Glauben an das Gute im Menschen
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Runtergeschrieben damals in der Tagesklinik, Anfang November 2011. Hervorgekramt aus einem kleinen schwarzen Büchlein, in dem ich heute mein Vierteljahr nachlas.
Glauben an das Gute im Menschen
Schreiben. Schreiben. Schreiben. Für mich.
Gegen die Ohnmacht. Gegen das Chaos im Kopf. Gegen das Dunkel in der Seele. Gegen die Leere im Herzen.
Gegen die Angewohnheit, von allem im Nachhinein nur das zur Bewertung zuzulassen und heranzuziehen, das abwertet. Beispiele? Bittesehr:
- Eine wirklich erfüllende Arbeit mit gutem Lohn – aber ein Kollege ist ein Arschloch: Die Stelle ist einfach nur Scheiße.
- Ein wunderbares Buch, spannend und unterhaltsam – vier grobe Druckfehler auf Seite 382: Ein grottenschlechter Roman.
- Ein sparsames Auto, vier Jahre ohne Defekt – am Morgen der Urlaubsfahrt springt es nicht an: So eine elende Schrottkarre.
- Zweieinhalb Wochen Sonnenschein beim Camping auf Ummanz – dann zwei Tage Regen: Drei Wochen Zelten bei Mistwetter.
Woher dieses Abwerten? Wieso sind winzige Momente genug, um alle positiven Erfahrungen – zum Teil sogar aus Jahrzehnten – ungeschehen zu machen?
Der Glaube an das Gute im Menschen: Von wem wurde er mir ausgetrieben? Verlor ich ihn urplötzlich? Verschwand der eine Glaube mit dem anderen? Wieso ist dann die Rückkehr zum Glauben an “Gott” einfacher als die zum Glauben an das Gute im Menschen?
Ah: “Gott” persönlich hat mich nie enttäuscht, nie verletzt. Und wenn ich genau das annahm, so hatte ich mich nur geirrt, nicht verstanden.
Wenn ein Mensch mich enttäuscht, mich verletzt, so tut er das bewußt und mit Absicht. Menschen tun nämlich alles bewußt und absichtlich, verfolgen doch mit allen Handlungen und Aussagen ein Ziel. Und was ein einziger Mensch tut, das tun doch alle; und alle haben dieselbe Absicht.
Denn alle Menschen sind gleich.
Zumindest alle anderen Menschen, denn ich, ICH bin anders!
Jawohl, ich bin die Ausnahme! Ich bin nur sauer auf die, die mir Böses wollen, die mir in die Quere kommen, die mir widersprechen und uneinsichtig sind.
Ich sehe doch garnicht ein, wieso ich DIE anders behandeln soll als die es mit mir tun.
Das Gute im Menschen …
In mir gibt es das noch, aber das ist ja das Gute in mir. Wie ich schon schrieb, ich bin anders.
…
Moment mal …
Oben schrieb ich doch auch, daß alle Menschen gleich sind?
Oh!
© 2011 – Der Emil. cc by-nc-nd
Scheint zum Teil noch immer aktuell zu sein. Daß mir der Glaube an das Gute im Menschen manchmal fehlt.
Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.
P.S.: Positiv am 5. Juli 2012 war die nachgelesene Gewißheit, daß sich seit einem halben Jahr vieles verbessert hat, und der daraus gewonnene Mut, nicht aufzugeben.
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über diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse können in meinem Blog erfragt werden.
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Dass ein einziger unangenehmer Arbeitskollege einen ansich guten Job schlecht macht, kann ich nachvollziehen.
Das Druckfehlerbeispiel und das Auto – hast Du wahrscheinlich selbst revidiert in dem halben Jahr.
Hat aber was, die Idee mit ein wenig Schlecht in viel Gut, was zu einer Gesamtschlechtbewertung führen kann.
Mir ist spontan das Wort Pufferlösung eingefallen aus dem Chemieunterricht. Eine Flüssigkeit hat die Möglichkeit, eine ganze Weile saure oder basische Teile „zu verdauen“, ohne dabei ihren PH-Wert zu ändern. Vielleicht die Fähigkeit zur Ausgeglichenheit auf Molekularer Ebene. Beim einen Menschen ist die Pufferung geoß, beim anderen klein.
Gestern hab ich mich wie-lange über die Radwegebeschilderung zwischen Sandefjord und Tönsberg geärgert. Wenn ich eine Aussage hätte machen sollen über das norwegische Radwegnetz, wäre es ungerechter Weise negativ ausgefallen:
Ein 1000 km langer Fernradweg, gut beschildert, aber bei km 342 fehlt an entscheidendes Hinweisschild 🙂
Emil, ich hoffe, Du lässt es Dir gut gehen heute, wenigstens in dem Moment, der für die Einschätzung, wie der Tag denn verlaufen ist, ausschlaggebend ist.
Das Gemeine an diesem ganzen Bewertungsdilemma ist ja: Hab ich einmal mit dieser Abwerterei angefangen, dann hab ich schlechte Laune und die Abwerterei geht schneller und wird schlimmer, was dann die Laune schlechter macht, weswegen die Abwerterei etc. etc. pp.
Guten Morgen Emil, manchmal verletzten Menschen einen weil sie dich nicht verletzten wollen. 🙁 liebe Grüße und einen schönen Tag, deine Steff
Oh ja. Das kenn ich. Das kenn ich zur Genüge …
Mir scheint auch, dass der „Denkfehler“ in dem Absatz ist:
Wenn ein Mensch mich enttäuscht, mich verletzt, so tut er das bewußt und mit Absicht. Menschen tun nämlich alles bewußt und absichtlich, verfolgen doch mit allen Handlungen und Aussagen ein Ziel. Und was ein einziger Mensch tut, das tun doch alle; und alle haben dieselbe Absicht.
Weil nicht alle Handlungen ein genaues Ziel haben bzw. manche Dinge getan werden ohne so gewollt gewesen zu sein und weil doch bei aller Gleichheit alle Menschen auch Verschiedenheiten haben.. ist es Käse, DIE MENSCHEN als solches zu verdammen.
Richtig. Das ist der Denkfehler. Der ist so typisch für Depressive und / oder Borderliner … Und ich ertappe mich heute noch dabei, zu diesem Fehler Anlauf zu nehmen 😉
Das kommt mir alles sehr vertraut vor. Das Gefühl von Verletzheit, das immer wieder auftaucht.
Lieber Emil, im Moment kann ich das sehr gut nachfühlen. Ich glaube wenn man/frau es schaffen kann sich gut abzugrenzen, dann erlebt man diese Tiefschläge nicht mehr so sehr. Ein ewiges Thema auch bei mir. Wie lasse ich mir ein dickeres Fell wachsen, so dass ich noch sensibel bin aber nicht jedes Nahetreten als Verletzung erlebe. Oder wie lasse ich meinen Gegenüber deutlich spüren, dass hier Stopp ist? Kann ich das? Und wenn es mir mal wieder nicht gelingt?
Ich glaube inzwischen dass Abwertungen ein Ziel verfolgen. Gut wäre es einen Spiegel als Schutzschild mit sich zu tragen, damit die Abwerter ihr Eigenes darin gespiegelt sehen.
Ich wünsche Dir einen „guten Tag“. Und jetzt habe ich ein Bild vom davonschleichenden Emil im Kopf, dank Gudrun. 🙂
Es geht mir (und ging mir) in dem Text nur nebenbei um Tiefschläge durch andere Menschen. Viel wichtiger ist die Frage, wieso ich damals (und vor der Klinik) gute Zeiten, wirklich gute Zeiten in der Rückschau durch winzige Details vollständig abwertete. Ein Beispiel war eben ein Zelturlaub auf der Insel Ummanz; ich ereinnere mich zuerst an das Mistwetter, die ganze Urlaubszeit lang Mistwetter, und muß im Gedächtnis kramen, um den Ausflug nach Putbus, die Radtour um die Insel Ummanz, die Abende am Lagerfeuer wiederzufinden. Das herrliche Konzert war vergessen, weil ich mir auf dem Heimweg den Fuß aufs heftigste verknackste.
Dieser Mechanismus – all das Wunderbare verschwindet hinter einem winzigen Mißgeschick – ist es, der mich interessiert: wieso ist das Abwerten so weit verbreitet, so wichtig, so automatisch? (Ich glaube, zu DDR-Zeiten war das bei mir noch nicht so.)
Ach so, ja da habe ich wohl das rausgelesen was mich grade so beschäftigt.
Ich weiss nicht recht, vielleicht sind es ja auch manchesmal Unzufriedenheiten die dadurch Raum gewinnen als Projektionen. Als „alte verinnerliche Botschaften“. Dann überlagern die negativen Dinge. Ich finde aber auch dass der Fokus durch alltägliche Botschaften, welche das Radio, Fernseh, Zeitung an Nachrichten und Politik vermittelt, sehr negativ beeinflussen. Oder wieviel Positiv-Formulierungen erhalten wir über diese Medien? An manchen Tagen, lasse ich deshalb das Radio/Fernseher aus um diese Quelle auszuschalten. Wenn man zuviel Negativ-Botschaften erhält, dann färbt das ab.
Aber um ehrlich zu sein, an manchen Tage suche ich auch Problemseiten – als würde ich
diese brauchen. Dann merke ich, diese Situationen sind mir sehr vertraut. Das Glück ist nicht immer leicht zu verdauen. Und manchesmal auch ängstliches Neuland.
Und manchesmal sind es auch depressive Verstimmtheiten. Die warum auch immer auftauchen. Dann hilft nur frische Luft, Ablenkung, Knipskiste auf Objektsuche einstellen oder so. Da hat wohl jeder seine eigene Strategie. Und der Entwertungsspirale ein Stop setzen.
Da sagst Du was: depressive Verstimmtheiten … Bei mir kommt die Depression immer mal wieder und klopft mehr oder weniger stark an die Tür (wenn ich nicht fest genug alles verrammelt habe, kommt sie auch mal rein). Und die Abwärtsspirale läuft im Hochbetrieb.
Ja! Stimmt! Wenn die Ab-/Entwertungen zunehmen, dann läuft sowieso die Abwärtsspirale: Aha. Ein (neues) Anzeichen, auf das ich achten kann. Dann schalt auch ich die Ohren und die Knipskiste auf Inspirations-/Motivsuche und versuche, mich damit festzuhalten oder wieder hochzukämpfen.
Es sind die Erfahrungen im Leben, die die Hoffnung auf das Gute im Menschen allmählich schwinden lassen. Man betrachtet alles etwas distanzierter, bis man selbst ein wenig offener wird. Ich will auf die Menschen zugehen, ihnen Vertrauen schenken, doch der Weg dahin kostet Zeit und Überwindung. Ich bin ein Beobachter! Man möchte sich nicht schaden und ist vorsichtig. Vorsichtig in allen Lebenslagen! Zum Beispiel wird einem manchmal etwas so schmackhaft gemacht, dass ich mir stets die Frage stelle: „Irgendwo muss doch ein Haken zu finden sein!“ Da passt das Sprichwort: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“
Wir leben in einer egoistischen leistungs- und profitorientierten Gesellschaft, in der sich jeder behaupten will und auf sich selbst bedacht ist; und wenn der Gutmensch einen Finger reicht, verliert er alle. Man muss aufpassen. Ich denke, dass die Menschen sich deswegen so sehr ähneln, weil jeder besser sein will. Ganz besonders die deutsche Bevölkerung ist erfüllt von Neid und Missgunst, das spiegelt sich auch in der Politik wieder. Einer sagte mal zu mir: Bewahre dein Wissen und deine Ideen, bevor jemand anderes davon profitiert und du dabei leer ausgehst.
Was ich wichtig finde ist, dass man sich niemals für andere verbiegen soll, und mit stolz erhobenen Haupt nach vorne blickt.Man weiß, was man ist, und gerade der Gutmensch, darf sich nicht unterkriegen lassen. Er muss für seine Rechte und sein Vorankommen kämpfen.
„Ich denke, also bin ich.“ René Descartes
Viele liebe Grüße,
Tanja
Gutes durch das Schlechte abwerten. Bei mir ist es anders. Ich erinnere mich meist zuerst an die wenigen guten Erlebnisse, wahrscheinlich weil die Schlechten überwiegen. Alles andere versuche ich weitestgehend zu verdrängen.
Verstehe Deine Gedankengänge (?), bin aber nicht der Richtige um darauf zu antworten…
LG, Petra
Hm. Manchmal glaube ich, daß Du das auch an Dir bemerkst, dieses Abwerten …
Jupp.ich bin der Großmeister!!!
Zu diesem Titel möchtest Du gewiß keine Gratulation, oder?
Und noch immer grübele ich an dem Wieso/Warum/Wozu herum.
Seit meinen eigenen Klinikzeiten konnte ich diese Spirale durchbrechen. Abwerten vermeidet meistens die Auseinandersetzung mit Dingen.
Mir fällt es vor allem bei anderen Menschen extrem auf, wenn sie dauernd abwerten. Übrigens für mich ein Grund, mich in meinem Job so unwohl zu fühlen. Nicht weil ich abwerte, sondern weil mich die Abwertungen der anderen so extrem ankäsen. Ich bin da empfindsamer geworden.
Alle Menschen sind gleich? Manche sind gleicher? Manche sind gute Menschen – andere Gutmenschen? Mit allen müssen wir mehr oder weniger zurechtkommen, kein einfaches Unterfangen. Noch schwerer aber ist das Zurechtkommen mit einem einzigen Menschen: Sich selbst!
Liebe Grüße,
Elvira
Mit mir selbst zurechtkommen? Das geht ja garnicht! Deshalb hatte ich ja 10 Jahre lang nur die Kunstfigur gelebt und nicht mich.
Nun, ich bin der festen Überzeugung, dass wir alle, fast ausnahmslos, Kunstfiguren sind. Manch einer weiß das, die meisten Menschen aber nicht. Sie glauben, dass sie das sind, was sie darstellen. Die Balance zwischen beiden Zuständen herzustellen – und zu halten, ist vielleicht die wahre Herausforderung.