Genügsamkeit (Nº 076)

Eine alte «Hausaufgabe» muß endlich erledigt werden

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Als ich in den vergangenen Tagen in meiner Vergangenheit, also in meinem Schrank wühlte, fiel mir auch das Kliniktagebuch in die Hände. Natürlich habe ich mich darinnen festgelesen, habe ich die drei Monate nocheinmal Revue passieren lassen. Anderthalb Jahre ist es jetzt her, daß ich diese Notizen in einer Tagesklinik machte.

Im Oktober 2011 hatte ich eine Hausaufgabe. Weil ich nämlich immer wieder von meiner Absichtslosigkeit und von meiner Genügsamkeit sprach, sollte ich darüber nachdenken. Mir war überhauptnicht bewußt, daß diese zwei zur Depression gehörten. Aber: In einem Gespräch wurde mir dann klar, daß beides erst mit der Erkrankung in mir gewachsen war.

Beim Rückzug aus der Realität und aus dem Gefühlsleben finden seltsame Umdeutungsprozesse statt. Vermeidungsstrategien hatte ich erlernt und angewendet und verinnerlicht. Wenn ich mich doch dazu aufraffen konnte, etwas zu tun (irgendetwas, wirklich, das konnte Einkaufen, Schreiben, Spazierengehen, Partybesuch oder sonstwas sein), dann verfolgte ich damit keinerlei Absicht, hatte ich dabei keinerlei Ziel. So konnte ich auch nie ein Ziel verfehlen, eine Absicht nicht umsetzen – sozusagen in meinen Augen (und in den Augen meiner Umwelt) nicht versagen.

Genügsamkeit ist eine solche Vermeidungsstrategie. Ich bin es ja nicht wert, irgendetwas zu erreichen, zu bekommen. Und verlangen kann ich gleich garnichts! Also bin ich mit dem zufrieden, was ich habe, will auch nicht mehr haben. Von nichts mehr haben als ich schon mein eigen nenne. Gutes bekam ich ja sowieso nirgends her. Und Schlechtes hatte ich genug. Schließlich war ich oft genug gescheitert bei allen Versuchen, etwas zu erhalten, etwas zu erreichen.

Zurück zur Hausaufgabe.

Ich sollte auf jeweils einem Zettel für die Absichtslosigkeit bzw. die Genügsamkeit jeweils die Vor- und Nachteile auflisten, die sie für mich ganz persönlich haben.

Die beiden Zettel sind da. Und es stehen beide Verhaltensweisen (Eigenschaften?) fein säuberlich darauf.

Und nichts weiter.

Nun habe ich gelesen, daß mich beide Auflistungen wirklich beschäftigt hatten. Daß ich Angst hatte, sie auszufüllen, weil ich dann sehen würde, daß je einem oder zwei Vorteilen ganz ganz viele Nachteile gegenüberstehen. Auch scheute ich davor zurück, Dinge hinzuschreiben, die ich erwarten, beabsichtigen, verlangen, einfordern kann – das stand ja meiner Absichtslosigkeit und meiner Genügsamkeit entgegen. So sehr hatte ich beide verinnerlicht, daß ich Angst hatte, sie aufzugeben, auch nur zeitweise mich anders zu verhalten.

Jetzt habe ich versucht, diese Hausaufgabe nachzuholen. Gestern. Und noch immer kann ich sie nicht erledigen. Weil ich dann sehen würde, daß sich meine Einstellung diesbezüglich zu wenig geändert hat, weil ich noch immer genügsam bin, noch immer vieles nur tue, weil ich damit anderen zu Diensten sein kann und nicht, weil ich damit etwas für mich erreiche.

Genügsamkeit. Der Vorteil: ich muß nichts fordern, ich nehm nur das Wenige, was mir aus freien Stücken gegeben wird; und zu große Gaben lehne ich einfach ab. Ich will ja nicht egoistisch oder gierig erscheinen. Es steht mir ja auch nicht mehr zu. Die Nachtiele: Ich erlebe vieles nicht. Mir fehlen die Erfolgserlebnisse, wenn ich durch eigenes Bemühen, durch eigenen Kampf etwas erreicht habe. Ich werde ausgenutzt.

Uff. was gehört da noch alles hin? Für mich jetzt? Nicht für jemand anderen, sondern nur für mich? Noch immer kann ich es nicht aufschreiben.

Genügsamkeit ist, wenn ich mit sehr wenig zufrieden bin, keine (großen) Ansprüche stelle. Genügsam, anspruchslos, bedürfnislos sind sinnverwandt – das war es, was ich lernen mußte in der Therapie: Meine von mir unterdrückten Bedürfnisse, die ich bis zur Bedürfnislosigkeit verdrängte, ließen mich Anspruchslosigkeit und Genügsamkeit kultivieren … Eine Folge davon spüre ich noch heute. Es fällt mir schwer, meine Bedürfnisse zu erkennen, anzunehmen, zu äußern und bei Gelegenheit ihre Erfüllung auch mal einzufordern (das Schwierigste, weil ich da Ablehnung erfahren könnte).

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 16. März 2013 war die Arbeit an der alten Hausaufgabe, weil ich wenigstens in der Lage bin, vernünftig darüber nachzudenken und auf dem Weg zurück in genau diese Verhaltensweisen innezuhalten.

© 2013 – Der Emil. Text & Bilder stehen unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Genügsamkeit (Nº 076)

  1. leonieloewin sagt:

    Beeindruckend, dass Du den Mut hast, so offen über Dich zu schreiben. Vielen Dank. Ich wünsche Dir einen schönen Sonntag.

    • Der Emil sagt:

      Nun, die Bloggerei war der Anfang meiner Selbsttherapie, das hab ich schon mehrfach geschrieben. Und was mit Gier und Neid begann, geht hier mit der Genügsamkeit weiter.

      Vielleicht dringt hier auch mein (falscher!?) Wunsch durch, anderen die Depression zu erklären. Wenn ich es nur mit mir abmachen wollte, müßt ich das nicht öffentlich tun …

      Ach, ich weiß es doch auch nicht. Aber darüber zu schreiben und zu sprechen ist für mich mittlerweile normal.

  2. Frau Momo sagt:

    Sehr interessante Gedanken. Arbeitslos war ich auch lange, krank noch viel länger, aber wohl nicht genügsam. Vielleicht mit ein Motor, warum ich insgesamt fast ein Jahr Klinikaufenthalt auf mich genommen habe, um mich rauszuackern. Das Bedürnis nach Leben war letztlich doch stärker, obwohl ich dem Tod schon sehr nahe war.

    • Der Emil sagt:

      Ich hab ihn herausgefordert, den Gevatter …

      Bei mir jedenfalls gehörten Genügsamkeit, Anspruchslosigkeit, Bedürfnislosigkeit zur Depression wie Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Lustlosigkeit, Zügellosigkeit, Bewegungslosigkeit und Ruhelosigkeit …

  3. Ellen sagt:

    Danke.
    Du hast mit diesem Beitrag in mir viel ausgelöst, Emil, eine Selbstreflektion aus einem völlig anderen Blickwinkel…

  4. Inch sagt:

    Interessant. Danke, dass Du Deine Gedanken mit uns teilst. Und ich frage mich, wie viel von dem, was Du schreibst, ist auch der Erziehung geschuldet?

    • Der Emil sagt:

      Meiner Erziehung? Selbst wenn ich auf die damals in der DDR üblichen Bedingungen abstelle: eher wenig. Sehr wenig sogar. Ich hatte Wünsche, Träume, Bedürfnisse, von denen einige erfüllt wurden. Aber das alles war vor der Erkrankung …

  5. Amelie sagt:

    Unendlich offene Gedanken. Unendlich interessante Gedanken.
    Sich über die eigenen Bedürfnisse klar werden ist schwer. Du hast viel in mir angestoßen.

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