Seelenkilometer (Nº 067)

Ein neues Wort.
Und ein Bild, das ich vor Jahren benötigt hätte.

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Gabriel Barilly. Ja, aus diesem Buch hatte ich vor drei Wochen schoneinmal, allerdings akustisch, zitiert. Ich habe es noch immer hier zuhause, noch nicht in der Bibliothek abgegeben. Ich habe es ein zweites und ein drittes Mal gelesen.

Ja, es wird vielleicht zur “leichten”, “seichten”, vielleicht sogar zur “Trivial-”Literatur gezählt. Trotzdem habe ich ein neues Wort gelernt aus diesem Buch, hier, an dieser Stelle:

 

 

Lao-Tse hat gesagt: Der Weg ins Freie führt durch die Tür, warum nimmt niemand diesen Weg? Großartiger Satz, wirklich! Er zeigt uns, wie sehr wir der Einfachheit des Daseins Prügel vor die Füße werfen – andererseits: Ich habe lange nachgedacht über diesen Satz, um auf ihn eine Antwort zu finden. Sie lautet so: Selbst wenn man weiß, daß man nur durch die Türe zu gehen braucht – lebt man eben manchmal in einem riesigen, riesigen, fensterlosen, stockdunklen Raum mit der geistigen Grundfläche von tausend mal tausend Seelenkilometern, [Hervorhebung von mir] und das Schicksal hat und genau in der Mitte des Raumes abgesetzt und nicht gesagt, auf welcher Seite des Riesenraumes voller Stockdunkelheit sich die Türe befindet …

Ich werde Lao-Tse einmal bei Gelegenheit auf dieses Bild aufmerksam machen. Mal sehen, was ihm dazu einfällt. Noch dazu, wo es auch Räume gibt, bei denen die Tür in der Decke eingelassen ist und man erst eine Leiter holen muß – aus dem Keller!

Gabriel Barilly: Wer liebt, dem wachsen Flügel. S. 174 f. 4. Auflage Juli 1999
© 1999 nymphenburger in der F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München
ISBN 3-485-00809-5

 

 

Seelenkilometer. Überhaupt dieses ganze Bild des großen, stockdunklen Raumes: in der Therapie meiner Depression hätte ich es gut gebrauchen können. Damit wäre ich vom Bild mit dem tiefen, tiefen Loch weggekommen, in dem ich während der Depression so oft gesessen haben soll. Dann wäre mir der Weg aus der Depression heraus vielleicht nicht ganz so beschwerlich erschienen, weil ich nicht hätte klettern müssen.

Seelenkilometer. Ein “Gefühls”-Pendant zu den Denkmeilen? Das sind sie wohl nicht. Aber dieses Wort hat etwas angestoßen in mir. Eine feine Glocke mit einem erstaunlich tiefen Ton zum Klingen gebracht. Das Wort – oder der Ton – wabert in meinem Hirn hin und her. Es kreist. Wirbel aus Ideen und Ahnungen entstehen, diffus, nicht erklärbar, nicht formulierbar. Noch nicht.

Ich bin neugierig, was daraus entstehen wird.

Seelenkilometer

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 7. März 2013 war leckeres Essen: Numiroso, Salat, weiße Schokolade.

P.P.S: Heute Abend, am 08.03.2013 von 20 Uhr bis 21 Uhr, live im Radio Corax (95,9 MHz und im Stream): Buchfink. Literatur zum Hören.

© 2013 – Der Emil. Der Text, nicht aber das Zitat, steht unter Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Seelenkilometer (Nº 067)

  1. apfelesserin sagt:

    schönes wort „seelenkilometer“, ja. interessant auch dein hinweis auf das „loch / grube“, und welche wirkung es auf dich hatte während deiner depression. über die sprache geschieht vieles. worte besitzen kraft. auch wenn du damals das wort „seelenkilometer“ nicht kanntest, hast du es ja dennoch geschafft da durch zu kommen (durch die tür). und vielleicht wärest du nie auf dieses wort gekommen, hättest du die abkürzung genommen. es gibt ein schönes sprichwort, das lautet: umwege erweitern die ortskenntnis. ich weiß grad nicht von wem, – ich bin mir sicher, du hast auf diesen wegen eine menge gelernt.

    liebe grüße, apfelesserin

    • Der Emil sagt:

      Die einzige Abkürzung, die ich in der Depression kannte, war die auf die Schiene … Ich hab sie versucht und nicht gefunden, glücklicherweise.

  2. puzzle sagt:

    Manchmal hat man im Nachhinein noch das Gefühl, einem „Zauberwort“ begegnet zu sein; auch wenn du es „damals“ benötigt hättest, um den Weg als Weg zu begreifen und ihn darum zuversichtlicher zu gehen, so wie andere sich den ganz realen Jakobsweg vornehmen, ist es doch auch für die Rückschau ein befriedigendes Gefühl, das bis dahin „wortlos“ Errungene benennen zu können, und nun schön geordnet griffbereit zu haben für den weiteren Weg.
    Ich bedanke mich für das Veröffentlichen deiner Gedanken zu diesem Fundstück, denn ich kannte den Text auch nicht und damit nicht den Begriff. Der ghört aber unbedingt ins Erste-Hilfe-Köfferchen im Gespräch mit sichselbst und anderen.

    • Der Emil sagt:

      (Ah. Du erinnerst mich an etwas, das ich auch seit Jahren vor mir herschiebe: Den Jakobsweg.)

      Du hast recht, es ist ein Zauberwort; vielleicht nicht für alle … Es arbeitet noch in mir.

  3. Frau Blau sagt:

    Seelenkilometer … das wird jetzt auch in mir Raum nehmen! Ebenso das Bild des stockdunklen Raums, in dem man nur die Tür erahnen kann, wenn es sie denn gibt … ich gehe ja als olle Optimistin, die ich bin, davon aus, dass es sie gibt, aber wenn ein Mensch in der Depression verfangen ist, dann ist es wohl anders? Da bist du der Spezialist …
    auf alle Fälle schwebt mir eine Collage vor- mal sehen … wenn wirst du sie bestimmt entdecken 😉
    liebe Grüße Ulli

    • Der Emil sagt:

      Auch in der Depression weiß man, daß es etwas anderes gibt/gab, zumindest für alle anderen … Ich war „SELBST-LOS“: es gab kein selbst, kein richtiges Ich mehr, das in der Anstrengung des Kletterns einen Sinn gesehen hätte. Vielleicht wäre es leichter möglich gewesen, ebenerdig nach dem Ausweg zu suchen. Vielleicht …

  4. Sofasophia sagt:

    ja, das wort berührt auf besondere weise, mich auch.
    ich denk grad drüber nach, ob mir – wenn ich in den tiefsten kellern der depression sitze – auf botschaften wie dieses bild ansprechen kann. ob das ankommt. ich vermute, es kommt erst an, wenn ich bereits wieder auf der leiter stehe.
    man müsste vielleicht mal ein literarisches survivalkit für depressionen anlegen – als prophylaxe?

    herzlich, soso

    • Der Emil sagt:

      Siehst Du? Keller! Treppensteigen ist viel mühsamer, beinahe so mühsam wie Klettern, als einfach nur zu ebener Erde nach der Tür zu suchen …

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