Kunstpreisgedanken (#213)

Das ist kein Bild.

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Das sitze ich mit diesem Brief in der Hand am Tisch in meinem Atelier und schau mich um. Und ich sehe: Nichts. Jedenfalls nicht viel. Also fast nichts. Von dem, was ich mir vorgenommen hatte. Für dieses Jahr. Wirklich. Da ist Nichts, bestenfalls viel zu wenig, wenn denn überhaupt etwas sei.

Zwei, ganze zwei Bilder sind fertig. Hier türmen sich die papiernen Skizzen übereinander, dort häufen sich die Kreidereste. Auf den Staffeleien – ich leiste mir den Luxus von drei großen Staffeleien – unter dem Oberlicht würden sie sichtbar, wenn ich die Tücher abnehmen würde: Meine untauglichen Versuche, das Morgenlicht dort unten am Bach zu malen.

Ja, meine Schwester hat mir diese Fotokamera dort geschenkt. Damit soll ich ablichten, was ich später malen möchte. Ich könnte mir dann ständig am Computer ansehen, wie ich etwas zu “zeichnen” – sie hat wirklich “zeichnen” gesagt! – versuchen (!) soll. Nein, so geht das nicht.

Keine Ahnung hat diese Kunstbanausin von der Kunst. Vom Malen, davon, was ein gutes Bild ausmacht! Nein, ich kann nicht einfach vorm Bildschirm sitzen und dann das dort Gesehene malen, da fehlt mir der Geschmack der Morgenluft, der Hauch des Windes, das Konzert all der Geräusche. All das muß doch in meine Bilder mit hinein! Das kann ich nicht mit einer Maschine festhalten, mit einer Maschine wiederherstellen, um dann von der Maschine alles auf die Leinwand zu übertragen.

Schwesterherz hat ja keine Ahnung, wirklich keine Ahnung, was die Kunst beim Malen ist. Wie schwierig es ist. Sie macht es sicht leicht! Nimmt ihre Digitalkamera, macht Aufnahmen (eben, Aufnahmen, keine Bilder). Dann wurstelt sie mit einem Computer, mit einer Maschine herum und läßt das Maschinenergebnis drucken (Ha! Drucke also! Minderwertige Drucke! Keine Bilder!) am Ende.

Und das, was Maschinen geschaffen haben, das wird dann wie Bilder in Galerien gehängt. Was für eine Kunst kann das sein, wenn dort nur zu sehen ist, was Maschinen geschaffen haben? Eine Bremsscheibe neben einem Stück Doppel-T-Träger neben einer Küchenrolle und einem Schneebesen und einem Druck. Das soll dann Kunst sein.

Und nun hab ich diesen Brief in der Hand, mit dem sie mich wiedereinmal nur verhöhnen will? Diese Einladung. Nach Potsdam, zur Verleihung eines Kunstpreises. Von der Lottogesellschaft. Naja, Glücksspiel eben, da kann der Preis nicht viel wert sein. Und den soll sie für ein Foto bekommen, daß sie im Februar hier gemacht hat. Ich weiß es noch, ich hatte damals gerade das “Eisblatt” fertig und mit dem “Märzenmorgen” begonnen. Als ich ratlos vor der halbleeren Leinwand stand, hat sie mich und mein unfertiges Gemälde fotografiert.

Und dieses Foto, denn das ist kein Bild, dieses Maschinenprodukt bekommt den Preis, naja, also meine Schwester. Nicht ich, der ich auf dem Bild so bravourös meine Verzweiflung darzustellen vermochte …

 

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 30. Juli 2012 war die fertiggestellte Sendung.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Kunstpreisgedanken (#213)

  1. Elvira sagt:

    Ach, der arme Künstler

  2. Sofasophia sagt:

    lieber emil
    ich ermutige dich hiermit, das ganze (also die digitale kunst, nenn mich banausin) mit neuen, anderen augen zu betrachten. was immer du für ein kunstverständnis hast, es ist nur eine möglichkeit darüber zu denken. meinetwegen ein paar. aber nicht alle. nie alle. ich finde es schade, dass sich die verschiedenen kunstschaffenden in bezug auf die bevorzugten techniken nicht offener begegnen. ich mag vermischungen, interdisziplinarität in allen möglichen bereichen.
    aber gell, ich habe ja nun wirklich von den bildern deiner schwester keine ahnung.
    ich ermutige dich dennoch, deinen blick zu weiten. dann mag der frühlingswind, das sommermorgenlicht oder was immer dich bewegt, auf einmal auf deiner leinwand landen.
    neid oder missgunst sind da sicher kein wirklich befreiender weg.
    viel inspiration wünsche ich dir
    herzlich
    soso

  3. Gudrun sagt:

    Siehste, so ist das manchmal. 😀
    Meine Tochter hatte Langeweile, fotografierte das Deckenkonstrukt im Allee-Center Leipzig mit dem iPhon und schickte das (auch vor Langerweile) an das Fahrgast-TV in den Leipziger Bussen und Bahnen. Und was passiert? Sie ist eine Auserwählte.

  4. Inch sagt:

    Die Welt ist sooo ungerecht! Echt mal!

  5. piri ulbrich sagt:

    Oh, da bin ich aber ganz anderer Meinung. Hast du mal richtige Fotografien angeguckt? Das kann große Kunst sein. Ich denke jetzt gerade an Martin Hesse und Lotte Jacobi und … Ach, mir fallen noch so viele ein!

  6. minibares sagt:

    Tja, auch Fotografieren kann Kunst sein. Das ist inzwischen bekannt.
    Male du, ich fotografiere weiter. ich habe zum zeichnen oder malen üüüüberhaupt keine Begabung.

  7. oh, ich würd das Bild aber gern mal sehen. ;-))

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