Herbstgedicht (#269)

Von einem vergessenen (?) Dichter

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Alfred Henschke. Geboren am 04.11.1890 in Crossen an der Oder, verstorben am 14.08.1928 in Davos; lange Zeit seines kurzen Lebens machte ihm die Tuberkulose zu schaffen.

Im Literaturunterricht habe ich von ihm gehört und gelesen, irgendwann in der achten bis zwölften Klasse. Wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Zeitschrift Simplicissimus und/oder Die Weltbühne. Dort hat er immerhin noch vor dem ersten Weltkrieg veröffentlicht.

Im Schulunterricht der DDR tauchte er wohl auch auf, weil er sich im Laufe der Zeit vom Kriegsbefürworter (1914) zum Kriegsgegner wandelte und 1917 einen offenen Brief (mit der Aufforderung zur Abdankung!) an Kaiser Wilhelm II. schrieb, der in der Neuen Zürcher Zeitung veröffentlicht wurde.

Aber hier erstmal sein Herbstgedicht:

 

 
 

Gang durch den herbstlichen Wald

Es kommt der Herbst. Die Luft saust kalt.
Kein lieber Gott geht durch den Wald.
Ein alter Mann von siebenzig
Sucht Feuerung für den Winter sich.

Auch unser Herz ist ausgeloht,
Und etwas Feuerung täte not.
Wie runzlig blickt das ganze Land
Und riecht nach Fäulnis penetrant.

Im Sand verrinnen allgemach
Der Wittels- und der Fechenbach.
Im Moor, dort, wo man stach den Torf,
Verfällt das alte Ludendorff.

Mit Halali und mit Geheil
Nimmt an der Ebertjagd man teil.
Wer jetzt nicht liebt Sang, Weib und Wein –
Fest steht und treu der Schacht am Rhein.

Man leert die Hosentaschen aus.
Kein Rentenpfennig drin, o Graus.
Versuch’s und stell dich auf den Kopf:
Ach, kein Gedanke drin, du Tropf!

Verdreckt, verreckt, verhurt, verlumpt –
Wer, der uns noch ’nen Taler pumpt?
Es bringt der allgemeine Dalles
Noch Deutschland, Deutschland unter alles.

Du kleines Köhlermädchen, sei
Im Moose meine Herbstesfei.
Der Regen rinnt. Es weint der Wind,
Weil wir so schrecklich einsam sind.

Es kommt der Herbst. Die Luft saust kalt.
Ein Schauer streicht durch Welt und Wald.
Gib mir den Mund. Komm zu mir her.
Umarme mich. Mich friert so sehr.

Quelle: Klabund: Gang durch den herbstlichen Wald. Projekt Gutenberg.

 
 

 

Ja. Klabund schrieb das Gedicht. Erschienen ist es 1927 im Buch «Die Harfenjule».

Es paßt zum Herbst. Es paßt zur heutigen Zeit – wieder zur Zeit. Nur, daß es heute nicht um Wittelsbach, Ebert, Ludendorf und Fechenbach geht, sondern um Westerwelle, von der Leyen, Rösler, Bahr, Schröder, Merkel, Friedrich, Schäuble und wie sie noch alle heißen.

Und es heißt nichtmehr «Deutschland unter alles», sondern “Finanzmarkt über alles”. Und den Taler kann man ganz einfach durch den Euro ersetzen.

Eines hab ich noch. Der Dalles, der im Gedicht in der sechsten Strophe vorkommt, ist nach meinem Duden ein westfälisch umgangssprachlicher Ausdruck für “Not, Armut” (Der Große Duden. Wörterbuch und Leitfaden der deutschen Rechtschreibung. S. 111; 15. Auflage. Hrsg. von Horst Klien. 1966 VEB Bibliographisches Institut Leipzig).

Fünfundachzig Jahre sind vergangen, seit das Gedicht im Buch erschien. Fünfundachzig Jahre, nach denen das Volk noch immer stöhnt und jammert – zu Recht, meiner Meinung nach – über eine unfähige und unsoziale Regierung. Aber: Ist in der Legislaturperiode des Bundestages nicht auch gerade Herbst, beinahe schon Winter? Und nächstes Jahr dürften wir wählen (zwischen Teufel und Beelzebub, zwischen Pest und Cholera)?

Aber wie sollen wir wählen? Es gibt ja kein grundgesetzkonformes Wahlrecht. Und das sagt genug über diese Demokratie

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 24. Speptember 2012 war die Wiederentdeckung eines beinahe vergessenen Schriftstellers.

Klabunds Gedicht ist mittlerweile gemeinfrei. Für den Rest gilt :
© 2012 – Der Emil. Der Text steht unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Herbstgedicht (#269)

  1. Himmelhoch sagt:

    Du hast entweder ein besseres Gedächtnis oder Halle hatte einen anderen Lehrplan als Görlitz – mir sagt der Name nichts, obwohl ich mit der Zeitschrift „Simplicissimus“ noch was anfangen kann.

    • Der Emil sagt:

      1977 bis 1982 … Vielleicht auch im Abi. Aber es kann an der unterschiedlichen Zeit liegen.

      • Himmelhoch sagt:

        Vielleicht hatten die Lehrer auch einen gewissen Spielraum. Ich hatte im mündlichen Deutschabi „Mario und der Zauberer“ politisch nicht so gut interpretiert, so dass mir meine eins, die ich 12 Jahre lang in diesem Fach gehalten habe, im Abi verloren ging. – Aber meine Deutschlehrerin mag ich noch heute, obwohl sie nicht mehr lebt.

        • Der Emil sagt:

          Da muß ich jetzt allerdings gestehen, daß ich an den Spielraum der Lehrer glaube. Denn in der EOS im Nachbarort, bei meiner Freundin, wurden andere Dinge gelesen als bei uns.

  2. Ich kannte den Dichter gar nicht. Aber ich bin begeistert, das war damals wahr und ist heute wahr. Ich bin grad mal zum Online Kaufhaus gucken gegangen und habe mir den Gedichtband gekauft. Schön! LG Gabi

  3. Da fröstelt es einen gleich beim Lesen. Huuuh. Trotzdem bin ich mit Blick auf unsere Zeit doch etwas optimistischer. Auch wenn es immer noch (oder wieder) zu viel soziale Kälte gibt.

    Danke fürs Ausgraben.

  4. Elvira sagt:

    Oh! Während ich das Gedicht las, fragte ich mich, ob es nicht zeitlos ist. Und dann las ich Deine Gedankengänge, und ja, es ist zeitlos. Es ist gut, dass Du dem Gedicht einen Raum gegeben hast, ich würde gerne darauf verweisen. Die Zeilen haben mich bewegt!
    Liebe Grüße von Elvira

  5. Pingback: Ein zeitloses Gedicht | Quilt-Traum

  6. Frau Blau sagt:

    nein, dieser Herr ist mir auch nicht bekannt und ich freue mich doch immer wieder über unser Bloghausen, da lernt man so manchen kennen…
    und was du zum heute schreibst, was soll ich da noch hinzufügen, außer einem großen JA… leider 🙁

    • Der Emil sagt:

      Jetzt beginne ich wirklich zu grübeln, woher ich Klabund kenne – ich war der festen Überzeugung: aus dem Lteraturunterricht. Aber ich fühl mich grad so, als wär ich der Einzige, der ihn kennt!?

  7. piri ulbrich sagt:

    Klabund ist (bei mir) nicht vergessen, aber ich habe auch einen Faible für alte Dichter der Jahrhundertwende. Nach Davos ist er gekommen, weil er Tuberkulose hatte und diese dort auskurieren wollte.

    Dieser Sommer war
    Voll wie hundert Jahr,
    Die des Gottes Gnadenblut durchdrang.
    Schenke sein Geschick
    Unsrem Kind ein Glück
    Viele, viele, viele Sommer lang.

    Ist das nicht schön?

    • Der Emil sagt:

      Auch Dir mein Dank.

      Klar ist das schön, wie auch

      Tango

      Tango tönt durch Nacht und Flieder.
      Ist’s im Kurhaus die Kapelle?
      Doch es springt mir in die Glieder,
      Und ich dreh mich schnell und schnelle.

      Tango – alle Muskeln spannt er.
      Urwald und Lianentriebe,
      Jagd und Kampf – und wie ein Panther
      Schleich ich durch die Nacht nach Liebe.

  8. pantoufle sagt:

    Immer wieder schön, dem Dichter über den Weg zu laufen. Jetzt also auch hier 🙂
    Von den vielen Vielen, die sich `14 den Bazillus Patriotismus einfingen, genas Klabunt überaschend schnell davon. Andere Mitarbeiter (und nicht nur die) der damaligen Schaubühne brauchten erheblich länger dazu.
    Aber allein in diesem Satz liegt schon eine falsche Wertung. Die Nachgeborenen wissen es natürlich alles besser. Heutzutage wäre es natürlich vollkommen unmöglich, so laut Hurra zu schreien – und auch noch daran zu glauben. Zum Glück sind wir ja viel schlauer.

  9. pantoufle sagt:

    Na hömal! Wer so wie ich mit dem Kopf im 19. Jahrhundert steckt, während der Arsch im 21. festklemmt…
    Einen schönen Tag wünsche ich Dir noch
    das Pantoufle

  10. monisertel sagt:

    Hallo Emil,
    beeindruckend zeitlos!!!!
    Da fängt man an nachzudenken, zu grübeln, zu überlegen…..
    Lieben Gruss
    moni

  11. Rana sagt:

    Na, heute ist wohl „Gedichtetag “ im Bloggerland. Bei mir ist heute Herr von Ribbeck zu Gast (Zufälle gibt´s oder auch nicht…)
    Liebe Grüße von Rana

  12. Sofasophia sagt:

    von klabund habe ich wohl noch nichts gehört? vielleicht weil ich nicht aufgepasst habe oder weil er in der schweiz (obwohl in davos gestorben) nicht soo bekannt ist. deine interpretationen haben fleisch auf den knochen.
    ich danke dir für den input.
    herzlich, soso

    • Der Emil sagt:

      Ganz ehrlich: Ich habe Angst, daß es vielen Künstlern so gehen wird. Sie geraten in Vergessenheit. Spätestens dann, wenn das ihnen eigene Medium nicht mehr existiert.

      • Sofasophia sagt:

        so wird es sicher gehen. das ist, sage ich mal ganz pragmatisch, der lauf der zeit. die sache mit der vergessenheit … wir alle (alle, nicht nur die künstlerisch tätigen) wollen doch irgendwelche spuren hinterlassen. wollen unvergessen bleiben. wollen geschichte schreiben, die welt verändern (zum guten) … hm. ich frage mich manchmal schon, was wir – und ob wir etwas – aus der geschichte gelernt haben.
        melancholische herbstgrüsse
        soso

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