Holz aus dem umliegenden Wald geheizt) simmernde Kochwasser. Wenn der Großvater zur Tür hereinkam, waren die Klöße fertig.

Manchmal durfte ich den Großvater zum Frühschoppen in den Ratskeller begleiten und bekam dort meine Faßliomade. Irgendwann um 1975 herum – wahrscheinlich danach – schlief der Brauch ein, zum Frühschoppen zu gehen; zumindest in den Dörfern, in denen ich zuhause war, wurden die geselligen Runden immer seltener. Und weil ich vor kurzem erst wieder im Dorf war, meine Erinnerungen also aufgefrischt sind, fiel mir auf, das es soetwas heutzutage scheinbar nicht mehr gibt.

Ich kenne einen, einen einzigen Frühschoppen, den ich später, um 1995 erlebte. Jeden Sonntag trafen sich Leute aus der Kleingartenanlage in dem Gartenheim, das ich nebenbei (ehrenamtlich sozusagen) bewirtschaftete. Aber hier in Halle oder auch in den umliegenden Dörfern? Da kenne ich keinen … Oder? Gibt es den normalen Frühschoppen noch? Den ohne ein “Motto”? Den, auf dem sich einfach die Leute aus dem Dorf, dem Viertel, der Straße, dem Quartier, vom Campingplatz treffen, um einfach gesellig Zeit miteinander zu verbringen?

Immer diese Fragen in mir, deren Beantwortung nichts ändert und mir trotzdem so wichtig erscheint.

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 29. Juni 2013 war eine mit Glück geschaffte Schicht als Sendetechniker.

© 2013 – Der Emil. Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

181 / 365 (WP-count: 464 words)

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
Dieser Beitrag wurde unter Erlebtes, Gesehenes, One Post a Day, postaday2013 #oneaday abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

0 Kommentare zu Sonntagsbrauch Frühschoppen (Nº 181)

  1. Gudrun sagt:

    Es gibt ihn schon noch, den Frühschoppen im Leipziger Land, in dem Dörfchen, in dem ich eine Zeit wohnte. Es gibt noch allerlei Traditionen, aber wohl nicht mehr diese Gemeinsamkeiten von denen du schreibst. Den Dorfladen gibt es nicht mehr, um den Anger mit der Linde ist es still geworden. Dabei ist die runde Bank um den Baum noch gut erhalten. Viele Gemeinden versuchen, gegen die Auflösung der dörflichen Gemeinschaft anzusteuern, aber das gelingt nicht so recht. Die Jungen gehen weg.
    Auch die Städte verändern sich, lieber Emil. Die kleine Kneipe an der Ecke gibt es manchmal auch nicht mehr. In manchen Straßen versucht man, eine neue Kultur des Wohnens aufzubauen, Wohnen und Gewerbe, Kunst, Handwerk, Handel zu beleben und unter einen Hut zu bekommen. Ob es gelingt, weiß ich nicht. Manchmal habe ich den Eindruck, dass auch hier die einzelnen Gruppen für sich leben. Aber es sind wenigstens Gruppen.

    • Der Emil sagt:

      Hier in HaNeu gab es die Kneipe an der Ecke nie so ganz wirklich. Das wird wohl eine der Ursachen sein, warum ich hier keinen Frühschoppen kenne. Aber: Selbst in solchen Neubaugebieten (ich kenns aus Karl-Marx-Stadt) organisierten sich die Menschen vielfach ähnliche Runden, in den Mehrzweckräumen usw.

      Sind fakebock und Co. heute um so viel wichtiger als die Nachbarschaft? Ist da ein Kampf « „Die ganze weite Welt“ gegen „Die popelige Nachbarschft“ » im Gange? Oder ist „der Nachbar“ heute eher der aus fakebock statt der aus der Straße/dem Haus?

      Nun, ich war ja grad zu einem Dorfffest, 800 Jahre wurden gefeiert. Es braucht heute wirklich solche Ereignisse oder ein ordentliches Naturkataströphchen, um den Gemeinschaftssinn wieder deutlich zum Vorschein zu bringen. Oder fehlt den Leuten einfach der (monetär) meßbare Gewinn, haben sie Angst davor, der andere könnte zuviel über sie erfahren?

      Das sind schonwieder “ diese Fragen in mir, deren Beantwortung nichts ändert und mir trotzdem so wichtig erscheint.”

      • Gudrun sagt:

        Ich finde es gut, dass du Fragen hast. Nur wer fragt, findet Antworten.
        Gemeinschaftsräume? Ja, die gab es hier auch. Wir hatten unseren Trockenraum umfunktioniert, Tische und Bänke gebaut.
        Jetzt wohne ich wieder in einem solchen Haus, aber einen Gemeinschaftsraum gibt es nicht mehr. Ich hätte gern irgendeinen Raum.

  2. Wir hatten vor kurzem das Thema in geselliger Runde gehabt. Meine Bekannten haben einen Garten und leben den Sommer über auch dort. Die Männer beklagten sich, das man heute nicht mehr im Gartenlokal zum Frühschoppen gehen kann. Die Frauen laufen ständig hinterher und wollen schön essen. Deshalb geht man heute zum Brunch….
    Wenn ich bei den Großeltern zu Besuch war, durfte ich den Opa vom Frühschoppen abholen und damals bekam ich immer einen Lutscher geschenkt.

  3. syntaxia sagt:

    Na ja, das ist die von dir beschriebene positive Seite. Ich kenne es auch anders! Mein Exmann ging zum Frühschoppen. Egal ob er abends vorher in der Kneipe war oder nicht. Er musste jeden Sonntag dort hin. Mit dem Ergebnis, dass er irgendwann, viel zu spät, angetrunken nach Hause kam, etwas aß und dann auf dem Sofa schlief. Ich war jung verheiratet und hatte oft nach seinem Wunsch ein feines Essen gezaubert. Das verkochte oder er bekam nicht viel davon mit, so angetrunken war er. Du kannst dir denken, lieber Emil, dass ich den Frühschoppen hasste und mich auch irgendwann trennte…

    ..grüßt dich Monika.

  4. Elvira sagt:

    Ich kenne nur den Internationalen Frühschoppen!

  5. Inch sagt:

    Ich glaube nicht, dass der Wegfall des Frühschoppens etwas mit Facebook zu tun hat. Weil der Schwund setzte ja schon früher ein. Ich glaube eher, irgendwann bekam der Frühschoppen ein schlechtes Image. Sonntag Vormittag in der Kneipe? Bier trinkend? Wie prollig. Pfui.
    Auch würde sich die „moderne“ Frau wohl nicht mehr hinstellen und für den „Suffkopp“ das Mittagessen zu bereiten.
    Ich übertreibe bewusst, weil ich denke, genauso denken viel darüber.

  6. puzzle sagt:

    Meintagesablauf schrieb „Die Frauen laufen ständig hinterher und wollen schön essen“ – ist das denn so unverständlich. dass sie sich veralbert vorkommen, den ganzen Vormittag mit Warten zu verbringen und die Kinder belustigen sollen, bis der Mann nach Hause kommt um sich an den Tisch mit dem hoffentlich fertigen Sonntagsessen zusetzen und nachher seinen Mittagsschlaf auf dem Sofa anzufangen, während er das Sofa am Weglaufen zu hindern versucht, in dem er sich darauflegt und damit das Wohnzimmer unbenutzbar macht für sie und die Kids?
    Diese Zeiten sollten wirklich Vergangenheit sein.
    Ist aber auch ne Frechheit, dass die Frauen eigene Wünsche haben, sonntags, am Tag des Herrn.

  7. Gabi sagt:

    Obwohl in der Stadt aufgewachsen, kenne ich den Frühschoppen auch noch. Von den Verwandten am Land. Ob es den jetzt noch gibt. Da hab ich ehrlich gesagt, keine Ahnung. Ich glaub fast nicht. In dem kleinen Dorf meines Mannes im Weinviertel, wo wir so oft zu Besuch sind, gibts ja nicht mal mehr ein Gasthaus. Aber schon lange nicht mehr.
    Und ich glaub auch nicht, dass Facebook und co daran schuld sind, wenn es diesen Brauch nicht mehr oder fast nicht mehr gibt. Das hat sich schon vor langer Zeit gewandelt. Schon meinen Mann hat sowas nicht mehr interessiert. Wir haben die Sonntag Vormittage lieber gemeinsam verbracht, bzw. als unser Kind klein war, hat er mit ihm was unternommen.
    Und selbst die Frauen meiner Generation waren nicht mehr so, dass sie sonntags alleine am Herd stehen wollten und geduldig auf ihren Mann gewartet haben. Ich hätte da auch keine Freude gehabt.
    Was aber nicht heißen soll, dass wir nur ständig zusammen waren. Jeder durfte und darf auch alleine was unternehmen.
    Aber seien wir ehrlich, das blieb doch früher eher nur den Männern vorbehalten. Die Frauen saßen meist mit den Kindern zu Hause.

  8. Pingback: Sonntage | Gedacht | Geschrieben | Erlebt | Gesehen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert