9. Türchen, 2. Advent: Chorkonzert (#344)

“Das schlimmste Weihnachten” und seine Folgen

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(Ich schreibe ja nicht nur diesen Adventskalender, nein, ich kann wie immer nicht genug kriegen und schreibe auch für andere Weihnachtsvorbereitende Blogs. Zum Beispiel an Germanys next Kabinettsküchentisch. Schaut mal hin!)

 

Nicht immer lief an “meinen” Weihnachtsfesten alles so, daß eitel Freude herrschte. Dabei waren Enttäuschungen wegen unerfüllter Wünsche oder “falscher” Geschenke in der Kindheit beileibe nicht der tiefste Tiefpunkt. Der kam viel, viel später.

Ich begann mit 28 oder 29 Jahren schon vor meiner Konfirmation am 25.12.1995 – da war ich 32 Jahre alt – im Kirchenchor meines Heimatdorfes zu singen. Wie es dazu kam, ist eine ganz eigene Geschichte, die ich ein Andermal erzählen muß. Mein schlimmstes Weihnachtsfest bisher hatte dann aber mit genau diesem Kirchenchor zu tun.

Ein Jahr hatten alle geprobt, viel Mühe hinengesteckt in das Mozart-Requiem. Das war irgendwann zwischen 1997 und 2001 – ich weiß, daß diese Information noch irgendwo bei mir zu finden sein muß, bin aber gerade zu faul zum Suchen. Für den ersten Weihnachtstag war die Aufführung geplant. Noch zur letzten Probe, bei der auch die Orchestermusiker dabeiwaren, sang ich mit; dann war meine Stimme weg. Kein Ton, kein Krächzen, kein Wort – ich konnte nur noch mit den Händen reden …

Die absolute Katastrophe, dachte ich, und wollte auch vor Scham im Boden versinken. Kann ja nicht sein, daß ich den Chor hängen lasse!? Schlimm. Wirklich schlimm war das. Und: Es war Weihnachten, wo doch alles immer gut und schön ist, alles so funktioniert, wie es gewünscht wird. Dieses Weihnachtsfest war mir in dem Moment vollständsig verdorben, als meine Stimme versagte, als ich versagte.

Zum Konzert ging ich dann trotzdem mit. Ich saß, die Tränen mühsam unterdrückend, auf der Empore und konnte nur zuhören. Wenigstens wollte ich hören, was auch mein Stück gewesen wäre, was auch ich mitsingen wollte (im Tenor, dessen Höhen mir als Bariton ziemlich schwerfielen – aber in einem kleinen Kirchenchor sind dreieinhalb Tenöre besser als zwei).

Es war schrecklich, nur dazusitzen; es war schön, diese Musik zu hören und zu wissen, ich kann das alles auch. In meinem Kopf hörte ich mich ja mitsingen!

Und hier noch das “Rex Tremendae”, mein Lieblingsteil aus Mozarts Requiem Messe in d-Moll:


Und da saß ich, zweifelte an Gott und der Welt. Haderte mit dem Schicksal. Aber es klang! Besser, als wir alle befürchtet hatten. Nicht wie ein kleiner popeliger Kirchenchor, sondern gut. Richtig gut. Mag sein, daß die besondere Atmosphäre einer Kirche zur Weihnachtszeit einen gewissen Anteil daran hatte. Doch der Klang versöhnte mich mit meinem Schicksal.

Aber: An diesem Tag begriff, erfaßte, spürte ich etwas: Die Kraft der Musik. Und so wurde dieses Schlimmste aller meiner Weihnachtsfeste eines, das bis heute nachwirkt in mir und damit doch nicht so schlimm war, wie es mir zu Beginn des Konzertes noch erschien.

 

Eure Vorweihnachtszeit soll eine sinnliche, besinnliche und freudenvolle sein.

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 8. Dezember 2012 war die Einlösung eines Versprechens.

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Über Der Emil

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0 Kommentare zu 9. Türchen, 2. Advent: Chorkonzert (#344)

  1. piri ulbrich sagt:

    Musik ist ein ganz wichtiger Stimmungsträger. Musik trägt. Musik macht Stimmung. Besinnliche und andere. Nicht singen zu können, ist auch für mich schwer zu ertragen. Aus genau diesem Grund werde ich sobald wie möglich wieder in den Chor gehen… Musik gibt Kraft auch in schweren Stunden.

    • Der Emil sagt:

      Zu singen habe ich nie wieder aufgehört. Im Chor, dann hier auf der Straße oder bei Folk-Sessions, zuhause oder beim „Freien Singen“ (auf einer Wiese, wer Lust hat, geht hin und singt mit).

  2. Inke Meier sagt:

    Ich liebe das Requiem von Mozart. Aber ist es nicht ungewöhnlich das zu Weihnachten zu singen? Es ist sicher total blöd wenn einem die Stimme wegbleibt….Danke für den link!
    Ich find deine Texte mit den Weihnachtserinnerungen sehr gut, sie wecken Erinnerungen….

    • Der Emil sagt:

      Wir haben ein Chorkonzert veranstaltet – irgendwie war der Termin wohl anderen terminlichen Verpflichtungen geschuldet. Es ist schwer, so viele Freiwillige zu anderen Zeiten unter einen Hut zu bringen, vielleicht lag es daran.

      Klar, es ist eine Totenmesse. Aber es ist auch wunderschöne Musik, warum soll man die nicht zur Weihnachtszeit hören und singen dürfen?

  3. nextkabinett sagt:

    Ach, das ist eine traurige Geschichte, bester Emil. Man kann viel spekulieren über Stimme und Psyche usw. Doch das mag ich nicht tun. Du gehst ja jetzt zum Radio, dort hast Du ja auch viel mit Stimme und Klang zu tun, anders zwar und auch darüber könnte man viel differenzierter schreiben … vielleicht findest Du ja doch wieder zu einem Chor und heute sind ja Deine Dispositionen ganz anders als damals. Ich würde spekulieren wollen, dass Deine Stimme heute nicht wieder vesiegen würde …

    Danke für den Hinweis auf unser gemeinsames Adventkalenderchen … Heute sogar ein Artikel allein von Dir … Emil im Land der Weihnachtskugeln

    • Der Emil sagt:

      Es war, glaube ich, einfach eine Überlastung des Stimmapparates.Denn selbst als es mir richtig schlecht ging, habe ich gesungen …

      Und Chor: Ich habe da ganz eigene Pläne 😉

  4. Himmelhoch sagt:

    Ein wenig kann ich mir vorstellen, wie du dich gefühlt haben magst, als du so ungewollt auf die Zuhörerbank verbannt wurdest.
    Ein wenig wundert es mich nur, dass ihr Weihnachten ein Requiem gesungen habt, was ja im Grunde genommen eine Totenmesse ist – oder irre ich mich da an einer Stelle?
    Eine schöne, stimmhafte Zeit wünsche ich dir

    • Der Emil sagt:

      Ja, das Requiem ist eine Totenmesse. Und wir haben es nicht zum Gottesdienst gesungen, sondern in einem extra anberaumten Chorkonzert. Der Kantor war ziemlich umtriebig und einiges auf die Beine gestellt.

      Heute habe ich schon laut gesungen, an der Bushaltestelle.

      • Himmelhoch sagt:

        Als Gegenprogramm zu dem sonst überall üblichen Weihnachtsoratorium? – Oder war es bestellt von einer Familie. Es leuchtet mir immer noch nicht ein, warum man zu Christi Geburt eine Totenmesse singt.

        • Der Emil sagt:

          Keine Bestellung. Nur ein Konzert. (Evangelisch übrigens, daher sowieso keine Messe).

          Es war Musik um der Musik willen, ganz einfach. Ohne andere Gründe.

  5. Sofasophia sagt:

    grad muss ich an einen meiner lieblingsfilme denken: as it is in heaven. aus schweden. wie musik herzen öffnen kann.
    sehr zu empfehlen!
    herzlich, soso

  6. Pingback: 9. Türchen, 2. Advent: Chorkonzert (#344) | Germanys next Kabinettsküche

  7. Gabi sagt:

    Kann Deinen damaligen Frust sehr gut verstehen. Es ist schlimm, wenn man gerne singt und aus welchen Gründen auch immer, nicht kann.
    Das Requiem werde ich mir gerne einmal anhören, nur momentan hab ich keinen Kopf dazu.
    LG Gabi

  8. minibares sagt:

    Hey, das Requiem von Mozart haben wir auch gesungen. Das ist ein ganz besonderes Werk. Diese Stimmungen darin, die finde ich so großartig.

    Bei mir war es eine Kehlkopfentzündung, die mich verzweifeln ließ. Wir hatten die Schöpfung geprobt, und meine Kehlkopfentzündung verzog sich einfach nicht. Dann bekam ich endlich das OK vom HNO-Arzt, da machte mir ein Zahn Probleme.
    Aber ich konnte doch mitsingen, Ich war vielleicht happy!

    Nur 2 bis 3 Tenöre, das ist wirklich mager. Solche Zeiten hatte unser Chor auch mal.
    ich kann deine Enttäuschung echt nachvollziehen.

    • Der Emil sagt:

      Und – jetzt sag ich es mal frei von der Leber weg – meiner Meinung nach paßt genau diese Stimmung auch zu Weihnachten, rein von der Musik her …

      • Gabi sagt:

        Ich hab es mir jetzt angehört und finde es wunderschön. Und auch ich denke, dass es sehr wohl zur Weihnachtszeit passt.
        lg Gabi

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